Prof. Dr. Detlef Stern

Die lange Woche vom 30.5.22

Diese Woche war lang, ziemlich lang. Aber die lange Woche heißt ja nicht so, weil die Woche lang war. Das lange bezieht sich auf etwas grundsätzlich anderes, und es hat jemanden interessiert.

WebEx-Montag war eher ein WebEx-Vormittag. Gleich um 8 Uhr begann die Vorlesung „Softwaretechnik“, die am Donnerstag nicht stattfinden wird. Beinahe erstaunlich waren nur jene anwesend, die auch via ILIAS ein Interesse an dem Ersatztermin bekundet hatten. So verwunderte es kaum, dass alle auch Ihre Kamera angeschaltet hatten. Gut, vielleicht lag es auch daran, dass die Alternative bestanden hätte, zum nächsten Präsenztermin mit einer Papiertüte auf dem Kopf erscheinen zu müssen. Kleiner Scherz. Die Vorlesung war recht angenehm, auch dank der guten Fragen. Weil nur die wirklich Interessierten dabei waren?

Manchmal frage ich mich, warum manche ein Fach studieren, obwohl sie kein Interesse daran zeigen (wollen?).

Dann wieder Vorteil Homeoffice: vor der nächsten Besprechung gibt es einen leckeren Espresso, mitsamt entspannender Morgensonne auf einer Terrasse.

Die nächste Besprechung ist der zweite Teil zur gemeinsamen Arbeit an der neuen Studien- und Prüfungsordnung. Da wir alle unsere Hausaufgaben gemacht hatten, war das Ziel der Besprechung schon nach der Hälfte der Zeit erreicht. Gilt also auch für Professor:innen, was wir den Studierenden immer wieder sagen. Nun hat ein Kollege die Hausaufgabe, alles zusammen zu bringen, damit wir den nächsten Schritt machen können.

Die andere Hälfte der Zeit ging es, wie in jeder Organisation, um begründeten Klatsch. Na ja, nicht ganz, aber etwas. Aber hey, wir sind ja Professor:innen, also per Amt konstruktiv. Und so überlegten wir, wie wir aus den Hochschulgegebenheiten das Beste machen können. Schade, dass das Miro-Board für die SWOT-Analyse etwas spät verfügbar war. Dann machen wir unsere Hausaufgaben etwas später. Bitte hier ein „Aufgeschoben ist nicht aufgehoben“ oder eine ähnliche Plattitüde einfügen. Danke.

Ja, und dann ging es nach dem (aus Gründen) selbstgeschnitzten Mittagessen per Rad an den Bildungsdisneylandcampus. Und das am heiligen WebEx-Montag. Warum? Der zweite Teil des ausfallenden Donnerstags, diesmal Projektstudie im 4. Semester. In so einer Lehrveranstaltung ist physische Präsenz viel besser. Auch wenn andere „Dozierende“ das anders sehen. So konnten alle Gruppen ein Weekly machen, bei dem es auf alles Aspekte der Kommunikation ankommt, nicht nur das gesprochene Wort. Auch deshalb Präsenz, weil zwei Studenten eine Teilprüfung ablegten und es unfair wäre, würden einige dies online machen. Auch eine Erfahrung, mal erst am Nachmittag an den Arbeitsplatz zu fahren.

Am Dienstag war, wie fast jedes Semester, meine Lieblingslerneinheit über Kommunikationsmanagement (als Teil des Projektmanagements) an der Reihe. Einige Teilnehmer konnten sogar die Beziehung zum Gastvortrag der vorherigen Woche herstellen. Danach gab es, wie üblich, persönliche Lernberatung zu den Themen beim Agilen Studieren. Da ist es immer wieder erstaunlich, wie wenige sich bei Schwierigkeiten an den Professor wenden. Aber vielleicht unterstelle ich auch nur etwas und die anderen 130 Teilnehmer der Klausur haben schon alles verstanden.

In der nachmittäglichen Projektstudie hatten wir viel Spaß. Man merkt, dass so langsam einige begreifen, worum es geht. Und dann kann ich auch Weiterbildung der anderen Art machen, z.B. in Form von XKCD-Comics. Wunderbar, wie sich dann der eine oder andere für die Vorteile der Kommandozeile begeistern kann. Am Anfang ist das so etwas, wie ein text-basiertes Adventure-Game. (Wurde netterweise am nächsten Tag in einem anderen Kontext, dem eines Forschungsprojektes wiederholt.)

Und dann hatten die Studenten schon vor zwei Wochen gefragt, ob wir uns nicht in einem Biergarten treffen können. Etwas Klönschnack und so. Ha!, nach etwa drei Jahren das erste Mal wieder. Zeichnet auch die jeweiligen Gruppen aus, die so etwas vorschlagen. Und nein, es ging nicht um Rumschleimerei. So trafen wir uns in einem der hiesigen Biergärten, nette Location, überschaubare kulinarische Qualität, und klönten bis in den Abend. Über alles Mögliche, manchmal auch über die Hochschule. Ich fand es beispielsweise interessant, dass die Studenten extra nur zum Termin der Projektstudie in die Hochschule fahren, auch damit ihnen zu Hause nicht die decke auf den Kopf fällt.

