Prof. Dr. Detlef Stern

Die lange Woche vom 15.1.24

Letzte Vorlesungswoche. Viele abschließende Veranstaltungen. Erste Prüfungen. Bürokratie allerorten. Neue Ideen.

Das letzte Review beim Agilen Studieren war sehr erwartungskonform. Einerseits beruhigend, was die Qualität des Agilen Studierens angeht. Andererseits traurig, was das Studieren im Allgemeinen angeht.

Immerhin: bei einer Gruppe hatten alle alle Zusatzpunkte. Das gab es vorher noch nicht.

Damit sind 78 Studierende zur Klausur zugelassen. 25 nahmen an der letzten Fragerunde teil. Früher™ war das die Veranstaltung, an der alle teilnahmen. Quasi wie Weihnachten in der Kirche. Wenn schon die Gesellschaft weniger kirchlich religiös wird, warum soll man auch an der Fragerunde vor der Klausur teilnehmen? Insofern konsequent.

Fragerunde im anderen Klausurfach war besser besucht, ca. 45 von grob 60 zur Klausur angemeldeten Studierenden. Viele waren aber wg. FOMO dabei, denn nur ca. sieben stellten Fragen. Zwei Studentinnen hatten sich dagegen sehr gut vorbereitet und deshalb nahmen die Antworten zu ihren Fragen der Großteil der Zeit ein. Da es eine AMA-Session war, kamen auch fachfremde Fragen dran, wie z.B. nach meinem Lieblingscomic.

Seit Freitag sollte man angeblich alles zu den Prüfungen einsehen und Noten eintragen können. Am Samstag kam die Mail. Mit dem Ergebnis: ich darf es nicht. Mal sehen, ob ich meine Klausuren überhaupt veranstalten kann. Die Systemumstellung war schon für viel früher (letztes Jahr) geplant gewesen. Einmal wg. technischer Probleme verschoben. Einmal verschoben, weil es überraschenderweise mehr Prüfungen als gedacht bedarf. Tss, tss, diese Prüfungen. Vermehren sich wie die Hasen. Dafür darf ich mir in den statistischen Eingeweiden Datencluster ansehen. Für meinen eigentlichen Job fehlen mir die Berechtigungen. Und ja, das waren „Profis“, haben dafür Geld bekommen.

Der Abschluss der Projektstudie im vierten Semester war ganz ordentlich. Der Kunde war zufrieden. Man sah bei den Studierenden den Wunsch etwas zu lernen.

Der Abschluss der Projektstudie im siebten Semester war durchwachsen. Bei der einen Gruppe war die Kundin zufrieden. Man sah, dass diese Gruppe im Laufe des Semesters gelernt hat. Die andere Gruppe hat mehr Selbstverteidigung betrieben.

Diese Selbstverteidigung ist mutmaßlich eine Eigenschaft höherer Semester. In einem Masterstudiengang stand eine Präsentationsprüfung an. Auch hier lag der Fokus auf dem Verteidigen der eigenen Position, ohne andere Sichtweisen integrieren zu wollen.

Haben Studierende in höheren Semestern das Lernen verlernt?

Wo ich schon am Fragen bin:

Ist Python die angemessene Programmiersprache für Erstsemester der Wirtschaftsinformatik? Für Erstis womöglich, aber ab wann sollte man alternative Programmiersprachen lernen? Z.B. JavaScript, Go, Kotlin, Java, C#, … Erstaunlich viele können war etwas zusammenbasteln, kennen sich aber nicht mit komplexeren Datentypen aus. In Python ist alles ein dictionary, aka (Hash-) map. Selbst im Abschlusssemester kennen zu viele nicht den Unterschied zwischen call-by-value und call-by-reference. Und wundern sich darüber, dass die Software nicht das tut, was sie soll.

War die Lehre gut, wenn es keinen Widerspruch der Studierenden gab? Meine These: nein. Lernen bedeutet, sich zu verändern. Die sieben Phasen der Veränderung, beginnend mit Schock und Verneinung, oder das Modell nach Lewin, beginnend mit dem Prozess, dass die Erwartungen nicht mehr der Realität entsprechen, bestätigen mein These. Dagegen ist Wohlfühllehre, gerne zusammen mit einer quasi versprochenen sehr guten Note, etwas anderes. Schon klar, so gut wie alle Studierenden beschweren sich über Noten, die nicht sehr gut sind. Kaum jemand beschwert sich, nichts oder wenig gelernt zu haben. Daher kommt dann später der Praxisschock.

In diesem Sinne: Mathe könnte Spaß machen - Betonung auf: könnte.

Andere Gedanken:

Warum muss in einer Demokratie Personenkult betrieben werden. Frage für die Beförderung eines angeblich blaublütigen Menschen oder den Pups eines Menschen mit viel Geld.

Jedes mit einem Akku ausgestatteten Geräts ist von einem Tamagotchi kaum zu unterscheiden. Lasst so ein Gerät mal einige Zeit ohne Beachtung und schon muckt es herum, wenn man es dann doch einmal benötigt.

Die Bewegung der Gesellschaft als Ganzes gleicht einem (gewichteten) Random Walk. Jede/r zieht in die eigene Richtung und am Ende kommt etwas anderes, gerne unerwartetes heraus.

Die Akkreditierungsagentur möchte alle Felder in den Formularen ausgefüllt bekommen. So sind nun einige, auch ich, damit beschäftigt in die leeren Felder so etwas wie „keine“ oder „n/a“ einzutragen. Man hat ja sonst nichts zu tun.

Einen unmittelbaren Kollegen habe ich in diesem Jahr noch gar nicht im real-life gesehen, zwei erst letzten Freitag. Eine Kollegin nur im Vorbeigehen. Bleiben zwei andere Kollegen, die man mal unter den Wochen gesehen und mit denen man sprechen konnte. Was bedeutet das für kollegiale Absprachen oder gar Zusammenarbeit? Aber ja, ich bin ein DiMiDo-Prof., andere eher MoMi- oder MiDoFr-Prof. Trotzdem.

Zum guten Schluss nach gutem Brauch der gute Link der Woche: Splitterbrötchen (CMLXII). Chris Kurbjuhn spricht es aus: Auf kommunaler Ebene ist es ziemlich eindeutig, wie man die AfD erfolgreich bekämpft: In Orten, wo „Kümmerer“ Bürgermeister sind, also Menschen, die sich um die Belange der Bürger kümmern und eine nachvollziehbare Politik mit dem Ziel, das Leben der Menschen etwas leichter zu machen, betreiben, machen die Nazi-Stinksocken keinen Stich. Damit wird auch das bundespolitische Problem deutlich: Mit Merz und Scholz sind zwei Typen am Start, die das haargenaue Gegenteil von Kümmerern sind. Das gilt ebenso für manch eine/n Bürgermeister/in, die sich wohl mehr als Meister/in denn als Bürger/in sehen. Oder für manche Gemeinderäte. Einige kümmern sich höchstens um das eigene Wohl.