Prof. Dr. Detlef Stern

Die lange Woche vom 27.6.22

Letzte Vorlesungswoche. So wichtig. Für manche. Nicht nur für die Studierenden. Meine war wirklich lang. Auch im Sinne der langen Woche.

Kleines Highlight am Mittwoch: nach der Vorlesung fragt mich ein Student, was das mit der langen Woche bedeutet. Der erste, der genügend neugierig ist und fragt. Kennt wohl das Motto der Sesamstraße. Nun hat er Lektüre für die vorlesungsfreie Zeit nach den Prüfungen.

Zur gleichen Veranstaltung hat mich nun auch mal jemand aus dem Kreis der Studierenden nach einem Sprechstundentermin gefragt. So konnte die Studentin direkt persönlich, wie persönlich es auch via WebEx funktioniert, am Montag einige Verständnisfragen stellen. Und bekam natürlich auch von mir Antworten. Das klappte auch gut, weil sie sich gut vorbereitet hatte. Danke dafür.

Zwei Beispiele, was Studieren auch bedeutet: sich aktiv um das eigene Wissen und Fähigkeiten bemühen. Nicht warten, bis andere das für einen tun. So wichtig.

Irgendwie hatte ich für diese Woche beinahe auf volle Vorlesungsräume gehofft, in den Fächern mit abschließender Klausur. Für die eine Klausur waren 140 angemeldet und 27 zum letzten Präsenztermin anwesend. Es wurden so grob 15 Fragen gestellt. Für die andere Prüfung waren 90 angemeldet und 24 anwesend. Vielleicht weil ich gesagt hatte, dass ich den letzten Termin für Inhaltliches nutzen muss und Fragen nächste Woche während einer Online-AMA-Session gestellt werden können. Ob dann wirklich alle zur Klausur angemeldeten Studierenden erscheinen? Manchmal sollen Wunder geschehen, angeblich.

Und dann waren da noch die Abschlusspräsentationen der Projektstudien, viertes und siebtes Semester, insgesamt fünf Gruppen (oder Teams?). Immerhin eine Gruppe hat klar kommuniziert, dass sie ihr eigentliches Projektziel nicht erreicht haben. Einer anderen Gruppe möchte ich ich ernsthaft glauben, dass sie ihr Projektziel erreicht haben. Die drei anderen Gruppen haben laut Präsentation ihr Projektziel erreicht. Bei zwei dieser Gruppen hatten externe Stakeholder recht schnell eine differenziertere Sicht kommuniziert.

Wie las ich letztens (leider nicht im Zettelstore verzettelt, sonst wüsste ich wo): Manager wollen Probleme managen. Ingenieure wollen Probleme lösen.

Am Mittwoch war mir klar: das Seminar ist meine diessemestrige Lieblingsveranstaltung. Zweiter Durchgang der Seminarpräsentationen. Und wieder stellen die Teilnehmenden ebenfalls Fragen zu den Präsentationen ihrer Kommilitonen. Auch jene, die vorher oder nachher selbst präsentieren. Kein Wegducken, wie bei vielen Prüfungsleistungen. Wirklich beeindruckend. Hach, am liebsten würden deren Bachelor-Arbeiten betreuen. Wünsche darf man ja haben. Immerhin zwei haben näheres Interesse bekundet.

Auch hier: aktive Studierende. So wichtig.

Sehr angenehm war auch eine abschließende Diskussion um mögliche Inhalte des Seminar im nächsten Semester aus. Hier sprachen sich alle für eine Fortführung des aktuellen Konzeptes aus und waren von meiner Idee, das GEB-Buch zu besprechen, nicht so angetan.

