Prof. Dr. Detlef Stern

Die lange Woche vom 1.8.22

Ich bin froh, dass jetzt keine Vorlesungszeit ist. Bei Temperaturen um und jenseits der 30 Grad macht mir Fahrradfahren keine Freude. Zumal am Bildungsdisneylandcampus wohlweislich auf Duschen verzichtet wurde. Mental sind nicht nur im öffentlichen Dienst viele noch auf dem Stand der 1980er oder 1990er. Wenn überhaupt. Das trifft besonders auf den schwarzen Konzern zu, der die Region fest in der Hand hat. Selbst die Klimatisierung der Räume auf 21  bis 24 Grad (lässt sich nicht anders einstellen, Software) ist wenig verführerisch, bedenkt man den Temperaturschock nach Ende der Arbeit. Immerhin half diese, die Klausuren etwas erträglicher zu gestalten.

So erfreue ich mich meines Home-Offices, mitsamt Luftquirl und reichlich erfrischenden Getränken. Hauptthema in dieser Woche war für mich die Bewertung der Klausuren und anderer Prüfungen. Einige Onlinebesprechungstermine konnten mich etwas ablenken, wie auch die Einrichtung eines Zettelstores bei Heinrich Kümmerle. Etwas Basteln an der Software musste auch sein.

Was die Bewertung angeht, so war meine Vorhersage gegen Ende der Vorlesungszeit ziemlich korrekt. Und nein, ich bewerte nicht so, dass meine Vorhersagen eintreten. Aber wenn ein Drittel bis ein Fünftel der Prüflinge während der Vorlesungszeit an den Präsenzterminen (oder beim Agilen Studieren) teilnimmt, dann hat das auch in der Vergangenheit mit den Ergebnissen korreliert. Und ich rede noch nicht einmal von Noten (die gibt es frühestens nächste Woche), ich rede nur von der binären Entscheidung der Prüfung.

Was für eine Verschwendung an Lebenszeit.

In meinem Zettelstore habe ich einige Ideen für Blogposts vermerkt. Einer hat den Arbeitstitel „Nach 20 Minuten bin ich weg“. Es geht grob darum, Verspätungen anderer als Signal für deren Willen am Gespräch zu interpretieren. Hätte ich mich das eine oder andere mal diese Woche selbst daran halten sollen und statt zu warten auf eine neue Terminansetzung zu warten. Positiv gesehen: ich kann noch lernen.

Ja, die Klausuren. Die bewerte ich recht großzügig, wenn es die Aufgabe hergibt. Ein „1+1=5“ kann nicht die volle Punktzahl geben. In jeder Klausur waren von 90 Punkten etwa 20 bis 30 Punkte für eine Notendifferenzierung reserviert. Sprich: die Lösung lies sich nicht unmittelbar aus den Unterlagen herleiten, etwas Denken war gefordert. Der Rest der Punkte konnte mit etwas Vorbereitung erreicht werden, zum Beispiel durch die Teilnahme am Gastvortrag und der anschließenden Besprechung (deren Inhalt dann natürlich dokumentiert werden müssten). Ein reines Ausdrucken und Lesen der Unterlagen reicht nicht, das ist klar. Es geht in meinen Klausuren nicht ums Auswendiglernen. Die meisten Nutzen später sowieso die allwissende Müllhalde. Es geht ums kritisches Denken. Um das, was man aus den Informationen macht. Deshalb sind (und bleiben) es auch Open-Book-Klausuren.

Manche wollen das in der Schule trainierte Auswendiglernen wohl nicht missen.

Immerhin scheint es so, dass diejenigen, die während der Vorlesungszeit aktiv teilnahmen, weniger Probleme mit den Klausuren hatten. Was wieder zeigt, dass Studieren ein aktiver Prozess ist, kein reiner Konsum von Ideen.

Für das Studieren könnte man einen digitalen Zettelkasten nutzen. Der hilft selbst mir, nicht nur beim Erstellen von Klausuraufgaben. Muss ja nicht in jedem Fall der Zettelstore sein. Gibt ja auch andere Software, mit anderen Vor- und Nachteilen.

Heinrich Kümmerle hat lange auf das neue Release des Zettelstores gewartet und wollte diesen dann auch so installiert haben, dass er aus dem Internet für ihn zugänglich ist. Mit der aktuellen Version 0.5 habe ich dafür keine Bedenken, der Zettelstore kann als persönlicher Service auf einem Server betrieben werden.

Am Montagnachmittag war es soweit. Die Installation klappte fast problemlos. Ein, zwei unbedeutende Aspekte muss ich noch prüfen. Diese hatten das Setup nur leicht behindert, mit einfachem Workaround. Ich beobachte noch, ob es Probleme mit dem Betrieb gibt. Aktuell sieht es nicht danach aus.

Der Vorteil von bekannten Nutzern ist für mich, dass ich eine weitere Perspektive auf die Software erhalte. So beim Betrieb seines Zettelstores, als die ersten Suchmaschinenindizierer auftauchten. So gibt es einen kleinen Patch auf Version 0.5.1, um den Zettelstore um ein kleines DSGVO-Problem zu erleichtern. Aber auch Fragen helfen mir. So wird es in Zukunft wohl ein kleines Tutorial, wenigstens eine Übersicht der Möglichkeiten von Zettelmarkup geben. Und da Heinrich Kümmerle irgendwann seinen Zettelstore in Teilen auch öffentlich zugänglich machen will, sollte es eine Möglichkeit geben, auch auf der Startseite interne von externen Elementen zu trennen. Dafür habe ich schon eine Lösung gebaut, auch um etwas Abstand zu den Prüfungsbewertungen zu bekommen.

