Prof. Dr. Detlef Stern

Spring Break

Normalerweise würde morgen eine weitere Vorlesungswoche beginnen. Aber was ist schon normal? Statt dessen beginnt an meiner Hochschule in acht Tagen die Prüfungszeit, um die in Präsenz geplanten Prüfungen des letzten Wintersemesters nachzuholen. Dafür können sich alle Beteiligten ab morgen vorbereiten. Und nach den drei Wochen Prüfungszeit beginn noch eine planmäßige vorlesungsfreie Woche, in der die Geprüften ihre mentalen Wunden lecken können und die Prüfenden fleißig bewerten können/sollen/müssen. Nach dieser Zeitreise rückwärts wird das Sommersemester ab Juni wieder fortgesetzt.

Das ist ein guter Zeitpunkt, um mal kurz innezuhalten.

Auf Grund dieser Unterbrechung begann das Sommersemester 2021 zwei Wochen eher, also am 1. März. Wer für das Wintersemester alternative Prüfungsformen anbot (inkl. Genehmigung), der hatte wenig Vorbereitungszeit. Nach den Erfahrungen aus den vorangegangenen Ausnahmesemestern zog ich es dagegen vor, etwas kompatibler zur restlichen Hochschule zu sein. So war für mich die verbliebene Vorbereitungszeit etwas knapp, aber machbar.

Trotzdem stand für alle die Vorbereitungszeit unter den Folgen der morgen beginnenden Unterbrechung. Zunächst waren Prüfungen in Präsenz geplant. Im Gegensatz zu den letzten Semestern wurde nun auch hochschulseitig ein „Plan B“ vorangetrieben, der Online-Prüfungen vorsieht. Und fast schon zum Glück ist klar, dass dieser nun auch wirklich zum Einsatz kommt und nicht erst drei Tage vor einer Prüfung festgelegt wird. Das muss wohl ein riesiger, mentaler Akt gewesen sein, von dem ich nur wenig mitbekam. Kompatibel zur restlichen Hochschule zu sein zahlt sich manchmal aus, besonders wenn man seit einem Jahr selbst einen Alternativplan vorantreibt.

Open-Book-Klausuren

Schon länger bin ich der Ansicht, dass eine normale Klausur nicht mehr die angemessene Art und Weise ist, Wissen und Fähigkeiten zu überprüfen (wenn auch damals, huch schon acht Jahre her, aus etwas anderen Gründen). Wer will, mag im Agilen Studieren einen Ansatz zur Verbesserung sehen, indem eine summative Prüfung um formative Elemente ergänzt wird.

Dank der von der Hochschulleitung interpretierten Regelungen bleibt nun für mich die Option einer Open-Book-Klausur übrig. Sprich: die Geprüften haben weiterhin 90 Minuten Zeit, um die Aufgabe zu bearbeiten, können aber lesenderweise alle Dokumente der allwissenden Müllhalde (aka Web) nutzen. Sie müssen aber die Aufgaben selbst ohne menschliche Hilfe bearbeiten. Letzteres soll durch eine rechtlich wohl ziemlich relevante ehrenwörtliche Erklärung sichergestellt werden. Damit wird die Klausur zu einer zeitlich sehr eingeschränkte Seminararbeit.

Natürlich müssen dann die Aufgaben geändert werden. Es ist nun wenig sinnvoll, etwa eine Definition abzufragen. Statt dessen muss es nun mehr von dem geben, was umgangssprachlich als Transferaufgabe benannt wird. Passenderweise hat auch hier meine Interpretation des Agilen Studierens einige Vorarbeiten geleistet.

Und bin nicht nur ich gespannt, wie die geänderte Prüfungsart (prüfungstechnisch gesehen hat man ja nur die erlaubten Hilfsmittel geändert) bei allen ankommt. Jede Änderung hat ihre Gewinner und Verlierer.

Projektmanagement (2. Semester)

Wie hier beschrieben, gibt es ein Maximum an zu betreuenden Teilnehmern. Hätten alle, die in drei Wochen geprüft werden, noch einmal am Agilen Studieren teilgenommen, dann hätten es im schlimmsten Fall bis zu 200 Teilnehmer werden können. Deshalb habe ich die Vorbereitungszeit genutzt, um mir eine Triage zu überlegen. Alle im 2. Semester können teilnehmen, ebenso wer bisher die Teilnahme und Prüfung verschieben musste. Für verbleibende Plätze gab es Anwärter, aber als ich wusste, dass es noch freie Plätze gibt, wollte niemand (!) diese nutzen.

