Prof. Dr. Detlef Stern

AusgeXINGt?

Seit März 2004, also seit knapp 17 Jahren, habe ich einen Account bei XING. Damals mit dem Namen OpenBC unterwegs erhielt ich vom Freund eines Bekannten eine Einladung. Aus bekannten Gründen ist es für einen Dienst keine gute Idee, sich sofort für die Allgemeinheit zu öffnen.

Damals hatte ich zwei Firmeninsolvenzen (als leidender Angestellter) hinter mir, einen Auftrag, bei dem ich wöchentlich von Hamburg nach Bonn pendeln musste (Fun fact: dieser führte mich auch einmal zu einem größeren IT-Unternehmen nördlich von Heilbronn), ein halbes Jahr Arbeitslosenzeit, einige kleinere Aufträge und war gerade als Leiter der Softwareentwicklungsabteilung eines Herstellers von Backup- und (wichtiger) Restore-Software untergekommen, aber nicht wirklich etabliert. Da bot OpenBC eine willkommene Möglichkeit, sich mit ehemaligen Kollegen zu vernetzen und evtl. Gelegenheiten zu finden, sich Job-technisch für die Zukunft abzusichern. Wenn man so will, begann die Nutzung angstgetrieben, mit einem Schuss Nostalgie (was wohl die ehemaligen Kollegen jetzt so alles machen? Ach, sieh an, die arbeitet nun für das Unternehmen, für das sie angeblich nie arbeiten wollte. Oder so ähnlich). Ein wenig war OpenBC und dann XING damals wie ein externes Adressbuch.

Netzwerkloses Netzwerk

Die Irrungen und Wirrungen meines Lebens gingen weiter und führten mich von Hamburg nach Wolfsburg und weiter, der großen Liebe wegen, nach Stuttgart. Fleißig passte ich mein XING-Profil an, um immer für den Fall der Fälle gewappnet zu sein. Hat das geholfen? Nein, die Jobangebote kamen über ganz andere Wege.

Inzwischen gab es Konkurrenzplattformen, wenn auch eher für den englischsprachigen Raum. XING, als Hamburger Unternehmen, bot mir die Hoffnung der Vertraulichkeit der von mir dort hinterlegten Daten, sofern diese vertraulich sein sollten. Hat das etwas gebracht? Nein, siehe unten.

Etwas später beruflich und persönlich in Heilbronn angekommen, trat der Angstfaktor in den Hintergrund. Einige Studenten vernetzten sich mit mir und ich konnte dann sehen, wo diese ihre beruflichen Schritte unternahmen, leicht nostalgisch.

Gamification ist infantil

Etwa seit den ersten Jahren in Heilbronn begannen mich die „User Experience“-Experimente von XING zu nerven. Etwas Gamification hier und da mag ja ganz nett sein, aber mit der Zeit beginnt man sich wie ein kleinen Kind behandelt zu fühlen. Gut, ich hatte nie etwas für den Account bezahlt. Also bin ist nicht Kunde, sondern eine Ansammlung von Daten, ein User.

Außerdem wurde XING zur Organisation des Heilbronner Scrumtisches genutzt, einer Gruppen von Menschen, bei der ich mich zum ersten Mal fachlich und in Teilen menschlich wirklich wohlgefühlt habe.

Der Scrumtisch ist in meinem letzten Sabbatical leise eingeschlafen. Wie ein kleines Kind versuchen seitdem die Macher von XING meine Aufmerksamkeit zu erlangen. Da ist sogar mein Hund subtiler. Ob ich nicht hier? Nein. Oder da? Nein. Wie wäre es hiermit? Nö.

Im Endeffekt bekomme ich immer mal wieder Vernetzungsangebote von Studenten, die im Mittel dann doch ihren Account schlafen lassen. Oder von Vertrieblern. Recruiter melden sich nicht mehr. Liegt wohl am künstlich hohen Gehaltswunsch von mehr als 200.000 Euro. Informationen über anstehende Events? Ja, meistens mit primär monetärem Hintergrund. Oder in Köln, Berlin oder Hamburg. Na toll.

Ah, ich vergaß, meine Posts werden immer noch automatisiert in meiner XING-Timeline veröffentlicht. Der eine oder die andere klickt dann auf „Gefällt mir“. Hui! Gab es mehr Interaktion als das? Nein.

Manchmal sendet mir jemand via XING eine Nachricht. Um die zu lesen muss ich mich einloggen, die ganzen Gamification-Elemente überstehen, um dann zu antworten. Früher konnte man seine Antwort noch an die eigene Mailadresse weiterleiten. Heutzutage ist das wohl den Kunden, aber nicht den Nutzern vorbehalten. Soll wohl so sein, damit man einen knapp zweistelligen Betrag im Monat bezahlt. Keine Silo-Welt wie XING & Co ist mir das wert.

