Prof. Dr. Detlef Stern

15 Jahre Twitter

Huch, nun bin ich schon 15 Jahre mit meinem Hauptaccount bei Twitter angemeldet. Früher™ war das mein alter Name @dkreuz, seit mehr als 5 Jahren ist es @t73fde. Zwischendurch war dieser Account mal von Twitter kaputt gemacht worden, die nun schlummernde Alternative ist @implizit.

Damals, Anfang August 2007 wusste ich mit Twitter nicht viel anzufangen. Es geisterte mehr oder minder durch diverse Blogs. Aber warum sollte man etwas auf 140 Zeichen darstellen, wenn man doch Bloggingdienste nutzen konnte, die keine solche Beschränkung aufwiesen? Social Media, das war noch social und das waren Blogs. Das iPhone war damals nicht mal einen Monat lang in Deutschland erhältlich. Es wurde noch auf den Smartphones getippt, Nokia und so, nicht babyartig herumgewischt. Aber wer weiß, wozu man so einen Account mal brauchen könnte. Jäger und Sammler.

Später war mein erster echter Anwendungsfall für Twitter ein eher familiärer: man konnte sich per SMS informieren lassen, wenn jemand einem eine Direktnachricht gesendet hat. Nachdem ich von Wolfsburg nach Ludwigsburg umgezogen bin, um mit meiner heutigen Frau zusammenzuleben, gab es etwas familiären Stress. Dieser wurde nicht geringer, als ich meinen recht gut bezahlten Beraterjob aufgab und Professor wurde. Dadurch war auch das Verhältnis meiner Söhne zu ihrer Mutter nicht immer so gut. Falls einer der beiden mit mir sprechen wollten, konnten diese so via Twitter-DM mir eine SMS senden, auch mangels eigenem Mobiltelefon, und ich konnte z.B. nach der Vorlesung zurückrufen. Twitter als SMS-Ersatz.

Nach meinem ersten, recht mühseligen Semester an der Hochschule begann ich Twitter zu benutzen, um mich zu vernetzen. Zuerst in der Bildungsbubble, Lernen durch Lehren und so. Dann lokal in Heilbronn. Das erste Twittertreffen. Das zweite organisierte ich und kam in den Twitterknast. Also neuer Account und gleich mal ein Programm geschrieben, dass mit einen Backup meiner Twitterdaten macht.

Für mich bot Twitter auch den Vorteil, dass man mit interessanten Menschen zusammen kam, ohne besonders extrovertiert zu sein. So konnte ich mittels Twitter sogar einige sehr interessante Gastvorträge organisieren. Sehr lustig, als an der Hochschule ein Vater zu seinem damals noch eher kleinen Sohn meinte, ich wäre der Obertwitterer von Heilbronn. Dabei war ich froh, an manchen Tagen einen halbwegs vernünftigen Tweet herauszubekommen. Der Vater ist immer noch bei Twitter. Ebenso lustig, wie ein Student, den ich wie manch andere animierte Twitter zu nutzen, einmal zu mir meinte, er würde mir und Herrn Obama folgen und es sei recht amüsant wenn wir abwechselnd twittern würden.

Irgendwann animierte auch den einen oder anderen Kollegen, den Studiengang. Selbst die Hochschule besaß einen Twitteraccount. Aber seitdem die Studentin, die ihn als Hilfskraft bediente, dort nicht mehr tätig war, wird dieser seit zig Jahren nicht mehr bespielt. Damit steht die Hochschule in gute lokaler Tradition. Selbst der lokale Oberbürgermeister ist nur zu Wahlkampfzeiten aktiv. Hat er wohl von Obama gelernt. Nach dem Wahlkampf zieht er, nicht Obama, sich wieder ins Web-0.8-Ländle zurück, in die Region der Weltmarktführer, die voll digitalisiert mit Faxgerät arbeitet.

All das ist lang her.

Freue ich mich auf die nächsten 15 Jahre Twitter? Nicht wirklich. Twitter ist der Gemeinschaft derer, die miteinander im besten Sinne des Wortes diskutierten, entwachsen. Twitter ist eine Betroffenheitsmaschine geworden, eine Plattform der Besserwisser, des Shitstorms und der überwiegenden Einwegkommunikation. Da wird gekreischt und gepiepst, wider besseres Wissen.

Trotzdem gibt es dein einen und anderen Account, dem ich gern folge. Die kleine Morgenpoesie rund um den Kaffee auf dem Balkon. Gedanken von Menschen, die man sonst auch mal trifft, aber online ganz anders rüberkommen. Alternative Sichtweisen einiger aus der Geburtsstadt. Die Absolventin aus meinem ersten Semester, andere Absolventen, die ihren Weg machen. Kollegen, von nah und fern. Gut, eher von fern. Web-0.8-Ländle. Menschen aus der Region, denen ich noch nicht begegnet bin, oder höchstens unbekannterweise per Zufall.

Das Ganze funktioniert für mich nur, weil ich konsequent Laberer, mit und ohne eigener Meinung, nicht folge. Ein Account, dessen Inhaber:in im Durchschnitt mehr als zehnmal pro Tag kommunizieren muss, ist für mich nicht interessant. Diejenigen, die ab und an ihre eigene Meinung fundiert sagen, die sind für mich interessant. Wer nur weiterleitet, was andere schreiben, hilft mir wenig. Lange Threads lese ich nicht. Dafür gibt es Blogs. Manchen folge ich nicht, sondern lese diese über eine kuratierte Liste.

Man sieht mein Engagement auf Twitter auch ganz gut an der Anzahl meiner Blogposts pro Jahr. 2009 waren es recht viele, 2014 bis 2018 eher wenige. Seitdem steigt die Anzahl. Entsprechend, wie ich weniger twittere. Nicht ohne Grund schreibe ich demnächst an meinem Zettel Blog.

Aber manchmal ist es ja ganz nett, Popcorn herauszuholen und sich eine umfangreichere Timeline anzusehen.