Prof. Dr. Detlef Stern

Free/Open-Source Software: Motivation

Im zweiten Teil über freie, quelltextoffene Software habe ich über Aspekte des Projekt- / Produktmanagements geschrieben und wie hierbei reine Geldzahlungen an die Entwickler (eher nicht) helfen können.

In diesem letzten Teil soll es über Motivation gehen. Warum veröffentlich jemand Software quelltextoffen mit einer freien Lizenz?

Ich gehe einmal davon aus, dass entsprechende Veröffentlichungen von Unternehmen einer Strategie folgen. Andernfalls macht das Unternehmen etwas grundlegend falsch. Irgendjemand hat sich überlegt, warum die Software quelltextoffen mit einer freien Lizenz veröffentlicht werden soll. Dabei spielen viele mögliche Gründe eine Rolle. Zu zeigen, wie „hipp“ das Unternehmen ist, also um den Rekrutierungsprozess zu unterstützen. Es Kunden leichter zu machen, kostenpflichtige Produkte des Unternehmens über eine API zu nutzen. Eine Community aufzubauen, vielleicht um durch deren Feedback selbst Mitarbeiterstellen einzusparen, oder ganz einfach bekannter zu werden. Was auch immer. Das Unternehmen wird sich das alles gut überlegt haben. Nutzt man die freie, quelltextoffene Software dieses Unternehmens, so braucht man sich eher weniger Gedanken um die Entlohnung machen.

Bei Einzelpersonen ist das meist anders.

Natürlich hat jeder eine eigene Motivation. Manche möchten so für sich Werbung machen. GitHub als berufliches Netzwerk. Würde mich nicht wundern, wenn es eine Integration zu LinkedIn gibt. Manche veröffentlichen Software, weil sie selbst nicht in der Lage sind, einen Git-Server zu betreiben. Manchen ist das zu aufwendig. Da ist ein Software-Hoster wie GitHub (oder GitLab, oder …) ganz nützlich und da man dort nur wenige Projekte kostenlos privat hosten kann, dann hostet man die eben öffentlich. Ach so, dann sollte man eine passende Lizenz angeben (machen erstaunlich viele nicht), man verwendet keine weiteren Gedanken darauf und nutzt einen passenden „Assistenten“. Feddich.

Wiederum andere planen ein Startup mit der Exit-Strategie der Übernahme durch ein größeres Unternehmen. Auch hier spielt Werbung eine große Rolle, will man doch potentiellen Geldgebern so etwas wie Kompetenz vorführen. Andere wollen einfach das selbst geschriebene an unbekannte Dritte weitergeben, denen das vielleicht helfen könnte. Ganz selbstlos. Gibt es auch.

Warum habe ich z.B. den Zettelstore unter einer freien Lizenz quelltextoffen veröffentlicht? Zum einen spielt bestimmt auch Eitelkeit eine Rolle. Aber auch, weil ich diesen teilweise während der Arbeitszeit programmiert habe und ich von der Allgemeinheit bezahlt werde. Ein wenig hoffe ich, dass jemand den Quelltext studiert (es soll ja welche geben, die das manchmal tun). Ich selbst habe sehr viel durch das Studium fremden Quelltextes gelernt, tue es immer noch. Und wenn jemand den Zettelstore nützlich findet, darf diese Person ihn gerne nutzen. Die Lizenz hilft mir, mögliche Haftungsansprüche zu vermeiden.

Denn ich will mit dieser Software kein Geld verdienen.

Natürlich könnte ich es. Aber ich will nicht. Ich könnte versuchen, darum ein Unternehmen aufzubauen. Dann könnte ich meinen Beruf nicht mehr ausüben. Ich will lieber Studenten, die etwas lernen wollen, dazu ermuntern, etwas tiefer zu bohren. Ein anderer Grund: wer mir Geld für die Software gibt, könnte ermuntert sein, auf die Richtung und Geschwindigkeit, mit der sich diese Software entwickelt, mehr oder minder großen Einfluss zu nehmen.

Mir gefällt die Freiheit, die sich aus der freien Lizenz ergibt. Wer die Software nutzen will, darf das. Wer den Quelltext an seine Bedürfnisse anpassen will, der darf das unter den Bedingungen der Lizenz. Wer sie nicht nutzen will, der muss nicht. Ich bin nicht darauf angewiesen, die Software so weiter zu entwickeln, dass sie dem, der am lautesten schreit und/oder am meisten Geld gibt, gefallen könnte. Ja, das ist ein Luxus, den ich mir leisten kann.

Ich freue mich, wenn es Feedback gibt. Die Rückmeldung, die zu den unlinked references führte, ist ein schönes Beispiel. Ebenso wie mancher Impuls aus der früheren Zettelkastenrunde. Manche sind schon integriert, manche habe ich abgelehnt, andere harren noch der Entscheidung. Auch wenn mir das meiste Feedback keinen unmittelbaren Nutzen gab, änderte sich das mit der Zeit.