Privates Datum

Mein Account dämmerte so leise vor sich hin, bis mir Anfang des Jahres einige via Twitter, per Mail und per XING zum Geburtstag gratulierten. Da überraschte mich dann schon. Zum einen habe ich nicht Anfang des Jahres Geburtstag und zum anderen hatte ich deaktiviert, dass andere mein Geburtsdatum überhaupt sehen können.

Der Grund für das falsche Datum ist einfach. Ich gebe aus Prinzip bei Diensten, die mein Geburtsdatum unbedingt haben wollen, es aber aus juristischen Gründen nicht zwingend ist, ein etwas inkorrektes Geburtsdatum an. So etwas wie den 1.1.1970. Wählt man das Datum nicht zu ungeschickt, dann kann man sogar sehen, wer wem dieses Datum weitergegeben hat, sobald man überraschend Gratulationen erhält. Das leicht inkorrekte Geburtsdatum als Kanarienvogel (im Bergbau).

Gravierender ist aber, dass andere meinen Geburtstag sehen konnten, obwohl ich dies explizit ausgeschaltet habe. Via Twitter meinte dann der XING-Support, es habe im November 20 eine Mail gegeben, die darüber informiert habe. Dank eines Backups konnte ich die Mail restaurieren und siehe da: ich habe die Mail ganz anders interpretiert und interpretiere diese immer noch ganz anders. Da steht etwas davon, dass das Geburtsjahr nun keinem mehr angezeigt wird und das Geburtsdatum höchstens den Kontakten. Ich bin davon ausgegangen, dass ein für alle verborgenes Geburtsdatum auch nach der Änderung niemandem niemals angezeigt wird.

Ich möchte das nicht juristisch bewerten. Die Antwort des XING-Support kommentierte ein anderer Betroffener auf Twitter so:

Es ist scheißegal, wie und wo ihr mich angeblich informiert habt, wenn das bei mir nicht ankommt. (...) Der Punkt ist, dass ihr meine Untätigkeit ausgenutzt habt, um Daten DIE IHR VERSPROCHEN HATTET ZU SCHÜTZEN, zu veröffentlichen.

Das trifft die Sache ganz gut. Da hilft es wenig, wenn der XING-Support via Twitter juristisch motiviert kommuniziert. Ob das Freigeben meines als privat markierten Datums juristisch einwandfrei ist, das interessiert mich maximal sekundär. Bei mir gab es keinen Schaden, außer einigen irritierten Gratulanten. Da kann sich gerne ein Jurist drum kümmern. Man sollte aber nicht über „New Work“ und dieses ganze Zeug schwafeln und dann so einen Blödsinn produzieren.

Und nun?

Zusammengefasst war XING in den knapp 17 Jahren genau ein Mal für mich nützlich. Dafür wird mir durch Gamification-UX-Spielchen die Arbeit mit dem Account schwer gemacht. Einen Netzwerkeffekt habe ich für mich nicht beobachtet. Und nun gibt XING auch noch Facebook-artig ein als privat markiertes Datum frei.

„Wut ist ein schlechter Antrieb.“

Den Account hatte ich temporär stillgelegt, um zu sehen, ob ich etwas vermisse. Nach einem Monat ist klar: nein.

Nun lasse ich den Account bis ca. zum 17. Jahrestag mal offen. Vielleicht gibt es jemanden, der mir Gründe liefert, weshalb der (relative) Aufwand gerechtfertigt sein soll. XING-Kontakte schreiben mir besser eine Mail. Das ist gar nicht schwer, wirklich.

Wer mir schreibt, sollte beachten: Recruiting hat nie für mich funktioniert, Vertriebler werden nicht viel mit mir anfangen. Kunden finde ich andere, wenn diese nicht mich finden. Bisher nie via XING. Für Events gibt es andere, auch bessere Plattformen. Im Notfall kann ich mir bei XING einen Wegwerfaccount basteln. Kontaktaufnahme funktioniert bei mir per Mail besser, in beide Richtungen übrigens. Foren gibt es woanders auch, wenn ich sie denn nutze. Web-Präsenzen habe ich genug, nicht nur diese hier.

Ansonsten ist es wahrscheinlich sogar gut, Ballast loszuwerden. Also, liebe 459 Kontakte: nicht wundern, wenn ich ab Anfang März 21 nur noch nur noch an anderen Stellen im Netz zu finden bin. Es gibt genug davon. Das Leben ist zu kurz, um sich mit irrlaufenden, gamification-getriebenen „Diensten“ herumzuschlagen.

Update 1. März. 2021: vier Menschen haben mir auf XING geschrieben, keiner per Mail. Das zeigt immerhin, wie schwierig es für die vier war, überhaupt Mail zu nutzen. Zwei nutzen ein ähnliches Geburtsdatum, einer bedauerte mein Fortgehen von XING und einer freute sich auf ein Wiedersehen. Acht Menschen markierten den Beitrag auf XING als "gefällt mir". Ich lasse mal offen, was das bedeuten könnte. Mir bestätigen diese Rückmeldungen, dass XING für mich keine Plattform ist, die ich nutzen möchte. Wo war noch mal die Seite zum Löschen des Accounts? Ah, hier