Prof. Dr. Detlef Stern

Die lange Woche

Heinrich Kümmerle hat mich angesteckt, unwissentlich. Vermutlich von seinem Schaukelstuhl aus. So gut wie jeden Tag hat er etwas sinnvolles zu schreiben. Ich lese es ganz gern, wenn ich auch im Geheimen nicht immer seiner Meinung bin. Mir gefällt die Kontinuität.

Die gibt es nicht auf Plattformen wie Twitter. Das Herumgepiepse (und immer häufiger das Gekreische) ist ab und an unterhaltsam. Wenn aber mal wieder eine Sau durch das virtuelle Dorf getrieben oder ein Flachwitz aus den 80ern breitgetreten wird, dann sinkt der Unterhaltungswert. Besonders quälend sind diejenigen, die ihr virtuelles Studium als Bundesfussballtrainer für ein Virologiestudium unterbrachen, um jetzt doch husch husch auf Außenpolitik und Militärstrategie zu wechseln, gerne auch per Retweet. Es ist alles schon geschrieben worden, nur nicht von jeder und jedem. Und übermorgen ist alles vergessen, egal wie wichtig es sein mag.

Auch Thomas Michl schreibt regelmäßig, wenn auch „nur“ seine kommentierten Links der Woche zu Produktivität, Lean, Agile und Management. Immerhin nicht zu Agilität. Und er twittert viel. Zum Ausgleich hat er mich mit Heinrich bekannt gemacht. Dafür ein herzliches Dankeschön!

Ich merke, wie sehr es mir mehr und mehr widerstrebt, dem Impuls nachzugeben und zu twittern was mich gerade bewegt. Dieses schnelle Denken wird mir immer hohler. Es erschöpft mich. Besonders diejenigen, die ihr Trauma (und ja, jede:r hat davon viele) mit irgendeiner Form von Improtheater kreativ und öffentlich verarbeiten müssen. Mit etwas Empathie entdecke sogar ich, dass diese schnellen Gedanken nur das nächste Trauma auslösen werden. Früher gab ich der einen oder dem anderen einen irritierenden Antworttweet, heute ermüdet mich das. Ich bin doch kein Sisyphos.

So probiere ich einmal, hier meine Gedankenschnipsel der letzten Woche aufzuschreiben. Ob nun etwas über einen Zettel, Berufliches, Kurioses oder was weiß ich. Vielleicht schaffe ich das sogar regelmäßig.

Genug der Vorrede.

Montag begann wieder die Vorlesungszeit. Willkommen im Sommersemester 2022. Wie immer purzelten einige Anträge auf Prüfungseinsicht herein. Bis zum 10.4 können die weiterpurzeln. Dazwischen purzelt eine Mail von der Hochschulleitung: Präsenzuntericht ist der Default. Konkrete Regeln, wie es ab nächster Woche weitergehen soll, kommen noch. Ist ja alles so ungewiss. Risikomanagement? Was ist das? Fragen wohl nicht nur Leitende / Leidende.

Ich stelle meine Vorlesungsunterlagen weiter auf den Zettel Presenter um. Dabei merke ich, wie unvollständig die Software ist und freue mich, wie ich Probleme schnell mit etwas Programmieren beheben kann. Sogar die Version 0.5 des Zettelstores ist nun in Arbeit.

Dienstag beginnt meine eigene Vorlesungszeit. Huch, das Büroschild sieht ganz anders aus. Bin ich umgezogen worden? Puh, nein. Der Bürokollege hat eine weitere Aufgabe bekommen und muss zum Ausgleich in ein sichtbares Büro der offenen Tür umziehen. Leidende Kräfte der Fakultät müssen auf einen Gang konzentriert werden. Kann man machen. Ich frage mich, wie es früher funktionieren konnte, als mein damaliger Kollege die gleiche Aufgabe hatte und wir zu zweit in einem wesentlich kleinerem Büro klarkamen.

Erstes Fach ist Projektmanagement. Etwa 50 Studierende sind dabei, einige melden sich wohl von Zuhause zum Agilen Studieren an. Wenn (Orts-) Präsenz der Default ist, was bleibt vom Online-Unterricht? Egal, zum ersten Termin sind alle Studierenden motiviert. Da ich nicht plane, demotivierend zu wirken, überlege ich, wie die Studierenden sich selbst im Laufe des Semesters motivieren. Vier gewinnt? Hoffentlich nicht (nur).

Eine Mail vom neuen Dekan (Glückwunsch für die Wahl!) stellt klar: Wer keine ortspräsente Lehrveranstaltungen machen möchte, muss dies explizit genehmigen lassen. Inklusive nachvollziehbarer Begründung des didaktischen Mehrwerts. Was auch immer das ist. Egal, ich freue mich auf das Fahrradfahren.

Die Projektstudie im 7. Semester beginnt gut. Eine Gruppe kümmert sich um die Webseite für das Forschungsprojekt des ÖPNV-Transparenzregisters. Netterweise bin ich seit jetzt ebenfalls Mitglied dieses Projekts, mit eigenem Budget. Ich suche noch jemanden als stud. Hilfskraft. Interesse?

Auch die andere Gruppe beginnt motiviert mit der Weiterentwicklung einer Webanwendung zur Prüfungsplanung. Wenn es komplexe Anforderungen gibt, dann im Prüfungsrecht von Hochschulen. Komplexe Anforderungen sind Bedingung für den Bachelor. Schaut mal beim DQR nach.

