Prof. Dr. Detlef Stern

Rückblick Wintersemester 2020/1

Nach dem unerwartet außergewöhnlichen Sommersemester 20 schien das darauf folgende Wintersemester 20/1 vorhersehbar. Auf eine gewisse Art und Weise war es das auch. Und auf eine andere Art und Weise wieder nicht.

Natürlich fand auch dieses Semester alles rein online statt. Die technische Infrastruktur zur Notfallonlinelehre seitens der Hochschule funktionierte ganz gut. Der Dienstleister verbessert sogar immer wieder in vielen kleinen Aspekten seine Software. Und ebenso ist klar, dass gewachsene Strukturen in einer Behörde wie der Hochschule mit ihren vielen Facetten nicht von gestern auf heute durch andere ersetzt werden.

Meine Umstellung auf Windux hatte so gut wie keine negativen Nachwirkungen. Endlich kann ich alle Möglichkeiten der Videokonferenzsoftware nutzen. Endlich werden meine Webbrowser sehr zeitnah aktualisiert. Wird mal wieder ein Dokument in einem proprietären Office-Format verlangt, muss ich keine virtuelle Maschine starten. Und trotzdem kann ich weiterhin meine eigene Software, wie gewohnt, in einer Linux-artigen Umgebung erstellen und nutzen. So langsam gewöhne ich mich auch an das von Windux bevorzugte Ubuntu.

Dank der guten Unterstützung des Grapiktabletts durch Windux, das zugleich ein weiterer Monitor ist, und eines privat beschafften, bemerkenswerten (das ist ein Hinweis!) Geräts, konnte ich in diesem Semester auf Papier vollständig verzichten.

Nun gut, hätten Klausurprüfungen stattgefunden, dann hätte ich doch noch Papier genutzt. Sie fanden aber nicht statt. Aus guten Gründen wurden die Klausurprüfungen hochschulweit in den Mai 21 verschoben, leider etwas kurzfristig. Aber besser man trifft eine Entscheidung, als das man die ganze Zeit herumlaviert und sich vor einer Entscheidung drückt.

Vermutlich ist da die gesamte Hochschule ein gutes Spiegelbild „der Gesellschaft“. So viele halten an der Idee fest, man könne in kurzer Zeit wieder in den Normalzustand zurückkehren, in die gute, gar nicht so alte Zeit. Man müsse nur für kurze Zeit quasi die Luft anhalten und dank des wissenschaftlichen Forschritts werden die Probleme dann behoben sein. Mit dem Luftanhalten ist das so eine Sache. Man könnte auch der Ansicht sein, dass es einen neuen Normalzustand gibt, bei dem man immer mal wieder Luft anhalten muss, um beim Bild zu bleiben. Dann wäre es doch gut, man würde sich langsam auf den neuen Normalzustand einlassen, anstelle der Vergangenheit nachzutrauern.

Aber das wäre ja die Anwendung von Risikomanagement und das Erinnern an die sieben Phasen der Veränderung. Huch, nicht dass ich da Prüfungsfragen zum ersten Fach ausplaudere.

Projektmanagement (2. Semester)

Zu diesem Fach schreibe ich etwas auf einer separaten Seite. Bitte dort weiterlesen.

Softwaretechnik (3. Semester)

Immer noch mein einziges Fach, das ich als „klassische Vorlesung“ veranstalte. Die Ergebnisse vom letzten Semester haben mich dazu ermuntert. Ob das so stimmt, wird man im Mai sehen.

Immerhin haben im Durchschnitt mehr als 60 Studenten die Vorlesung besucht. Im Unterschied zum letzten Semester waren deren Kamera fast immer ausgeschaltet. Ich hatte darüber schon für das Fach Projektmanagement geschrieben. Ein Kern von ca. fünf Studenten schaltete die Kamera an, die anderen wollten nicht.

Selbst mein Angebot, wer die Kamera einschaltet, darf mich in meiner Vorlesung direkt unterbrechen, hat nichts bewirkt. Dafür haben die fünf Studenten mutmaßlich mehr gelernt, als die anderen. Auch das klärt sich endgültig im Mai.

Projektstudie (4. Semester)

In dieser Projektstudie geht es für mich darum, dass die Studenten lernen, als Team zu arbeiten, nicht nur als Gruppe. Das Wissen um Projektmanagement und Softwaretechnik soll praktisch angewendet werden.

In diesem Semester kamen drei Gruppen zustande. Eine kümmerte sich wieder um das Legacy-Projekt zum „Businessprozess“ der Bewertung von Klausuren. Schade für alle Beteiligten, dass der eigentlich Test dieses Semester ausfiel. Ich hoffe, im kommenden Semester kann dieses Software soweit fertig gestellt werden, dass auch kleinere Fehler behoben sind.

