Prof. Dr. Detlef Stern

Die lange Woche vom 13.6.22

Diese Woche war lurz, aber immerhin eine lange Woche. Erstaunlich, wie das Abschalten in einer anderen Woche dazu führen kann, dass sich Fähigkeiten und Perspektiven ändern. Ich musste sogar mehrmals überlegen, wie das mit den Lehrveranstaltungen funktioniert. Bing! Knifflig.

Vor ziemlich genau drei Jahren wurde mir mitgeteilt, welches Büro ich im neuen Gebäude des Bildungsdisneylandcampus bekommen sollte und meine Anmeldung zu meiner letzten Prof-Weiterbildung in Präsenzform trudelte per Mail herein. Herrje, das waren Zeiten.

Highlight der akademischen Woche war die Unterhaltung mit einer Person, die mutmaßlich für die technische Funktionstüchtigkeit der dann doch nicht mehr so neuen Gebäude zuständig ist. Ob nun Hausmeister oder Facility Manger oder sonst ein Manager, das blieb mir unklar, ist aber nicht zu wichtig. Auf jeden Fall schimpfte er fundiert über die Installation der Raumsteuerung, deren Hersteller (dort wird wohl noch ein sechsstelliger Eurobetrag wg. den Mängeln zurückgehalten), und die Ausbildung der installierenden und fehlersuchenden Personen. Wie meinte er so schön, in Anwesenheit man eines Studierenden: „Generation Game Boy“. Da würde nur herumgespielt und nicht systematisch vorgegangen.

Diese Aussage kann ich auch in anderen Kontexten nur bestätigen.

Sehr gerne, und für ihn bestätigend, nahm er meinen Fehlerbericht über die tagsüber angeschalteten Leuchten entgegen. Er meinte, das alles ließe sich wunderbar mittels Software steuern, aber: „Generation Game Boy“.

Leider hat der Mann mutmaßlich nicht die erforderlichen formalen Qualifikationen, aber besser als einige Bewerber unserer Prof.-Stellen ist er allemal. Worin er sich auch wohltuend von manchen (nicht nur) Twitter-Usern abhebt, die lieber über etwas schreiben, häufig genug im Konjunktiv, aber bisher wenig davon persönlich in die Tat umsetzten.

Wir haben definitiv kein Ideen- oder gar Kreativitätsproblem. Aber die Metaebene scheint vielen so schön kuschelig, dass ein Kontakt mit der Realität nur stört.

Da offenbar die ganzen selbst erklärten Virologieexpert:inn:en, Fußballtrainerexpert:inn:en, Wehrexpert:inn:en aktuell nicht so viel Aufmerksamkeit bekommen, erklären sich nun mal wieder diese und andere zu Bildungsexpert:inn:en, gerne zugleich auch als Klima- und/oder Wetterexpert:inn:en.

Und so wird gepostet, was das Zeug hält. Zum Beispiel „neue“ Konzepte für eine Hochschulausbildung, oder wie in Zukunft gelernt werden wird. Diese dienen hauptsächlich dazu, eigene Traumata aus der eigenen Schul- und Hochschulzeit zu bewältigen. Eher sekundär haben diese etwas mit tatsächlichen Erfordernissen zu tun und sind meistens nur gut gemeint. Mehr sind sie selten, was aus das Auslassen realistischer Umsetzungspläne signalisiert. Hauptsache irgendetwas mit „KI“ oder Blockchain. Und wenn dann die böse Realität kommt, waren andere Schuld. In der Theorie war auch der Kommunismus eine gute Sache, zumindest für jene, die daran glaubten. Die Praxis lehrte dann etwas anderes.

Dabei gibt es eine so einfache Möglichkeit: man tut das selbst, was man anderen vorschlägt und beobachtet, was dabei passiert. Eat your own dog food. Weniger glauben und hoffen, mehr tun, einfach machen.

Zu schwer für manche. Da ist es einfacher, etwas „vorherzusagen“. Wen interessiert es in 1, 2, 5, 10, 15  Jahren, dass ein Geschwafel, äh eine „Vorhersage“ vor 1, 2, 5, 10, 15 Jahren so richtig daneben lag. Dabei wäre der beste Weg die Zukunft vorherzusagen, sie zu erfinden (grob nach Alan Kay, einem meiner Helden). Aber dazu bequemen sich zu wenige aus ihrer Komfortzone in der Metaebene, und schwafeln lieber. Hauptsache Aufmerksamkeit. Ohne mich.

