Prof. Dr. Detlef Stern

Die lange Woche vom 16.5.22

Auch diese Woche war gefühlt recht kurz. De facto musste ich vieles nacharbeiten, was in der letzten Woche liegen blieb, wenn auch eher aus privaten Gründen. Aber die lange Woche heißt ja nicht so, weil die Woche lang war. Das lange bezieht sich auf etwas grundsätzlich anderes, falls das jemand interessiert.

Montag war fast kein WebEx-Tag. Trotzdem viele kleine Unterbrechungen. Immerhin ein Student hat meinen Status „Bitte nicht stören“ bemerkt und mir statt dessen eine Mail geschrieben. Danke! Mail wird gerne verteufelt, aber es gibt nichts besseres, wenn es auf asynchrone Kommunikation ankommt, die dezentral und herstellerneutral erfolgen soll. Alles andere sind nur Silos. Mail liefert mir automatisch eine einzige Inbox. WebEx- (oder sonstiger) Chat liefert mir das nicht. Dann muss ich immer wieder alles in andere Systeme übertragen, damit nichts verloren geht. Schrecklich.

So wie es aussieht werde ich demnächst eine Thesis für jemanden aus dem berufsbegleitenden Master betreuen. MBA statt MSc, aber zum Glück hat das für mich in der Betreuungspraxis keinerlei Auswirkungen. Thema ist auch für mich interessant, der Student bastelt am Exposee. Ich freue mich auf die Betreuung.

Unabhängig davon habe ich für die beiden anderen Studiengänge für dieses Semester noch genau einen Betreuungsplatz zu vergeben, aus Deputatsgründen. Zwei Studenten hatten sich letzte Woche dazu mit mir unterhalten, separat natürlich. Trotzdem habe ich dazu etwas Transparenz hergestellt, FCFS. Beide sollten einen Entwurf für ein Exposee erstellen, damit wir im Detail über alles sprechen können. Beide wollten, dass ich sie betreue, keiner hat mir bisher etwas gemailt. Das mal zum Thema gefühlte wichtige Dringlichkeit. Wer nicht will, der hat schon.

Am Mittwoch habe ich erfahren, dass sich für meine beiden Klausurprüfungen jeweils 142 und 86 Studierende angemeldet haben. Bei jeweils ca. 35 und 25 Teilnehmern zum Präsenztermin wird es mich nicht überraschen, wenn die Klausur als zu schwer eingestuft wird, unabhängig davon, wie einfach sie bei vernünftigen Studium tatsächlich zu bearbeiten sein wird. Auch hier: wer nicht will, der hat schon.

In einem dieser Fächer war ich diese Woche erschrocken, wie manche ihr Lernen verweigern. Klar, Lernen ist Veränderung und es gibt die sieben Phasen der Veränderung, die jede Person durchläuft. Übrigens auch ich. Ob es nun sinnvoll ist, in der zweiten Phase stehen zu bleiben, bezweifle ich. Neben der üblichen Frage, warum diese überhaupt einen akademischen Abschluss erwerben wollen, frage ich mich, die es kommt, dass diese überhaupt so denken und (nicht) handeln. Ich habe keine Probleme mit Menschen, die etwas nicht wissen. In den meisten Fällen bin ich selbst so ein Mensch. Aber als geistiger Trittbrettfahren die Leistungen anderer als die eigene zu identifizieren ist mir dann doch zu problematisch. Zumal sich diese Personen meist auch selbst täuschen. Und dann ist die logische Konsequenz, z.B. das Nicht-Bestehen einer Prüfung, eine Ent-Täuschung. Nun ja.

Vielleicht haben diese Personen auch nie wirklich gelernt, Probleme zu lösen. Wenn alles mundgerecht vorgekaut wird, dann nimmt man nur noch Brei zu sich. Erinnert mich an eine Szene, als ich auf einer Raststätte, eine Helikoptermutter beobachtete, deren Kind selbst eine Helikoptermutter ist. Das arme Kind, war mein erster Gedanke. Und dachte an die zwei betroffenen Kinder. Und nein, ich bin kein Befürworter von „nur die harten kommen in den Garten“, außer bei manchen Pflanzen. Aber nie bei Menschen. Wer meine Geschichte kennt, weiß warum.

Das schöne Wetter lädt viele zum Radfahren ein, auch zum Pendeln an den Arbeitsort. Es soll ja Organisationen geben, die das Rad (!) wieder um mehr als zwei Jahre zurückdrehen wollen und Beschäftigte in Präsenz haben wollen, um die dann vor Ort doch alleine zu lassen. Trotzdem wäre es für manche besser, wenn diese Neuradler nicht Rad fahren, sondern besser den Bus nehmen. Genau wie Sonntags(auto-)fahrer (vor denen mit Hut am Steuer mich mein Vater schon als Kind mit gutem Grund warnte). Da fahre ich z.B. an einer Kindergartenwandergruppe langsam und mit Abstand vorbei und dann überholt mich ein Student (den ich später am Bildungsdisneylandcampus wieder traf) rechts und mit locker 25 km/h. Mal nach rechts oder links zu sehen, ob da jemand anderes kommt, ist bei diesen Menschen auch eher wenig verbreitet. Änderungen der Geschwindigkeit oder der Fahrtrichtung anzeigen scheint etwas für Feiglinge zu sein. Diese Woche erinnerte mich an den ewigen September, nur in Bezug aufs Radfahren.

Fast schon belustigt war ich dann, als die Polizei dann doch einmal genau jene Radfahrenden heraus- und mich weiterwinkte. Bin ja ein braver Staatsbürger. Half aber trotzdem nichts. Jene fahren rücksichtslos weiter und schimpfen auf die rücksichtslosen Autofahrenden. Aber irgendwie ist das nichts Neues, sondern der Normalzustand. Zu viele an führender Position machen das ja vor und werden immer gerne wieder von „den Medien“ dafür gelobt. Da wundern einen die Standorte des mietbaren Metall- und Elektroschrotts auch nicht mehr.

Aber diese Jahreszeit hat natürlich auch ihre positiven Seiten. Aktuell freue ich mich über die Karamellbonbonbäume in ihrer Blütenpracht. Und dass mich der Heuschnupfen noch nicht zu sehr erwischt hat.

Dann denke ich über die drei Einflusssphären nach: was ich direkt, was ich indirekt und was ich nicht beeinflussen kann. Zwar wünsche ich mir, dass dies mehr andere berücksichtigen würden, wenn sie nebenan herumpiepsen oder -tröten würden. Aber auch das kann ich nicht beeinflussen. Zum Glück hängt mein Glück nicht von Geschehnissen ab, die ich nicht beeinflussen kann.