Eine andere Gruppe erweiterte eine Software zur erleichterten Anmeldung zu Klausureinsichten. Auch hier gab es einige Fortschritte, auch hier hoffe ich auf eine erste Produktivsetzung nach dem kommenden Semester.

Die dritte Gruppe begann mit der Implementierung einer etwas eigenwilligen Aufgabe: Zettel aus dem Zettelstore sollten als HTML-basierte Vorlesungsfolien angezeigt werden. Wer den Ursprung des Begriffs Folie noch kennt, findet das etwas weniger eigenwillig. Diese Gruppe hat mit überrascht, da sie eine für sie neue Programmiersprache lernen wollte, Go. Und Sie hat den Prototypen soweit gebracht, dass sie ihre Abschlusspräsentation mit ihrer eigenen Software gehalten haben. Das fand ich cool.

Alle Themen können in den kommenden Semester weiter entwickelt werden, denn jede Software wurde unter einer Open-Source-Lizenz erstellt.

Im Unterschied zum letzten Semester war ich erfreut, dass sich die meisten Teilnehmer wesentlich realistischer einschätzen, als ihre Kommilitonen im vorigen Semester.

Projektstudie (7. Semester)

Wie auch im letzten Semester konnte das ÖPNV-Transparenzregister weiter entwickelt werden. Wie vor einem Jahr wollte eine Gruppe von Studenten schon eher mit der Projektstudie beginnen, um mehr Zeit für die Bachelorthesis zu haben. Interessanterweise waren zwei Studenten dabei, die das Projekt vor drei Semestern ursprünglich begonnen hatten, damals noch im 4. Semester. Ist lehrreich zu sehen, wie zwei andere Gruppen das eigene frühere Werk verbessert haben und wie man selbst daran Anschluss findet. Das Ergebnis war ziemlich gut.

Eine andere Gruppe bearbeitete dann regulär ab Oktober 20 die im letzten Semester begonnene zur Verwaltung der mündlichen Prüfungen in einem anderen Studiengang. Auch hier wurden gute Fortschritte gemacht. Ich rechne mit einer Produktivsetzung im nächsten Semester, vorausgesetzt die nächste Gruppe arbeitet so wie diese.

Die dritte Gruppe kümmerte sich um ein internes Projekt, das im letzten Jahr begonnen wurde.Dabei geht es um einen authentifizierungsdienst, der von anderen Projekten so verwendet werden kann, dass die üblichen Aufgaben nicht von jedem Projekt programmiert werden müssen. Programmiersprache war hier Go (in den beiden anderen Projekte ist es Python).

Zwar ist es für jeden einfacher, ein Projekt auf der grünen Wiese neu zu beginnen. In der betrieblichen Praxis sieht es anders aus. In diesem Sinne freue ich mich, dass ich den Studenten Gelegenheit geben kann, nicht nur die typischen Studentenprojekte anzubieten, die nach dem Semester in der runden Ablage landen, sondern bei denen sie lernen können, sich in die Denkweisen früherer Projekte hineinzuversetzen und gewissermaßen Softwarearchäologie zu betreiben. Das ist sicher ein USP, den „meine“ Studenten haben.

Seminar (6. Semester)

Das Konzept, ein grobes Themengebiet vorzugeben, aus dem die Studenten Problemideen vorschlagen müssen, hat sich erneut bewährt. Diesmal war das Gebiet (wundersamerweise?) „Zettelkasten/Zettelstore.“.

Vor dem Semester hatte sich, einen Tag nach der ersten Veröffentlichung des Zettelstore, jemand von der Universität Bonn gemeldet, der dort orientalische Studien betreibt und sich für das Konzept des Zettelstores interessierte, da er selbst einen (Papier-) Zettelkasten erstellt und mehr lernen wollte. Nach einigen Gesprächen fragte ich ihn, ob er nicht am Seminar als fachlich interessierter teilnehmen möchte. Die Frage mit den Fahrtkosten war schnell geklärt, da alles online stattfindet.

Zum ersten Mal war dieses Seminar wirklich ein Seminar.

Während sonst meist formale Frage überwogen, wurden Inhalte vorgestellt und diskutiert. Hach, das wärmte mein Professorenherz! Übrigens auch dann, wenn unser Gast nicht anwesend war. Gut, ein wenig habe ich das provoziert, zu den Bewertungskriterien gehörte, seine Arbeit den anderen vorzustellen und moderierend zu diskutieren. Während sonst gern Bewertungskriterien nur der Form nach erfüllt wurden, wurden von den Teilnehmern auch dem Sinn nach gehandelt. Danke dafür.

Etwas schade fand ich, dass von den 11 Teilnehmern nur sechs eine Seminararbeit abgaben. Immerhin hatte einer mich vorab informiert und auch seine Beweggründe erläutert, die ich gut nachvollziehen kann. Von den anderen fehlt jede Spur, vielleicht versuchen diese es im nächsten Semester erneut.

