Prof. Dr. Detlef Stern

Die lange Woche vom 21.3.22

Gleich am Montag bin ich mit der Hündin zum Tierarzt. Nichts ernstes, nur eine regelmäßige Untersuchung. So regelmäßig wie „Die lange Woche“, also zum zweiten Mal. Sprechstundenhilfe fragt mich nach dem Geburtsdatum meiner Frau. Ich frage, wozu sie das brauche. Sie: sonst kann ich keine Rechnung ausstellen, verlangt die Software so. Ich warte ab, lasse bei uns beiden diese Aussage sacken. Sie, leicht ungeduldig: und? Ich frage noch einmal nach. Denke mir schon, dass es nur eine vorgeschobene Begründung ist. Sie meint, das würde laut irgendeiner Richtlinie verlangt werden, sonst würde das die Software ja nicht abfragen. Damit es weitergeht sage ich: 1.1.1970. Und ja, der Hündin geht es gut.

Wenn die Woche so beginnt, das lässt ja hoffen.

Irgendein Witzbold meint, aus Protest gegen den Krieg ein häufig benutztes Softwarepaket so ändern zu müssen, dass bei bestimmten Menschen Dateien gelöscht werden. Natürlich ist es ein NPM-Paket. NPM / NodeJS scheinen sich erfolgreich um die Nachfolge von PHP zu bewerben, was die Qualität des Ökosystems angeht. Und langsam scheint „die IT-Industrie“ mitzubekommen, dass Abhängigkeiten bei Softwarepaketen nicht nur Arbeit ersparen können, sondern dass dies eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme ist. Klar, wer von seinen Eltern immer nur geschützt wurde, hat nicht gelernt, dass man nicht jede hübsche Beere vom Strauch pflücken und in den Mund stecken sollte. Spätfolge Helikoptereltern.

Apropos Blödsinn.

In einem Artikel bei Tante Heise meint jemand, die Lösung für Kommunikationsprobleme in „agilen Teams“ wäre GFK. What? In „agilen Teams“ gibt es Kommunikationsprobleme? Sind die dann noch agil? Agilität war doch angeblich die Lösung aller Probleme. Bis es dann Blockchain wurde. Aber ernsthaft, GFK? Gewaltfreie Kommunikation? Da sind weitere Probleme vorprogrammiert. Kurzes Nachdenken würde helfen. Das ist in etwa eine so gute Idee, wie es der Kommunismus vor mehr als 100 Jahren einmal war. Ich warte schon auf den Anschlussartikel: wie Sie Probleme mit GFK gelöst bekommen.

Apropos agil.

Dienstag begann die zweite Vorlesungswoche, wieder mit „Einführung in das Projektmanagement“, diesmal mit mehr praktischer Arbeit beim Agilen Studieren. Fast alle waren pünktlich (kleiner Insiderwitz). Es waren sogar mehr dabei als in der ersten Woche. 12 Studenten wollten noch einer Gruppe zugeordnet werden. Andrang. Nach meiner Impulspräsentation habe ich die 10 Gruppen individuell beraten. Besonders schön: die selbst unter der Maske erkennbare Mimik, wenn Sie begreifen, dass sie selbst die Reihenfolge der zu bearbeitenden Themen bestimmen dürfen. Erst ein ungläubiger Blick, Vergewisserung, und dann der Klick. Ich hoffe, diese Offenheit bleibt über das Semester (und das Studium) erhalten.

Am Freitag habe ich dann zum ersten Mal deren Lösungsvorschläge begutachtet. Drei, vier, fünf Gruppen haben ganz ordentlich gearbeitet. Andere erreichten nur das Minimalziel. Andere Gruppen haben von mir das Feedback bekommen, doch bitte vor dem Zustimmen den Lösungsvorschlag kritisch zu lesen. Das mit dem „kritisch“ ist natürlich schwerer als das mit dem Lesen an sich. Vertreter der „Generation Gamification“ müssen noch üben, dass kritisches Lesen zur Zustimmung nicht über ein Like funktioniert. Wird aber bestimmt hoffentlich besser werden.

Apropos Erstaunen.

Hatten auch andere Studierende. Im Seminar, als nur fünf von paarundzwanzig sich vorbereitet hatten. Und es dann einigen der anderen schwante, dass Sie ohne Vorbereitung nichts zu schreiben haben werden. Wer sich vorbereitete, hatte immerhin schon eine Idee für ein wissenschaftlich zu bearbeitendes Problem.

In der viertsemestrigen Projektstudie erstaunte es einige, wie viele Gestaltungsmöglichkeiten sie haben, trotz mancher Regularie. Alle drei Gruppen scheinen auf einem guten Weg. So langsam nehmen sie ihre jeweiligen Projektrollen ein. Mich erstaunte mal wieder, wie viele Donnerstage im Sommersemester für andere Dinge genutzt werden, anstatt für Lehre. Feiertage zum Beispiel, für Minderheitenreligionen / -konfessionen. Oder für Berufungsvorträge.

Apropos Umfeld.

Die Steuerung der Gebäudeinfrastruktur lässt am Bildungsdisneylandcampus zu wünschen übrig. Wenn da völlig unmotiviert eine Jalousie herunterfährt, dann lassen die 80er grüßen. Da gibt es nun ausreichend Erfahrung, jede Menge selbstbeschworener EyAy (aka AI, KI), angeblich tolles maschinelles Lernen, Alexa & Co in vielen Haushalten, und trotzdem fährt die Jalousie herunter, weil das gegenüber liegende Gebäude einen klitzkleinen Sonnenstrahl herüberspiegelt. Ernsthaft? Auf dem Niveau sind wir noch? Das ist wirklich der aktuelle Stand der Technik? Betrieben von einem Unternehmen, das werbetechnisch „spannende IT“ macht? Was ist bloß die letzten 30-40 Jahre passiert.

