Prof. Dr. Detlef Stern

Die lange Woche vom 11.4.22

Ich wünsche der einen Hälfte schöne Ostern, der anderen Hälfte ein schönes Frühlingsfest.

Diese Woche konnte ich an mir selbst wunderbar die sieben Phasen der Veränderung erkennen. Am Mittwoch gab es in der Fakultät einige gravierende Nachrichten, bei denen mir erst einmal die Sprache wegblieb. Schock. Nach der Online-„Besprechung“ dachte ich zunächst, dass diese nicht stattgefunden hatte. Verneinung. Und so weiter. Zum Glück gingen die Phasen schnell vorbei. So, wie manche, inklusive meiner Person, das auch Mitte März 2020 gemacht hatten. Heute überlege ich eher, warum man Kollegen vielleicht nicht trauen könnte, weshalb man manches nun in kürzester Zeit beschließen muss, ob man aus Angst vor dem Tod Selbstmord begeht und warum eine Fusion die eigenen Probleme lösen sollte. In diesem Sinne bin ich fast dankbar für die vielen Beispiele, mit denen ich meine Vorlesung über Projektmanagement illustrieren könnte.

Am Donnerstag konnten die Teilnehmer des Seminars gut verfolgen, wie vorteilhaft es ist, wenn man sich vorbereitet hat. Fast alle haben nun ihr zu bearbeitendes Problem gefunden. Ich gebe zu, davon selbst etwas im positiven Sinn überrascht gewesen zu sein. Das Seminar gibt damit auch ein positives Beispiel für wissenschaftliches Denken, dass ich vor zwei Wochen auch anderen Teilen einer Hochschule anregte. Diese Diskrepanz zwischen Wasser predigen (aka Vorlesung) und Wein trinken (eigenes Handeln). Das wäre ja so, als würde ein Professor, der Softwareentwicklung lehrt, nicht selbst programmieren können. Oder ein Professor der Unternehmensführung, ach ist schon gut. Schwätzer haben wir genug. Selbst ich nehme mich damit nicht immer aus.

Klopstock sagt: „Du, der Du weniger bist als ich und dennoch mir gleich, nahe Dich mir und befreie mich, Dich beugend zum Grunde unserer Allmutter Erde, von der Last des staubbedeckten Kalbfells.“

Ich sage: „Johann, zieh mir die Stiefel aus.“

(Matthias Claudius)

Beim Agilen Studieren im Fach Projektmanagement experimentiere ich immer ein wenig. Dieses Semester müssen die Studierenden den Raum verlassen, wenn Sie etwas für ein anderes Fach tun wollen. Damit soll jede:r:m klar werden, dass man:frau sich gerade ablenkt. Bisher klappt das ganz gut. Bisher sogar so gut, dass beim letzten Review 263 Lösungsvorschläge erarbeitet wurde, von maximal 280. Ab dem nächsten Mal gibt es dann auf Twitter wieder die netten Erfolgsgraphiken, inkl. Hochrechnungen auf Semesterende.

Überhaupt haben mir die Lehrveranstaltungen diese Woche recht viel Spaß gemacht. Ich konnte mit den Studenten viele kleine, wichtige Gespräche führen. Und wenn man dann im Gegenüber das „Pling“ sieht, dann freut sich das Professorenherz. Oder wenn die im vierten Semester sich besser als die im siebten Semester auf ein Sprintreview vorbereiten. Oder wenn mehr als die trivialen Fragen zu Softwarearchitekturen gestellt werden. Oder, oder, oder.

Für den Zettelstore konnte ich nicht so viel herumbasteln, außer den schon früher angedeuteten Synergieeffekten früherer Architekturänderungen. Aber das Geräusch, wenn alles zusammenschnurrt ist wirklich schön.

Twitter nervt immer noch. Im Umfeld eines Tweets (We're in the midst of an information war, and we're unwilling soldiers in it. Share responsibly.) habe ich für mich beschlossen, in meiner Timeline Fake-News und sonstiger Propaganda keinen Raum zu lassen. Das betrifft besonders jene, die ohne viel nachzudenken jeden Blödsinn retweeten. Die Person selbst mag im persönlichen Gespräch ganz nett sein. Nur nicht auf Twitter.

Was mich noch nervt: diese unsäglichen Floskeln, wie „… hat einen guten Job gemacht.“ oder „Wir müssen mehr Demut zeigen“ oder irgendetwas mit „bein-halten“. Marketing mag wichtig sein, wir essen ja auch Hühner- und keine Gänseeier. Aber dieses permanente Davonausgehen, dass der andere dümmer als man selbst sei, hilft nur wenig. BTW, wer etwas zeigt, der hat es nicht unbedingt.

In den ersten Vorlesungswochen passiert immer recht viel. Es wird auch wieder langweiliger. Dafür sind bei mir die Perversitäten der äußeren Welt auch diesmal in den Hintergrund gerutscht.