Prof. Dr. Detlef Stern

Die lange Woche vom 25.4.22

Als DiMiDo-Professor lege ich viele Gesprächstermine auf einen Montag. Dieses Mal ging es um eine mögliche Zusammenarbeit mit einem lokalen, nicht-schwarzen IT-Unternehmen, die sich zunächst in einem Gastvortrag manifestiert. Vermutlich geht es dem Unternehmen auch darum, Studenten zu rekrutieren, aber zum Glück nicht nur. So freue ich mich, wenn demnächst in einem Gastvortrag Projektmanagement aus Sicht von Kundenprojekten dargestellt wird.

Beim dieswöchigen Präsenztermin im Fach Projektmanagement war ich etwas überrascht, dass der Frauenanteil sehr knapp 50% betrug und dass auch sonst einige Teilnehmer persönliches Feedback von mir haben wollten. Agiles Studieren ist kein Fernstudium, sondern lebt vom persönlichen Austausch.

Der Austausch hat letzte Wochen gut im Seminar funktioniert. Zwei Teilnehmer stellten die Struktur Ihres zu schreibenden Papers vor. Und (fast) alle Anwesenden haben sich an der Diskussion beteiligt. Ein Seminar ist keine Projektarbeit, die man im stillen Kämmerlein absolviert und dabei so tut als würde man wissenschaftlich Arbeiten. Zu viele Seminare waren eigentlich Veranstaltungen von Cargo-Cult-Science, in denen wissenschaftliches Arbeiten simuliert wurde. Hoffentlich bleibt das mit dem Diskutieren in diesem Semester so.

Nebenher überlege ich mir, welches Oberthema im nächsten Semester dazu dienen soll, zu bearbeitende Probleme zu identifizieren. Vielleicht mache ich etwas mit „Künstlicher Intelligenz“. Soll ja ein ganz aktuelles Thema sein, habe ich gehört. Könnte passen, zumal ein Seminar viel mit natürlicher Intelligenz zu tun hat.

Wie letzte Woche angedeutet, habe ich den Client des Zettelstore um einen Parser (Reader) für S-Expressions erweitert. Und weil ich gerade dabei war, ergänzte ich einige kleine Funktionen, um S-Expression einfacher zu evaluieren. Der diese Woche entstandene Generator für HTML ist de facto nichts anderes, als ein Evaluator für S-Expressions. Nebenher entstand so (im Test-Code) ein kleiner Interpreter für eine S-Expression-Sprache, z.B. Scheme oder Lisp (ja, Scheme ist auch ein Lisp). Letztere war ja mal eine der wichtigen Sprachen für „künstliche Intelligenz“, zumindest als KI noch KI war.

Das so entstandene kleine Lisp-Framework werde ich wohl aus dem Zettelstore herauslösen und als separates Projekt veröffentlichen. Es ist nämlich so klein und übersichtlich, dass man es zum Studieren nutzen könnte. Soll ja die Haupttätigkeit von Studierenden sein.

Dann könnte ich es auch in der Lehre verwenden, z.B. im Fach Softwaretechnik, im Seminar, oder in noch zu definierenden Lehrveranstaltungen. Aber nein, SICP ist dann doch etwas weit weg vom HS-Studium der Wirtschaftsinformatik.

Die Präsenzveranstaltung zum Fach Softwaretechnik machte mir diese Woche auch viel Freude. Inhaltlich gab ich eine erste Einführung in Web-Architekturen. Freude machte mir die Mitarbeit einiger Teilnehmer. Zwei betrieben sogar eigene Web-Sites. Viele Fragen, Diskussionen und die 90 Minuten waren viel zu schnell vorbei. Ich merkte, dass einige ihr Lernen selbst in die Hand nehmen wollen und warten, bis sie gelernt werden.

Beim Radfahren zwischen Home-Office und Hochschule bemerkte ich diese Woche, dass die Anzahl der Smombies auf meinem Weg zugenommen hat. Überhaupt scheinen viele sich darauf zu verlassen, dass andere auf sie aufpassen. Ob nun die Augen aufs Display gerichtet sind, die Ohren auf die Kopf- / Ohrhörer. Würde mich nicht wundern, wenn demnächst die ersten mit AR-Brille unterwegs sind, um ihre Umwelt gar nicht mehr wahrzunehmen.

Das mit dem sich auf andere blind zu verlassen, spielt auch in anderen Bereichen eine Rolle. Zum Beispiel, wenn andere die eigene Freiheit verteidigen. Oder für andere sich um Essen, Strom, Wasser, WLAN, Wärme, Gewaltarmut, … kümmern. Eine Gesellschaft, in der sich zu viele nur um das persönliche Ego kümmern, um eigene Befindlichkeiten, darf sich nicht wundern, wenn sie von anderen übernommen wird.

Vor zwei Wochen meckerte ich über die Floskel mit dem „Demut zeigen“. Diese Woche flatterte mit beim Lesen der Selbstbetrachtungen von Mark Aurel im 12. Buch / 27 dieser kleine Satz herein:

Denn der Hochmut, der sich mit Demut brüstet, ist der allerunerträglichste.

Wie war das noch mit vor dem Fall?