Eine weitere Motivation ist es, den Zettelstore in meinen Lehrveranstaltungen als Beispiel zu verwenden, oder als Ziel einer Projektstudie. Das Arbeiten mit den Studierenden hilft denen und mir, wenn auch auf unterschiedlicher Ebene.

Jede Person hat ihre eigene Motivation, Software frei und quelltextoffen anderen zur Verfügung zu stellen.

Sollte eine Software für jemanden, meist ein Unternehmen nützlich sein, wir erinnern uns an die Ausgangslage des Projekts Log4j, dann muss die Zahlung von Geld nicht das Produkt besser machen. Es kommt auf die Motivation der Entwickler an. Geld besitzt auch einen korrumpierenden Aspekt und manchmal möchte der Geldgeber genau das erreichen.

Natürlich gibt es den Fall, dass jemand ein Projekt betreut, und gerne dafür Geld hätte. Vielleicht hat diese Person keine Ahnung, wie man das anstellen soll. Spenden mögen eine Form der Anerkennung sein. Das gilt bestimmt für manche, die sich nicht in einer besonders komfortablen Situation befinden. Ohne zu viel vom Business zu verstehen, sieht das für mich ähnlich wie bei einem Straßenkünstler aus, dem man bei einer guten Darbietung eine Geldspende zukommen lässt. Wenn man davon leben kann / will, dann ist es in Ordnung. Ist es für das geldgebende Unternehmen in Ordnung?

Wenn ein Unternehmen von so einer Software einer solchen Person abhängig ist, warum stellt es diese dann nicht ein? Ein Beispiel. Die Partei, die dem hiesigen Oberbürgermeister letztens zu einer Wiederwahl mit sozialistischem Ergebnis verholfen hat („die logistischen Schwarzen“) ist, aus einer ganz anderen Sichtweise, auch ein Unternehmen, das mehrere konkurrierende IT-Abteilungen unterhält (genauer: konkurrierende Teilunternehmen). Was da an Arbeitszeit für „Bullshit Jobs“ draufgeht, bekomme sogar ich als ziemlich Außenstehender mit. Das gleiche gilt für einige (globale) Hersteller von Fahrzeugen, bei denen ich tätig war. Es steht zu vermuten, dass dies bei allen größeren Unternehmen so ist. Und diese Unternehmen sind nicht in der Lage, mindestens einen Entwickler einer Software einzustellen, die für das Unternehmen kritisch sein kann? Ernsthaft?

Der Ruf, den Entwicklern wichtiger Software Geld zu spenden / geben, klingt für mich wie der Spruch „Da müsste man mal jemand etwas tun.“, um es dann sein zu lassen.

Bezeichnend finde ich dabei die Ursache der (ansonsten netten) Idee, Entwickler dafür zu bezahlen, dass diese im Unternehmen über die Software zu sprechen, um so die Entwicklung freier, quelltextoffener Software zu unterstützen. Bei aller Budgetierung ist es in den Unternehmen wohl nicht anders möglich, etwas Geld für die verwendete Software springen zu lassen. Also muss wohl das flexiblere Budget für Weiterbildung herhalten, anstatt das für Beschaffungen.

Das führt mich zum nächsten Aspekt. Selbst wenn man das Geld annimmt, von welchem Budget auch immer, so muss man es mindestens versteuern. Dazu ist es manchmal nötig, einen Gewerbebetrieb anzumelden, wenn es zur Freiberuflichkeit nicht reicht. Beamte müssen eine Genehmigung zur Nebentätigkeit einholen, Angestellte wohl manchmal besser auch. Will sagen, das mit dem Geld zieht weitere Konsequenzen für den Empfänger nach sich.

Eine Sichtweise zur Motivation fehlt (mindestens) noch.

Was ist, wenn sich mehrere Personen zu diesem Projekt zusammengefunden haben, gerne auch über Kontinente hinweg? Das mit dem Geld kann dann „interessant“ werden, besonders wenn diese Personen keinen expliziten juristischen Oberbau begründet haben.

Manche (größere) Projekte haben dazu einen Verein gegründet. Für mich erstaunlich, viele nach deutschem Recht. Dies ist wohl der am wenigsten problematische Fall. Ein Verein kann immer Spenden gebrauchen, um seinen Zweck, der Verbreitung der entwickelten Software, zu verfolgen. Mitglieder finden gleichgesinnte, müssen und wollen sich dem Zweck unterordnen.

Wurden im Fall von Log4j der Apache-Foundation eigentlich schon länger projektspezifische Spenden gegeben? Oder machen das Unternehmen erst seit kurzem, wenn überhaupt?

Kleinere Projekte, die manchmal wesentlich kritischer für ein Unternehmen sind, sind dabei ausgeschlossen. Und ob ich in dem Verein, der mich aufgenommen hat, wirklich Mitglied sein will, muss ich mir noch überlegen.