Prof. Dr. Detlef Stern

Die andere Woche vom 6.6.22

Diese Woche war anders. Kein Radfahren, kein Bildungsdisneylandcampus, keine Studierenden, kein WebEx. Vorlesungsfreie Zeit. Viel Zeit zum Nachdenken, Wegdenken, Ablenken. Bei erweiterten Spaziergängen im Südschwarzwald, Lesen von Lustigen Taschenbüchern oder Neil Gaiman (Der Ozean am Ende der Straße, Anansi Boys, American Gods (Director's Cut), in dieser Reihenfolge).

Dank schnellem Internet, ja, gibt es auch in manchen fortschrittlichen Dörfern so weit südlich, ist man trotzdem ans Kollektiv angebunden. So kommen die längeren Beiträge und Gedanken auch mal zu Wort und nicht nur das übliche Gepiepse, ob von Klassentreffen, Barcamps (damit kann man mich inzwischen jagen) oder sonstigen Empörungen.

Überhaupt Twitter. Nun, jede:r hat die Timeline, die sie:er verdient. Und stummschalten ist die feige Alternative zum Entfolgen (oder Blocken). Seit einiger Zeit schalte ich also manche Accounts, manche User auf stumm. Und siehe da, es fehlt mir nichts. Im Gegenteil. Dem einen oder der anderen bin ich schon entfolgt. Ist ja nichts persönliches. Und auf dem einen oder dem anderen Account folge ich ja noch diesem User oder Account. Also räume ich etwas auf, nicht wundern. Geht ja nur um Accounts und User, nicht um den Menschen dahinter. Macht ihr ja auch so.

Beim längeren Lesen bin ich (mal wieder, dafür aber vertieft) über das kleine Web gestolpert. Sehr wohltuend. Dort geht es um Menschen, nicht um User und Accounts. Der (eigenen?) Client-Software wird vertraut, und nicht, wie im Normalfall, misstraut. Fremden Servern misstraut man eher, nicht dem eigenen. Man macht sich weniger abhängig, ohne gleich alles neu zu erfinden. Wenn man so möchte, eine andere Anwendung des Manifests für agile Softwareentwicklung: „Individuen und Interaktion ggü. Prozessen und Werkzeugen bevorzugen.“

Natürlich gibt es jede Menge Querbeziehungen, z.B. zum IndieWeb, zum Zettelstore, zu Always Own Your Platform, zu Grow Your Own Services, zu Gemini und vielem mehr. In diesem Kontext sehe ich auch HTMX und vergleichbare kleine Frameworks. Oder Werkzeuge für asynchrone, verlässliche Kommunikation, wie z.B. Filespooler oder NNCP.

Irgendwie ist dies auch eine Besinnung auf die wesentlichen Dinge, wie sie auch Heinrich Kümmerle heute äußert: Gedanken am Morgen. Wichtig sind mir Interaktionen mit echten Menschen (auch ein Grund fürs Profdasein), in angemessenem Rahmen und nicht überbordender / überfordernder Anzahl.

Das große Web hat uns einander näher gebracht, als die meisten von uns wirklich wollen. Es hat uns das Bullshitweb gebracht, den Verzicht auf „Don't be evil“, Fakenews (gut, das zeigt immerhin das Bildungsproblem zu vieler Menschen auf), Zentralismus, Aufmerksamkeitsökonomie, Monopolismus. Es stärkt unser Zutrauen in undemokratische Strukturen und fördert die Macht der Lautstarken (aber mutmaßlich Denkfaulen). Und ja, das sogenannte „Web3“ macht es nicht besser, denn dessen angeblicher Dezentralismus ist tatsächlich nur eine verteilte Zentrale.

Ich trauere ganz gewiss nicht früheren Zeiten nach. Früher war das meiste wesentlich schlechter als heute. Heute gibt es, wie jeden Tag, mehrere mögliche Zukünfte. Für mich ist eine Zukunft der monopol- und pseudoregierungsartigen Großunternehmen keine, nach der ich strebe. So viel unlegitimierte, unkontrollierte Macht widerstrebt mir im Innersten. Wie sehr Macht korrumpiert, sieht man am Beispiel eines jeden größeren Unternehmens. Das muss ich nicht unterstützen.

Ein kleiner Schritt ist dabei die Nutzung des kleinen Web. Nicht nur für mich persönlich, sondern auch in Forschung und Lehre. Meine Aufgabe ist es (unter anderem) Studierenden das kritische Denken näher zu bringen. Und was sonst so im DQR ab Niveau Sechs (und einigen anderen Dokumenten) beschrieben ist. Das geht auch gut ohne das Beispiel bekannter Großunternehmen, sondern besser an kleinen, überschaubaren Beispielen. Bloß weil etwas von Apple, Google, Meta, Microsoft & Co ist, ist es nicht automatisch gut. Es dient primär dem Nutzen des jeweiligen Unternehmens. Ich würde mich freuen, wenn einer unserer Absolventen ein solches Unternehmen von Weltrang gründen wäre. Nur, die Wahrscheinlichkeit spricht dagegen. Die meisten werden in wesentlich kleineren Unternehmen arbeiten oder diese gründen. Warum also den Großunternehmen nacheifern? Small is beautiful, oder so.

Gerade wird mir ein anderer netter Artikel hereingespült: Specifying Spring ‘83. Auch wenn ich nicht mit allen Aspekten übereinstimme, so ist die Idee eines beschränkten Boards nachdenkenswert. So bekommt jeder, der will, eine Stimme, ohne das diese im Getöse der anderen untergeht. Auch ein Beispiel für das kleine Web. Augen auf.

Aber morgen endet für drei Wochen die vorlesungsfreie Zeit. Und danach überlege ich mir, wie man das kleine Web in Forschung und Lehre umsetzen kann. Wer macht mit? Für die anderen gibt es dann noch dreimal den üblichen Eintopf aus Bildungsdisneylandcampus, inkompetenten Führungsmenschen und sonstigen lustigen und unlustigen Gegebenheiten der Heilbronner Bildungslandschaft.