Es war ein schöner Tag, wie ich mir beim Rückradeln so dachte. Dank eines Studenten habe ich einen Alternativweg kennengelernt. Einen, der nicht an der Fressmeile vorbei führt und wohl von der Stadt empfohlen wird. Aber natürlich mit besch… Ampelschaltung, sowohl am Europaplatz, als auch am Neckartum. Auch hier sieht man, dass es in der Stadtverwaltung niemanden gibt, der wirklich mit dem Fahrrad fährt. Selbst der Oberbürgermeister nicht, der auch hier mit gutem Beispiel als Autofahrer vorangeht, obwohl er fast den gleichen Weg fährt, den ich auch radel. Heinrich Kümmerle würde wohl entgegnen, dass es in der Stadtverwaltung offenbar eher auf das richtige Parteibuch ankäme, höchstens nachrangig auf Kompetenz. Und ich würde entgegnen, dass es wohl die eine oder andere Ausnahme geben könnte.

Gab es nicht einmal eine Gesellschaftsform, bei der Parteifunktionäre auch in anderen Bereichen das Sagen hatten. Wie es dieser Form wohl heute geht?

Nach dem netten Nachmittag / Abend mit den Studenten war ich natürlich mit nur zwei Radlern unterwegs. Und hatte beim Radeln etwas Glück, was ich am nächsten Morgen feststellte.

Auf meinem Weg zur Arbeit fahre ich immer an einem Park vorbei, der vor Jahrzehnten mal Ort einer Landesgartenschau war. Dieser wird immer noch gehegt und gepflegt. Da liegt kein Blatt zuviel am Boden, jeder Ast ist angemessen gestutzt. Aber dafür verkommt der Rest der Stadt, zumindest was Pflanzen im öffentlichen Raum angeht. Gefühlt scheint ein Drittel der städtischen Gärtner und Hilfskräfte am Ort der ehemaligen Landesgartenschau zu arbeiten, das andere Drittel am Ort der ehemaligen Bundesgartenschau und der Rest muss sich um die restliche Stadt kümmern. Da könnte man fast agil sein, diesmal im positiven Sinne, und sich den Bauhof der Stadt Herrenberg ansehen und lernen. Da hat sogar der aktuelle Innenminister gratuliert. Dieser kommt aus Heilbronn und besucht immer mal wieder den Oberbürgermeister. Aber vermutlich besprechen die etwas anderes. Wenn bisher niemand den OB beim Kehren und Schneiden gesehen hat, warum sollen es dann die städtischen Mitarbeiter anders machen?

So passiert es, dass dornige Pflanzen in die Radwege hineinreichen werden, wenn man noch ein, zwei Wochen wartet. Und was sind schon ein, zwei Wochen im öffentlichen Dienst. Ich weiß wovon ich spreche, ich arbeite selbst in einer Behörde und bekomme bei internen Anfragen vielleicht nach Monaten Auskunft. Aber wir sind ja alle mündige Bürger, brauchen keine Nanny und können selbst den Dornen ausweichen. Nur die Harten gehören aufs Rad.

Sehr lustig auch ein Bericht der hiesigen Zeitung über eine Evaluation der Fahrradständer an den Schulen der Stadt (via). Hätte mich interessiert, wenn man am Bildungsdisneylandcampus gleich mitgetestet hätte. Ein Kriterium war, dass Fahrradständer überdacht sein sollten. Nun ja, alles aus dem Hause Schwarz muss ja gut sein, sonst hätte darüber jemand berichtet, oder? Wo doch die schwarzen Führungskräfte zu gerne über ihre Dienstwagen tratschen, aber einer bestimmten Ebene auch über den Elektrozweitdienstwagen. Das Fahrrad wäre ja höchstens so etwas, wie ein Drittdienstwagen, ganz nachhaltig.

Das Seminar am Mittwoch war in Teilen recht gut. Schöne Fragen der Teilnehmenden an jene, die präsentierten. Auch gerne einmal kritisch. Und mich freut es, wenn jemand auch mal auf die kleinen Details achtet und zum Beispiel nette, kleine Graphiken zur Präsentation verwendet.

Was mich selbst nach Jahren der Lehre irritiert: da präsentiert jemand erst am letztmöglichen Termin (selbstverschuldet) und bereitet dann die Unterlagen so gut wie nicht vor. Dienstag ist Abgabe und die Präsentation dient dem Feedback. Und man nutzt das Angebot für eine nicht zu schlechte Seminararbeit einfach nicht. Wer nicht will, der hat schon.

Donnerstags fand den ganzen Tag meine Lehrveranstaltung „Software Lifecycle Management“ im berufsbegleitenden Master statt. Deshalb die Ersatzveranstaltungen am Montag. Wir hatten viel Spaß. Fast sollte man meinen, eine Grupengröße von sieben engagierten Studierenden ist ziemlich ideal. Wir alle konnten etwas lernen. Diskutiert wurde einiges. Eine Folienschlacht ist dann wirklich unnötig, wir konnten uns auf die wesentlichen Aspekte des Themas konzentrieren. Auch weil alle ihre Hausaufgaben gemacht hatten.

Einen kleinen Dämpfer gab es für mich diese Woche, als ich entdeckte, dass Inhalte aus einer persönlichprivaten Mail im Web auftauchten. Sogar Suchmaschinen hatte diese indiziert. Vielleicht sollte ich bei dem einen oder anderen so etwas wie eine Chatham House Rule einführen. Bleibt hoffentlich ein Einzelfall.

Zum Wochenende habe ich noch die Lösungsvorschläge beim Agilen Studieren im Fach „Projektmanagement“ begutachtet. Eine Gruppe arbeitete, wie schon das ganze Semester, recht gut. Zwei der insgesamt zehn Gruppen waren durschnittliche unterwegs. Man merkt, dass die Vorlesungszeit bald vorbei sein wird. Aber zum Durchschnaufen gibt es erst einmal eine Woche vorlesungsfrei.

Die nächste lange Woche fällt daher aus. Aber die lange Woche heißt ja nicht so, wie lang oder kurz die Woche sein wird.