Blitzgedanke, als ich am Mittwoch kurz in mein Büro dort kam: der Fußboden ähnelt sehr dem der Universität Taschkent, in der ich Ende der 90er im Rahmen eines EU-Projektes für eine Woche zu Gast war (und das Reich der Rechenzentrumsleiterin gehörig durcheinander brachte). Nicht nur da ähnelt sich etwas, auch beim immer wieder angedachten Führungsstil gibt es Parallelen.

Apropos Demokratie.

Heinrich Kümmerle meinte letztens, dass der scheidende Baubürgermeister seine Sache gut gemacht haben muss, weil jede Gemeinderatsfraktion sich mit / an ihm gerieben hat. Wenn ich mir die Fahrradinfrastruktur ansehe, dann wäre es gut gewesen, wenn außer Wärme und kleinen schwarzen Kügelchen etwas mehr entsteht. Selbst frisch angelegte Radfahrspuren weisen schon nach einem Jahr Schlaglöcher auf. Wer hat da die Mitarbeiter geführt, um mal auf Qualität zu achten? Manche Wege sehen aus, als würden Winterschäden nie behoben. Bloß dass es in Heilbronn kaum einmal Winter gibt. Dafür könnten Archäologen der Zukunft wunderbar mehrere Schichten Asphalt freilegen, um nachzuvollziehen, wer da wie gepfuscht hat. Qualitätsprobleme gibt es nicht nur in der IT.

Wer verantwortet eigentlich den gefährlichen Fahrradslalom am nördlichen Ende der Charlottenstraße, stadteinwärts? Ich hab den nur aus dem Busfenster gesehen, aber nun traue ich mich nicht mehr da längs zu fahren. Wird wohl nichts mit einem Besuch bei Heinrich. Wer hat diesen Slalom in welchem Geisteszustand entschieden? Da wiehert der Amtsschimmel. Vielleicht sollte man wieder zu der (angeblich) römischen Sitte zurückkehren, dass die Verantwortlichen für einen Bau gezwungen werden, diesen selbst für einige Zeit zu nutzen.

Apropos Heinrich.

Er schreibt auch etwas über die dann doch sehr langwierige Sanierung des Gebäudes der Dammgrund- und realschule. Auch ich bin dort Lesepate. Von meinem ersten Vorlesen 2008 gibt es noch ein peinliches Video. Peinlicher ist in der Tat das unkoordinierte Vorgehen. Was macht eigentlich der Baubürgermeister beruflich? Oder ist dieser für Schulgebäude nicht zuständig? Wenn ja, warum? Und warum könnte man keine Amtshilfe leisten? Es geht doch um die Ausbildung von Kindern, also um die Zukunft. Wiehernde Ausreden, kann ich auch.

Die nicht-öffentliche Wirtschaft macht nicht alles besser. Besonders gut zu sehen am Kindergartenspielplatz des Bildungsdisneylandcampus, der direkt neben einigen Vorlesungsräumen liegt.

Was war sonst noch?

Praktikantenkolloquium. Die Rückkehrer berichten den Suchenden über ihre Erfahrungen. Und mir, wie nicht nur meine Fächer für ihre spätere Tätigkeit wirklich relevant sind.

Für den Zettelstore habe ich diese Woche weniger getan. Hier und da etwas aufgehübscht. Der Zettel Presenter funktioniert recht gut. Die meisten Unterlagen habe ich schon umgestellt, einige diese Woche präsentiert. Da ist es gut, wenn man als Nutzer sich selbst direkt Rückmeldung über Fähigkeiten der Software geben und diese in kleinen Spielstunden verbessern kann. Wie war das mit der (angeblich) römischen Sitte? Eat your own dog food.

Langsam könnte ich mir erste Gedanken zu einer Software namens Zettel Blog machen, welche die Software für dieses Blog ablösen wird. Zuvor muss ich allerdings einiges beim Zettel Presenter gerade ziehen. Selbst der Zettelstore wird verstärkt seine eigene Client-Software nutzen.

Seit dieser Woche bin ich offiziell (d.h. finanztechnisch) Mitverantwortlicher für das Forschungsprojekt ÖPNV-Transparenzregister. Auf der Webseite bin ich noch nicht zu sehen. Eine User Story für das Projektteam. Nicht ganz so einfach scheint das Finden einer studentischen Hilfskraft zu sein, die mich beim Code-Review, Geradeziehen, Betrieb unterstützen soll. Still digging.

Wer kommt eigentlich auf die Idee, für die ersten Wochen des Semesters weitere Aufgaben / Fristen & Co zu vergeben? Man hat ja sonst nichts zu tun und darf immer mal wieder terminliche Fehler der „Führung“ ausbügeln. Verbessert immerhin meine Fähigkeiten, Dinge zurückzudelegieren. Aber trotzdem ging der Freitag drauf.

In den ersten Vorlesungswochen passiert immer recht viel. Es wird auch wieder langweiliger. Dafür sind bei mir die Perversitäten der äußeren Welt auch diesmal in den Hintergrund gerutscht.