Bei allem Gemeckere über Schwafler aller Generationen, bemerkte ich diese Woche eine kleine Änderung in meiner Lehrhaltung.

Fängt man als Prof. an einer Hochschule an, dann hat man mindestens fünf Jahre in der außerwissenschaftlichen Praxis gearbeitet, idealerweise. Und da ist es normal, wenn man in Lehrveranstaltungen Beispiele aus der früheren Praxistätigkeit anführt. Hach, hängen einem die Studierenden dann an den Lippen. Jemand, der frisch aus der Praxis an die Hochschule kommt, der muss ja wissen, wie es außerhalb der Hochschule zugeht.

Tatsächlich ist dem höchstens in Teilen so. Ich habe durchaus viele Erfahrungen sammeln können, aber systematisch und umfassend waren diese nicht, rückblickend. Ich hatte Glück, für einige Unternehmen tätig zu sein, sogar in manchen Konzernen. Auch war ich einige Jahre als Selbstständiger unterwegs und konnte viele Perspektiven wahrnehmen. Ich war sogar für einige Zeit arbeitslos, als Folge zweier Insolvenzen, und konnte so Menschen wirklich kennen lernen. Aber das alles entspricht dem Versuch, ein Zimmer vollständig zu erfassen, indem man durch das Schlüsselloch blickt.

In den ersten Jahren habe ich es genossen, wie mir meine angeblichen Praxiserfahrungen geglaubt wurden. Aber nach einiger Zeit stellt man für sich die zeitliche Distanz dieser Erfahrungen fest, unabhängig davon, wie man sich schon immer weiterbildete. Heutzutage habe ich tiefere Einblicke, als ich jemals in meiner Praxistätigkeit bekommen konnte. Durch Kooperation mit Unternehmen, durch Gespräche, durch eigene praktische Tätigkeiten und durch wer-weiß-was-sonst-noch sehe ich mich in meinem Fachgebiet auf dem aktuellen Stand, auch was die Praxis angeht.

Diese Woche habe ich gemerkt, dass ich alt werde. Nicht alt im Sinne von gebrechlich. Das kommt hoffentlich erst später.

Besonders fiel mir dies in meiner diessemestrigen Lieblingsveranstaltung auf, im Seminar. Die schriftlichen Arbeiten wurden schon letzte Woche abgegeben, es ging diesen Mittwoch um die Vorbereitung zu den (Forschungs-) Präsentationen, die kommende Woche beginnen. Die eigentlichen Fragen waren schnell beantwortet, niemand kommunizierte offene Punkte für das Seminar. Da fragte ein Student nach meiner Meinung, ob und wie man nach dem Bachelorabschluss ein Masterstudium aufnehmen sollte.

Relativ schnell kamen wir, viele andere Studierende diskutierten mit, über die Problematik persönlicher Optimierungen zur eigentlichen Kernfrage: dem des Sinn des Lebens. Was fängt man mit seinem Leben an. Und nein, 42 ist nicht die Antwort. Natürlich ist die Frage nach dem Sinn des Lebens ähnlich sinnlos wie die Frage nach dem besten Schachzug. Diese muss jede:r für sich selbst entscheiden. Aber nach welchen Kriterien? Persönliche Zufriedenheit, persönliches Glück. Ist etwas wichtig, was jemand anderes für wichtig hält?

Und so wurde das „Seminar IT-Systeme“ zu einer nicht weniger relevanten philosophischen Diskussion, die wohl einige der Anwesenden auf andere Gedanken brachte. Mich zu der Erkenntnis, dass ich nicht nur mit Theorie und Praxisbeispielen lehre, sondern auch mit meinen reflektierten Erfahrungen, inklusive Erfahrungen anderer, mit einer größeren Umsicht als früher™.

Nennt man in anderen Sprachen „senior“.

Und dann war schon die Woche vorbei, es war ja eine kurze, und nun sonne ich mich auf einer Loggia in dieser Erkenntnis.

Loggia im Juni 22