Prof. Dr. Detlef Stern

Die lange Woche vom 18.4.22

Diese Woche war eher kurz. Der Montag war für viele ein willkommener, arbeitsfreier Tag, ganz unabhängig von einer gefühlten oder tatsächlichen Religionszugehörigkeit.

Nach dem Aufwachen am Mittwochmorgen plingte mein ultraportabler Computer und die CWA meinte, ich sei in der letzten Woche mit jemanden in näheren Kontakt geraten, der nun seine Infektion eintragen hat lassen. Bisher waren meine Umgebung und ich davon unbehelligt geblieben (ja, Glück, ich weiß). Also flugs alle Termine abgesagt, getestet, gesprochen, etwas abgesondert. Online-Hilfsunterricht ist ja noch möglich. Schade nur um die Termine zur Prüfungseinsicht. Die verschiebe ich.

Als unbekannter Hypochonder bemerkt man nun auf einmal jedes kleines Hüsteln und läuft immer wieder in die erste der sieben Phasen der Veränderung hinein. So lenkte ich mich neben den Lehrveranstaltungen und sonstigen Hochschultätigkeiten mit dem Zettelstore ab. Dazu später mehr.

Inzwischen ist Entwarnung angesagt. Aber mangels außerhäuslicher Aktivitäten ist mir auch weniger passiert. Erstaunlich was so eine kurze Home-Office-Phase bewirkt, wie kürzer, schneller die Woche wird. Man vergeht schneller in der Zeit. Das relevante Leben findet eher nicht online statt.

Wer Online-Hilfsunterricht veranstalten wollte, musste seit Semesterbeginn angeben, worin denn der didaktische Mehrwert bestehen würde. Als ich am Dienstag durch unser Hochschulgebäude am Disneybildungscampusland ging, sagte ich zu mir, dass ganz schön viele diesen didaktischen Mehrwert gefunden haben müssen. Kollegen begegnet man eher nicht, höchstens in der Online-Besprechungsrunde zu Fakultätsfragen am Mittwoch.

In dieser Runde, die dem Schock der letzten Woche folgte, wurde dann doch einmal probiert, Alternativen zu betrachten und versuchen zu bewerten. So, wir es von unseren Studenten erwarten. Das lässt für die nächste Fakultätsratssitzung hoffen.

Meine dieswöchige Beschäftigung führte mich in meine eigene Vergangenheit. Damals, als KI noch KI war und nicht Marketinggeblubber. Damals programmierten wir noch in LISP und Scheme. Bevor der KI-Winter kam. Zu jener Zeit war es Mode, dass jeder Informatiker, der etwas auf sich hielt, einen kleinen LISP- oder Scheme-Interpreter programmierte, inkl. Garbage Collection.

Im meinem hypochondrischen Delirium erinnerte ich mich wieder und baute flugs einen S-Expression-basierten Encoder für Zettel ein. Und siehe da: wesentlich einfacher zu erstellen, kleinere Encodings und ein Parser müsste auch einfacher sein, als das JSON-Pendant. Warum benötigt man JSON & Co no mal? Früher war nicht alles schlechter.

Den Parser für meine sehr simplen S-Expressions (Liste, Symbole, Strings) werde ich demnächst mal bauen. Wo habe ich bloß meinen C-Quelltext für mein früheres M, den Nachfolger von L, wie Language, also meinen selbstgebastelten Scheme-Interpreter? Und dann werde ich mal einen alternativen HTML-Encoder darauf basierend bauen. Lernen macht Spaß.

Spaß machte mir diese Woche ein Tweet: Welche andere Formulierung nutzt ihr für "Agile Führung" (das Wort "agil" ersetzend, weil es Abwehr erzeugt)?. Da haben nun Generationen von Schwätzern (aka agiles Coaches?) das beliebig zu definierende Wort agil hoch- und runtergebetet, dass sein Marketingeffekt ins Gegenteil gedreht wurde. Großes Kino! Bin mal gespannt, wie schnell das Wort in der Fakultät verbrannt sein wird, durch inflationären Gebrauch. Da fällt mir ein: die Menschen hinter Scrum sind gar nicht so unklug gewesen, das Wort aus dem Guide zu entfernen.

Apropos Schwätzer. Auf Twitter habe ich meine Timeline etwas entschlackt und nur einer hat es gemerkt. Immer noch öffne ich die Webseite und schließe sie fast sofort wieder, vor lauter Menschen die über etwas piepsen, aber never ever in der Lage wären, etwas zu tun. Alte Informatikerweisheit: „wenn du nicht mehr weiter weist, dann begebe dich auf die Metaebene“. Herrje, wie wohltuend ist es, wenn man jemanden entdeckt, der weiß wovon er redet.

Dafür war diese die Woche der Korrelation: passend zu obigen Gedanken: Beat, der arrogante Twitterer und Logik der Haltung vs. Logik der Konsequenzen, wiederentdeckt beim Lesen von Ukraine-Krieg. Oder (der auch sonst lesenswerte) Heinrich Kümmerle fragt mich per Mail nach einem Passwortmanager, während ich gerade eine Artikel dazu lese. (Das er meinen Rat regelmäßig in den Wind schlägt, ist etwas ganz anderes.) Selbst ein magazin für computer technik schreibt in seiner neuesten Ausgabe etwas darüber, wie man die Informationsflut beherrschen könnte (wenn auch auf überschaubarem Niveau). Würde ich Korrelation mit Kausalität gleichsetzen, wie es zu viele (Schwätzer) tun, dann würde ich nun an Verschwörungstheorien glauben.