Prof. Dr. Detlef Stern

Die lange Woche vom 2.5.22

Der Montag begann schon mal ganz gut, da mit Beginn des Mai eine stud. Hilfskraft für das Forschungsprojekt ÖPNV-Transparenzregister begonnen hat und an dem ich mit Semesteranfang auch offiziell beteiligt bin. Zusammen wollen wir den Quellcode, der in den letzten Jahren entstanden ist, analysieren und verbessern. Das Projekt läuft noch etwas mehr als ein Jahr und die Software wird danach ggf. an den Auftraggeber übergeben. Auf jeden Fall freue ich mich, dass ich das gemeinsam machen kann.

Was ich an Lehrveranstaltungen eigentlich schätze, sind die Gespräche nebenher. Im Fach Projektmanagement konnte ich den einen oder anderen Erkenntnisgewinn der Teilnehmerinnen sehen, so richtig mit den Augen, wie die Lampe der Erkenntnis begann zu leuchten. In einer Projektstudie gab es ein nettes Gespräch über die Comics von Don Rosa. Während der Prüfungseinsicht ging es eben nicht nur darum, wie schade es sei, zu wenig Punkte in der Klausur ergattert zu haben, sondern wie man nachhaltig lernen kann. Und so weiter.

Recht viel Spaß machen mir auch das Seminar, in dem es immer noch inhaltliche Diskussionen gibt, die nicht durch mich initiiert sind. Wunderbar. Wie auch die sich langsam bahnbrechende Erkenntnis, wie wundersam die Themen doch zusammen passen. Und das Fach Softwaretechnik, das könnte dieses Semester meine Lieblingsveranstaltung werden, so wie es dort gut vorbereitete Fragen (auch im Forum) oder Diskussionen gibt. Das ist so wirklich der Kontrastpunkt zu den ausgeschalteten Kameras der Notfallonlinelehre mit ziemlich anonymen Teilnehmern.

Was nervte? Die Lichtsteuerung in dem Büros und Vorlesungsräumen am Bildungsdisneylandcampus sollte mal neu programmiert werden. Selbst bei vollem Tageslicht werden die Lampen angeschaltet. Als ob sie erst noch ihre Existenzberechtigung nachweisen müssen. Wer das programmiert hat, der sollte mal für einige Zeit mit PHP oder COBOL gefoltert werden dürfen. Hmm, vielleicht ist das alles in einer dieser Sprachen programmiert worden. Würde fast erklären, warum man das Licht nicht einfach ausschalten kann, sondern sieben bis zwölf Touches auf dem Display braucht. Aber vielleicht kann sich der Betreiber des Campus nicht vor IT-Bewerbungen retten und möchte etwas abschreckend wirken.

Beim vorsichtigen Radfahren durch die sich belebende Innenstadt fiel mir auf, wie sinnvoll ein Segelkurs für Radfahrer und Fußgänger wäre. Autofahrer nutzen ja tendenziell die brachiale Kraft ihres Blechanzugs, wenn es auf Kollisionskurs geht. Beim Segeln lernt man, nicht noch schnell zu versuchen, vor den anderen vorbei zu kommen, sondern erst vorbei zu lassen und entsprechend den Kurs zu halten. Wäre alles viel entspannter.

Denn noch immer versäumt es die Stadt, adäquaten Ersatz für weggefallene Radwege zu schaffen. Ein weiteres Indiz für die These von Heinrich Kümmerle, dass es weder bei der Stadtführung noch im Gemeinderat primär um die Erfüllung der originären Aufgaben geht.

Aber die Stadt Heilbronn ist damit nicht allein. Es soll auch Hochschulen geben, die sich mehr um sich selbst kümmern. Da gibt es große Sitzungen, bei denen der große Zampano viel redet ohne wirklich etwas zu sagen. Zu schade, dass solche Sitzungen unter eine Art Dienstgeheimnis fallen, wie auch die Sitzungen von Berufungskommissionen, insbesondere die Berufungsvorträge.