Das mit der Ausrede des Abstands habe ich etwas ausgedehnt. Tat mir aber gut und bekommt so auch den Bewertungen.

Für die kommende Version 0.6 habe ich begonnen, die Suche nach Inhalten etwas komfortabler zu gestalten. Es gibt in der Web-Oberfläche zwar ein Suchfeld, aber de facto wird der dort eingegebene Text genommen, um alle Zettel nach diesem Text zu durchsuchen. Da können recht viele Ergebnisse herauskommen. Über eine geschickte Wahl der URL kann man weiter filtern, etwa indem man bestimmte Inhalte der Metadaten eines Zettels forciert. Technisch funktioniert das recht gut, ist aber nicht besonders nutzerfreundlich.

Ähnlich wie bei anderen Suchmaschinen wird man dieses Filtern über Metadaten direkt im Suchfeld angeben können. So sucht syntax überall nach dem Vorkommen der Zeichen, dagegen title:syntax nur in den Titeln der Zettel. Auch ist nun die gemischte Suche, z.B. auf Enthaltensein eines Wortes und dem identischen Vorkommen eines anderen Wortes möglich: enthalten =identisch. Wie gesagt, das ist schon jetzt alles über eine geschickte Wahl der URL, genauer der Query-Parameter, möglich. Aber eben nicht besonders nutzerfreundlich.

Dieses kleine, neue Feature (ich nenne es „search expressions ) erlaubt weitere Features. So wird nun bei der Ausgabe einer Ergebnisliste eben dieser Suchtext änderbar ausgegeben, so dass man die Suche einfach verfeinern kann. Im Text von Zetteln werden sich Verweise auf Suchergebnisse angeben lassen, etwa um alle Zettel aufzulisten, die Notizen zu Quellen enthalten. Es wird wohl auch möglich sein, die Ergebnisliste direkt in den jeweiligen Zettel einzublenden. So könnte man einfach eine Liste aller Blogposts auf der Startseite darstellen.

Mit der Version 0.7 werde ich die Möglichkeit abschalten, die Suchergebnisse mittels weiterer Query-Parameter zu beeinflussen. Das betrifft übrigens auch die API. Insgesamt bedeutet das auch eine Vereinfachung der internen Struktur der Software. Auch deshalb wird die Version 0.6 bald erscheinen.

Was war noch?

Ich habe meinen Konsum an „Nachrichten“ erheblich reduziert. Motiviert durch No News Is Good News habe ich meinen RSS-Reader um alle Nachrichtenquellen befreit. Und siehe da: mir geht es mental besser. Selbst ein so staatstragendes Angebot wie die Tagesschau produziert jeden Tag so viel mentalen Müll. Nicht nur auf Twitter wird alle Nas' lang irgendein Vieh durchs digitale Dorf getrieben. Dort auch. Ein großer Teil der „Berichterstattung“ kommt bei mir als Betroffenheitsjournalismus an, bei dem mit der Empathie der Leser:innen gespielt wird. Gerne auch übers Spiel hinaus, hin zur gezielten Manipulation. Nur bin ich selbst fast nie unmittelbar betroffen, kann mir für eine Reaktion Zeit lassen, fast immer viel Zeit, sehr viel Zeit.

Ebenso motivierte es mich, mir wieder die bewusst zu machen, worauf ich Einfluss habe. Nämlich primär nur auf mich selbst, und auch das nur in Teilen (man denke an den eigenen Herzschlag). Meine unmittelbare Umgebung kann ich mehr oder minder stark bitten, etwas zu ändern. Und ab dann wird es sehr indirekt, beginnend mit der mittelbaren Umgebung. Spätestens auf die dritte Ebene habe ich so viel Einfluss wie auf das Wetter.

Vieles, über das berichtet wird, mag interessant sein. Ist es auch relevant? In diesem Moment gibt es auf der Startseite tagesschau.de knapp 50 Berichte, aka „Nachrichten“. Davon waren zwei, drei für mich etwas interessant, keiner davon war relevant. Auf so gut wie alle „Nachrichten“ haben wir so viel Einfluss, wie auf ein Fussballspiel, das wir uns am Bildschirm ansehen.

Je nach aktueller Lage reicht es aus, sich die Zusammenfassung des Tages, der Woche, des Monats zu konsumieren. Die für einen wichtigen Informationen erreichen einen sowieso.

Auch Stephan List, dessen ToolBlog ich immer noch vermisse, ist heute Erschlagen von den Nachrichten. Wir amüsieren uns nicht nur zu Tode, Herr Postman, sondern wir informieren auch zu Tode. Viele scheinen so sehr nach Aufmerksamkeit zu gieren, wie ein kleines, vernachlässigtes Kind.

Aber trotzdem freue ich mich auf ein kleines Like, einen Repost / Retweet. Noch mehr über eine konstruktive Mail. Bin aber nicht abhängig davon ;)