Prof. Dr. Detlef Stern

Zwei Wochen Präsenzunterricht

Die ersten zwei Wochen des Wintersemesters 2021/22 sind vorüber. Schon vor Monaten war angekündigt, dass die Lehrveranstaltungen vor Ort, d.h. in den Räumen der Hochschule stattfinden sollen. Nach drei Semestern mit Onlinepräsenz ist das eine kleine Umstellung zurück in alte Gewohnheiten.

Der Weg

Die eine oder andere Bequemlichkeit muss dazu aufgegeben werden. Für mich stand zunächst etwas Training an, denn den Hochschulstandort erreiche ich mit dem Fahrrad. Auf dem Weg zur Hochschule geht es mehr oder minder bergab. Aber auch nach den geraden Streckenabschnitten wollte ich nicht zu verschwitzt ankommen. Und auf dem Rückweg gibt es umgekehrt die eine oder andere fiese Steigung. Natürlich nur fies aus Sicht eines Flachlandgeborenen. Das Training hat geholfen.

Leider erwartbar war, dass weder die Stadt Heilbronn noch die den Bildungscampus betreuende Dieter-Schwarz-Stiftung in den vergangenen 1,5 Jahren etwas zur Verbesserung für Radfahrer getan haben. Die Schlaglöcher sind immer noch an Ort und Stelle. Ein paar sind dazu gekommen. Die Ampelanlage an der B27 wird noch immer vom Hotel überdeckt. Die Fressmeile wurde ausgedehnt und immer existiert keine Ausweichstrecke. Was wohl wäre, würde der hiesige Oberbürgermeister seinen Weg ins Rathaus mit dem Fahrrad zurücklegen. Sein Radweg wäre, bis kurz vor dem Radhaus, identisch zu meinem. Nun ja.

Der Ort

Dafür wurden auf dem Bildungscampus jede Menge Fahrradständer wieder abgebaut. Sie machten einem Kinderspielplatz und einem automatisierten Shop eines der hiesigen Einzelhandelsunternehmen Platz. Was wohl passiert, wenn mehr als jetzt mit dem Fahrrad zu den Bildungseinrichtungen fahren wollen? Zumal nun PKW-Parkplätze nur zu „interessanten“ monetären Konditionen genutzt werden dürfen. Angeblich Klimaschutz. Tatsächlich wohl nur zur Geldeinnahme, denn sonst wäre der ÖPNV ausgebaut worden und die Fahrradständer müssten nicht nur dem Normfahrrad genügen oder sogar einmal überdacht sein. Von einem Fahrradweg zu den Abstellmöglichkeiten ganz zu schweigen. Alles sehr halbgar durchdacht.

Apropos Klimaschutz. Überall Beton, nur an Randstreifen nicht. Dafür wird alles mit irgendwelchen Dingen zugestellt und verengt. Ortsfremde Bäume, wie Nadelhölzer, die ich hier so nicht wahrgenommen hatte. Stylisch wie die Birken, obwohl viele davon Heuschnupfen bekommen. So wird die Begründung für die Parkgebühren ziemlich frag-würdig.

Die Gebäude und Räume blieben ebenfalls stylisch steril. Hat schon was von Disneyland. Sieht nett aus, aber leben möchte ich dort nicht. Obwohl genügend Zeit für Verbesserungen war, funktioniert die Klimatisierung immer noch nicht wirklich. Die Raumsteuerung ist immer noch ungenügend, die Jalousiensteuerung scheint auf dem Stand der 1980er-Jahre zu sein. Gerade wenn man sich Bildungscampus nennt, sollte mehr drin gewesen sein. Da passt das undichte Dach beim Übergang zwischen zwei Gebäude ganz gut ins Bild.

Die Lehre

Auf politischer Ebene wurde beschlossen / gebeten, dass die Hochschulen wieder in (Orts-) Präsenz unterrichten. Die Hochschulleitungen wurden aufgefordert, den äußeren Bedingungen entsprechende Regelungen zu finden. Herausgekommen ist, und das kann eine Hochschulleitung wenig ändern, ein Mischmasch.

Hochschulen als Ort der Begegnung, der Gespräche, der guten Lehre, das war die Idee auf politischer Ebene. Dank der Pandemieregelungen soll man als Dozent nur zur Lehre anwesend sein. Für die Beschäftigten, die nicht lehren, gibt es präferiert das mobile Arbeiten, mutmaßlich zu Hause. Für die Studenten gibt es so gut wie keine Lernplätze. Auch diese fahren nur für die Lehrveranstaltungen zur Hochschule. Lehrbeauftragte können weiterhin online unterrichten. Nur hauptamtlich Lehrende sollen ortspräsent sein, wenn möglich. Die Botschaften im Subtext können kaum widersprüchlicher sein.

Dazu kommen liebgewonnene Bequemlichkeiten, seitens vieler Hochschulmitglieder. Warum für eine einzige Lehrveranstaltung in die Hochschule fahren? Geht nicht auch online, zumal wenn die Räume, auch dank einer Freischussregelung, ziemlich voll sind? Warum muss die eine Gruppe ortspräsent sein, wenn die andere Gruppe onlinepräsent ist?

Jenseits einer Bequemlichkeit fragt man sich auch, ob die Erfahrungen der letzten drei Semester einfach weggewischt werden sollen.

Mein geplantes Semester

Ich selbst werde die Lehre, als gehorsamer Beamter, größtenteils in Ortspräsenz durchführen. Letzte Woche führte ich einige kleine Umfragen zur Orts- vs Onlinepräsenz durch. Natürlich nicht repräsentativ. Grobergebnis: je weiter im Studium, desto mehr wird Onlinepräsenz bevorzugt. War zu erwarten. Wer gelernt hat zu lernen, kann das Online auch recht gut.

Trotzdem wird die eine oder andere Lehrveranstaltung online stattfinden. Mal weil ein Kollege kränkelt, aber zur Onlinepräsenz in der Lage ist. Mal, damit man sich um jemanden nach einer geplanten Operation kümmern kann. Mal, ach, was weiß ich. Einige Teams meiner Projektstudien arbeiten mit externen Stakeholdern zusammen, die vernünftig nur online erreichbar sind.

Den Rest meiner üblichen Tätigkeiten werde ich im Büro zu Hause erledigen. Onlinebesprechungen funktionieren da besser. Man ist auch ungestörter. An der Hochschule ist es nie ruhig, selbst wenn man in seinem Büro alleine ist. Das ist wenig produktiv. Am Zettelstore arbeite ich besser zu Hause, schon wegen der besseren Infrastruktur. Entsprechendes gilt fürs Schreiben.

In diesem Sinne hoffe ich auf ein gutes hybrides Semester: Lehre größtenteils in Ortspräsenz, alles andere in Onlinepräsenz. Oder auch mal ohne Internet, dafür mit leckerem, heimischen Espresso.