Aber eines lässt sich sagen. Offenbar gibt es einen Markt für Trainer von Berufungsvorträgen. Da können dann Bewerber hingehen, um zu versuchen, bei diesen Vorträgen und der meist anschließenden Fragerunde möglichst gut auszusehen. Mit dem Ergebnis, dass viele Bewerber:innen fast ununterscheidbar daherkommen. Ob alle die gleiche Trainerin bezahlt haben? Oder ist das ein Berufsfehler? Ich locke mit fast lächerlich klingenden Fragen den wahren Menschen hervor, zumindest versuche ich das. Da hilft meine Erfahrung im Trollen.

Schön auch ein Post zum Thema der Vorteile von sog. Single Page Applications (SPA). Das sind keine normalen Webseiten, sondern wollen eine ganze Anwendung im Web-Browser realisieren. Da gab es in letzten Wochen immer mal wieder Post, die auf die überzüchtete Technologie hinwiesen, wie das mit den Kanonen und Spatzen. Und dann kommt dieser Post daher, um für die Verteidiger von SPAs in die Bresche zu springen. Wirklich eine nette Medienkompetenzübung, die ich sicher auch einmal in eine meiner Vorlesungen einbauen werde.

Michael Gröschel fragt mich auf Twitter, was ich denn von PyScript aus Sicht der Lehre halten würde. PyScript erlaubt es, Python-Code direkt im Web-Browser auszuführen. Die Motivation für PyScript ist vermutlich, das leidige JavaScript hinter sich zu lassen. Natürlich habe ich mir einen Zettel im Zettelstore angelegt, als mir PyScript in den RSS-Reader gespült wurde. Ich bin leider noch nicht dazu gekommen, es wirklich auszuprobieren. Aber schon durch das Lesen der Dokumentation bleiben einige Fragen offen. Wie sieht es mit der Fehlersuche aus? Wird diese explizit so unterstützt, wie z.B. JavaScript? Muss man nicht doch JavaScript lernen, um Fehler im Python-Code analysieren zu können. Ist für Lernende klar, wo welcher Python-Code ausgeführt wird (im Browser oder server-seitig)? Wie funktioniert ein automatisiertes Testen? Welche zusätzliche Komplexität handel ich mir ein? Wie lassen sich nicht-triviale Architekturen realisieren? Module? Pakete? Cool ist nicht immer hilfreich. Still digging.

Ich bin nicht wirklich ein Fan von Elon Musk. Zu vieles, was er macht, ist mindestens frag-würdig. Da ähnelt er dem jungen Bill Gates. Wer aber viel auf ihn hält, Wirtschaftsinformatik studiert und sich überlegt, weshalb man dafür programmieren lernen muss, der sollte sich diesen Tweet durchlesen:

I strongly believe that all managers in a technical area must be technically excellent.

Managers in software must write great software or it’s like being a cavalry captain who can’t ride a horse!

Software ist etwas grundsätzlich anderes, als ein Haus, eine Brücke, ein Auto. „Software eats Spaltmaße,“ meinte letztens jemand mit mehr als acht Buchstaben im Namen. Gilt übrigens auch für Tesla, denn deren Software ist durchaus noch verbesserungswürdig.

In meinen früheren Leben habe ich mehrfach die Erfahrung gemacht, dass Softwareentwickler Menschen, die über Software nur schwafeln kaum ernst nehmen. Wenn aber jemand daher kommt und selbst genügend Erfahrungen auf diesem Gebiet hat, dann …

Aber ja, auch sonst gibt es genügend Menschen, die einfach nur schwafeln. Ob als selbsternannter Bundesfußballtrainer, Virologe, Kriegslogistiker oder gar als agiler Coach. Wie schön wäre doch die Welt, wenn weniger geschwafelt und statt dessen die Menschen ihre eigentliche Arbeit erledigen würden. Das dies nicht passiert liegt wohl daran, dass zu viele es nicht aushalten, nur auf einem sehr begrenzten Gebiet Wissen, Fähigkeiten aufweisen zu können, wenn überhaupt. Wir sind alles Fachidioten, manche verstehen immerhin etwas von ihrem Fach.

Jeder schließt von sich auf andere und berücksichtigt nicht, daß es auch anständige Menschen gibt.

(Heinrich Zille zugeschrieben)