Der Weg mit dem Fahrrad nach Hause verläuft im Dunkeln über Schlaglöcher.

Gerade rechtzeitig zum virtuellen Stammtisch der EUHN. Heinrich erzählt etwas über seinen für Freitag geplanten Vortrag über nachhaltige Rüstungspolitik. Leider hab ich dann keine Zeit und so lerne ich heute etwas. Der Stammtisch degeneriert etwas in eine Podiumsdiskussion. Immer doof, wenn manch ein Teilnehmer das Gespräch zu sehr dominiert. Aber gut, irgendwann dominiere auch ich.

Mittwoch sehe ich, dass es am Dienstag per WebEx die Aufforderung gab, mögliche Ausnahmen vom ortspräsenten Unterricht bis gestern einzureichen. Mal wieder ein Beispiel für dringende Aufgaben. Sei bis gestern fertig. Nun muss man wohl noch einen weiteren Kanal im Auge behalten, Mail alleine reicht nicht mehr.

Das Seminar im 6. Semester ist gut besucht. Nur der Raum, was ist denn das? Das Stehpult steht in der Mitte des Raumes, die Studierenden drängeln sich in der anderen Hälfte. Noch ein Beispiel dafür, dass die Gebäude des Bildungsdisneylandcampus nicht einmal gut designte Büro sind. Überraschend war für die Studierenden das Thema: IT-Systeme im Maßstab unseres Sonnensystems. Oder: wie können die IT-Systeme in der Buch- und TV-Reihe The Expanse funktionieren. Und ja, die Bücher sind besser, die TV-Reihe trotzdem annehmbar.

Danach Fakultätsratssitzung. Eines meiner Lieblingswörter. Verabschiedung des alten Dekans. Genehmigung einer SPO für einen anderen Studiengang. Dann Info über eine Ausbildung „Train the Trainer“ zu etwas ganz Neuem. Agil ist angeblich etwas ganz interessant Spannendes und man kann sich nun zum Scrum Master weiterbilden / zertifizieren lassen. Am Abend verabrede ich mit dem Didaktikbeauftragten, dass ich zum Tag der Lehre einmal Agiles Studieren (wieder) vorstelle und über meine Erfahrungen seit 2013 berichte.

Dann Dienstbesprechung. Diesmal in Präsenz und recht angenehm. Ein Diskussionspunkt ist die Sichtweise anderer Kollegen in Bezug auf moderne Lehrformen. Woanders (andere Studiengänge, andere Fakultäten) ist die Vorlesung Maß aller Dinge, auch bzgl. Prüfungsplanung, Evaluation & Co. Unsere Lehrformen im Studiengang sind wohl zu modern. Ich wurde gefragt, ob ich die Ausbildung zum Scrum Master anbieten würde. Hab entrüstet verneint.

Donnerstag ist frühe Vorlesung angesagt. 8 Uhr. Softwaretechnik. Diesmal unauffällig. Danach Projektstudie, 4. Semester. Diesmal mit relativ vielen Studierenden. Hatte nur drei Themen vorbereitet, das vierte nur grob. So sind es drei 7er-Gruppen geworden. Punkte, BlitzZettel und Umsicht. Meine Gruppeneinteilungssoftware hat mutmaßlich auch hier gut funktioniert.

Nachmittags weiter Unterlagen auf den Zettel Presenter umgestellt. Dank Zettelstore konnte ich auch einmal schnell Reveal.js ausprobieren, bisher nutze ich Slidy2. Nice.

Am Freitag dann der Wow-Effekt für mich, nachdem ich mich etwas mehr mit Reveal.js beschäftigte. Speaker-Notes! Im separaten, synchronisierten Browserfenster. Für euch bestimmt ein alter Hut. Dafür kann der Zettel Presenter nun auch Notizen nur für Handouts. Und die Überschriften im Handout verweisen auf die jeweiligen Folien. Automatisch. Moderne DV, nicht modernde IT.

Warum stelle ich überhaupt die Unterlagen auf Zettel Presenter um? Ich muss noch mein neues Dienstlaptop einrichten und die Installation meines in die Jahre gekommenen Slider ist mir nun etwas zu frickelig: richtige Pandoc-Version, richtige Python-Version, richtige Graphviz-Version, richtige … ach, ihr ahnt es. Zettel Presenter ist ein Executable, der Zettelstore läuft sowieso im Hintergrund. Nix mit frickelig.

Sonnabend hat die Hündin ein unfreiwilliges Bad im Neckar genommen. Sie muss noch lernen, dass unter Wasser liegende Steine rutschig sein können. Aber ja, es geht ihr gut und der Spaziergang war blumig schön blumig.

Sonntag habe ich mir überlegt, ob ich nicht einen neuen Blog-Post schreiben sollte. Arbeitstitel: „Die lange Woche“. Aber das wisst ihr schon.

Erkenntnis der Woche: auf einem Chromebook Spotify & Co besser als Android-App installieren. Die Web-App erlaubt es nicht, die Qualität der Geräusche einzustellen. Und ja, ich höre den Unterschied. Per Kopfhörer.

In der ersten Vorlesungswoche passiert immer recht viel. Es wird auch wieder langweiliger. Dafür sind bei mir die Perversitäten der äußeren Welt diesmal in den Hintergrund gerutscht.