Ziemlich, hmm, wie drücke ich das jetzt diplomatisch aus, es lesen ja auch Kollegen mit, also ziemlich „wichtig“, „spanend“ und „interessant“ war die Sitzung am Mittwoch mit fast allen Kolleg:inn:en, Mitarbeiter:inne:n und manchen Studierenden der Fakultät. Mir kam es zunächst wie eine Demonstration dafür vor, wie man elegant eine so große Sitzung leiten und dabei Konflikte umgehen kann. Mir zeigte es, dass so große Sitzungen maximal als Informationsveranstaltungen geeignet sind. Aber nicht, um Konflikte lösen zu wollen oder nur darüber zu diskutieren. Politik pur. Die Sitzung dauerte regulär 140 Minuten, ohne Pause. So erfuhr jede:r am eigenen Beispiel, dass Politiker:innen viel Sitzfleich haben müssen, wollen sie „erfolgreich„ sein. Auf den Kopf kommt es nicht so sehr an, mehr auf rhetorische Fähigkeiten.

Was habe ich noch von dieser Sitzung mitgenommen? Als introvertierte Person bin ich dort völlig fehl am Platz. Der lauteste, die schnellste, diese Menschen kommen eher zu Wort. Die oder der Nachdenkliche eher weniger. Damit meine ich nicht unbedingt mich. Das Wort der Sitzung war „Bar“, auch eher im Kontext extrovertierter Menschen mit viel Sitzfleisch. Immerhin gibt es eine Terminabstimmung der DFG-Doodle für eine Klausurtagung, bei der die drängendsten Probleme behandelt werden sollen. Terminidee: kurz vor der nächsten Vorlesungszeit, Ende September. Somit bleiben mehr als zwei Monate stillen Nachdenkens oder kleiner Diskussionen in irgendwelchen Zimmern.

Apropos, drängendste Probleme. Seitens mancher Leitungsrunden der Hochschule soll diese ASAP umstrukturiert werden. Der Prozess dahin scheint zum einen zu bestätigen, dass das Hochschulwesen unreformierbar sein soll. Zum anderen ist es interessant, das relevante Stakeholder am geplanten Ende dieses Prozesses nicht mehr im Amt sein wollen und die Ergebnisse nicht mehr verantworten. Aber warum soll eine Hochschule wesentlich anders sein, als Unternehmen vergleichbarer Größe?

Wert zu bemerken ist auch die Aufforderung, doch mal nach Synergieeffekten zu suchen. In diesem Fall über den kleinen Rahmen des eigenen Studiengangs oder des etwas größeren Rahmens der Fakultät hinaus. Vermutlich ist das Gesetz von Conway noch nicht überall bekannt. Aber hey, vielleicht finde auch ich Menschen aus anderen Studiengängen, Fakultäten (oder gar Hochschule), mit denen man gut zusammen arbeiten kann. Denn auch das war eine Erkenntnis meiner langen Woche: manche Kolleg:inn:en heißen nur so, sind es aber nicht unbedingt.

Am Freitag konnte ich meine neue Fahrradregenhose gleich ausprobieren. Denn diesen Freitag hatte ich nicht freie Zeiteinteilung. Vielmehr habe ich mich gemeldet, um am Tag der Lehre meiner Hochschule aktiv teilzunehmen.

Passiv, als Zuhörer, gefiel mir der eingeladene Vortrag von Prof. Dr. Christian-Rainer Weisbach: „Methoden der professionellen Gesprächsführung im Lehr-Lernkontext: Ohne Fragen zu stellen ehrliche Antworten bekommen.“ Danke an die Organisation des Tages, auch für diesen Vortrag. Da habe ich etwas zu verzetteln.

Aktiv habe ich Agiles Studieren in Form eines Vortrags vorgestellt. Trotz der geringen Anzahl an Zuhörer:inne:n hat mich die Resonanz gefreut. Sowohl während meiner Präsentation, als auch danach. Es war ja Freitagnachmittag. Jemand möchte meine Gruppeneinteilungssoftware nutzen. Der aktuelle Prorektor für Studium und Lehre war sehr angetan. Der vorige Prorektor überlegt, die Methode in seinen Fächern einzusetzen. Und wenn den Worten auch Handlungen folgen, dann freut mich das um so mehr.

Auch nächste Woche wird es eine lange Woche geben. Zwar gibt es keine Lehrveranstaltungen mehr, aber viele andere Termine im Hochschulkontext. Und auf den Kaffee mit Heinrich Kümmerle am Mittwoch freue ich mich schon jetzt.