So erlebe ich es, dass für alle teilnehmenden Studenten das Agile Studieren neu ist. Ich hätte nicht gedacht, dass dies doch eine Änderung bedeutet. Zum Positiven übrigens, was aber auch rein an den beteiligten Personen liegen kann.

Ein kritischer Aspekt war der des unkritischen Zustimmens. Dieses tritt nun wesentlich seltener auf.

Softwaretechnik (3. Semester)

Hier gab es recht wenig Änderungen im Vergleich zur Vergangenheit. Ich bin mal gespannt, wie viele tatsächlich an der Prüfung in knapp vier Wochen teilnehmen werden, oder ob viele die Prüfung aufschieben.

Unabhängig, wie die Prüfungen im Juli für das Sommersemester seitens der Hochschule gestaltet werden, bleibt die Art der Open-Book-Klausur. Natürlich plus/minus der Erfahrungen vom ersten Mal.

Projektstudie (4. Semester)

Diesmal gibt es etwas mehr Teilnehmer als sonst. Und alle kenne ich nicht persönlich, nur durch die früheren Online-Semester. Trotzdem arbeiten alle ganz gut, in manchen Aspekte sogar besser als das aktuelle siebte Semester.

Projektstudie (7. Semester)

Diesmal gibt es etwas weniger Teilnehmer als sonst. Alle kenne ich persönlich. Vielleicht liegen deren Probleme darin begründet, dass diese erst ein Online-Semester hatten, denn vor einem Jahr absolvierten (fast) alle ein Praxissemester in einem Unternehmen.

Seminar (6. Semester)

Auch die (meisten) Teilnehmer aus dem sechsten Semester haben ein Online-Semester weniger absolviert. Aber trotzdem nähert sich der aktuelle Verlauf des Seminars grob meinen Erwartungen an ein Seminar an, wenn es auch nicht ganz so weit geht, wie noch im Wintersemester.

Skalierbare IT-Systemarchitekturen (Master, 2. Semester)

Diese Veranstaltung findet zum zweiten Mal statt, mit dem zweiten Jahrgang. Der Master-Studiengang ist ja noch etwas neu, wenngleich schon erfolgreich.

Letztes Jahr bestand die Prüfungsleistung in der Erstellung eines Lernportfolios, mit Hilfe einer Textverarbeitung. Alle nutzen MS Word. Mit dem Ergebnis, dass Querbeziehungen zu wenig dargestellt wurden.

In diesem Semester bleibt die Prüfungsleistung eines Lernportfolios gleich. Aber die zu verwendende Software habe ich auf TiddlyWiki oder Zettelstore beschränkt. Alle Studenten haben sich für TiddlyWiki entschieden, was für mich aber o.k. ist. Für alle war diese Art der Dokumenterstellung neu, zu Beginn gab es einige Umstellungsdiskussionen.

Die Ergebnisse der ersten Zwischenabgabe übertrafen aber jene vom letzten Jahr. Sprich, langsam greift die geänderte Form.

Sonstiges

Mir selbst gefallen diese Online-Semester immer mehr. Die Interaktion mit den Studenten ist wesentlich klarer. Wen es nicht zu sehr interessiert, was ich lehre, der schaltet seine Kamera aus. Eine klare Botschaft, über die ich nicht traurig bin.

Die Qualität der Interaktion mit denen, die wirklich lernen wollen, ist online in meinem Kontext gestiegen. Vieles wäre in einer physischen Präsenz nicht so einfach möglich, beginnend mit der einfachen Freigabe der Bildschirme, einfacher Gruppeneinteilung, schnellen Möglichkeiten auf Wünsche einzugehen. Da hilft manchmal auch meine Bücherwand im Hintergrund. Wann hält man sonst Lehrveranstaltungen aus einem Büro ab?

Die gesparten Zeiten fürs Pendeln an den Arbeitsplatz und das Wechseln der Räume nutze ich (und viele Studenten) produktiver oder mit Genuß. Die eigene Maschine produziert besseren Espresso, als es in den Einrichtungen des Studierendenwerks möglich sind. Pause auf dem Balkon, Terrasse, Loggia, Garten? Super!

Auch der Zettelstore wächst, in kleinen, stetigen Schritten. Nun auch mit Volltextsuche. Dank kleiner freier Zeiten zwischendurch und dank fehlender Zeiten fürs Pendeln zum Arbeitsplatz bald in einer 0.1-Version mit Transklusion und Schreib-API.

Alles hat seine positive und seine negative Seite. Aber die lustige Seite sollte man nie vergessen.