Projektstudie (Master, 1. Semester)

Ja, dieses Semester hatte ich wieder recht viele Projektstudien. Insgesamt waren zehn Gruppen zu betreuen, also vier in dieser Projektstudie.

Im zweiten Jahr des Masterstudiengangs Wirtschaftsinformatik – Informationsmanagement und Data Science wurden die 15 Studienplätze mit insgesamt 24 Studenten besetzt. Das zeigt die Sinnhaftigkeit unseres Angebots.

24 ist eine gut teilbare Zahl, also habe ich mit Hilfe meiner Software zur Gruppeneinteilung (als Open-Source verfügbar) vier Gruppen mit je sechs Teilnehmern einteilen lassen.

Ein Thema habe ich aus dem letzten Jahr übernommen, da ich die damaligen Ergebnisse nicht reproduzieren konnte: Vergleich der Skalierungsfähigkeit von Go und einer anderen Programmiersprache anhand eines einfachen Authentifizierungsdienstes.

Die anderen drei Gruppen arbeiteten dem Zettelstore zu: UX-Konzept für Desktop- und für mobile Geräte, sowie ein Testkonzept für den Zettelstore. Auch hier nahm der etwas fachfremde Gast der Uni Bonn teil, auch hier zu beiderseitigem Nutzen. Gerade in diesen Diskussion konnten die Studenten zeigen, dass Sie in der Lage sind, bereichsspezifische und -übergreifende Diskussionen (zu) führen.

Etwas schade fand ich, dass drei der Studenten das Studium nur wählten, um etwas Zeit zum Berufseinstieg zu überbrücken und die Projektstudie nach einigen Wochen verließen. Zwei waren in der gleichen Gruppe, die zeitweise viel zu tun hatte, das zu kompensieren.

Gut fand ich, dass das Anspruchsdenken für eine bestimmte ((sehr) gute) Note geringer war, als in früheren Semestern. Ein Master ist eben nicht nur ein erweiterter Bachelor mit anderen Inhalten. Der Unterschied entspricht eher dem zwischen Taktik und Strategie. Wer das nicht versteht, der möge sich die Informationen zum Deutschen Qualifikationsrahmen ansehen, der vom Europäischen Qualifikationsrahmen auf Deutsche Verhältnisse angepasst wurde. Das ist die Grundlage, andere (historische?) Befindlichkeiten hin oder her.

Die Ergebnisse waren ganz gut. Man merkte auch den qualitativen Unterschied der Ergebnisse zwischen Bachelor- und Master-Studenten. Manch ein Ergebnis könnte sich demnächst als Input für eine Projektstudie oder Seminar im Bachelor erweisen.

Berufsbegleitender Master (1. Semester)

Neben dem eigentlich Master war ich wieder im berufsbegleitenden Master Wirtschaftsinformatik – Digitale Transformation tätig. Hier gibt es keine Lehrveranstaltungen im wöchentlichen Rhythmus, sondern Blockunterricht.

Diesmal war wenig zu erwähnen, trotz Änderung von Präsenz auf Online-Präsenz. Vielleicht haben einige meinen Post vom letzten Jahr gelesen. Interessanterweise haben die Teilnehmer als einzige im Semester meine geänderte Ausstattung bemerkt, konkret das etwas bessere Mikrophon. Vielleicht lag es auch am Kontrast zu dem eines Kollegen.

Kolloquium (WAS: Thesisrunde)

Seit dem letzten Semester treffe ich mich einmal in der Woche mit den Studenten, deren Thesis ich betreue. Das geht online wirklich besser als in physischer Präsenz. Neben den zwei Bacheloranten kamen in diesem Semester vier Studenten hinzu, die im berufsbegleitenden Master ein Semesterprojekt („On-the-job-project“) bearbeiten, zwei aus dem ersten und zwei aus dem dritten Semester.

Für mich hatte das den Vorteil, dass ich im Blockunterricht schon zwei Studenten kannte und auf deren berufliche Hintergründe eingehen konnte.

Nur der Name „Thesisrunde“ stimmte nicht mehr. Zwischenzeitlich habe ich das „Betreuungsrunde“ genannt, aber für diesen Begriff gibt es noch zu viele andere, wenig passende Bedeutungen. So bin ich zu „Kolloquium“ gekommen, da es ein wissenschaftliches Gespräch über die jeweiligen Inhalte sein soll, ohne gleich ein Prüfungsgesprach zu sein. Auch wenn es manchmal einige Fragen zu formalen Punkten gibt.

Ich denke, das Kolloquium (colloquium pavum, colloquium minor?) hat allen gut getan. Jeder konnte sich vom anderen Anregungen für die eigene Arbeit mitnehmen. Die Bacheloranten wissen, was sie im Master und im Berufsleben erwarten könnte. Die Studenten im berufsbegleitenden Master konnten sich gegenseitig Tipps für Zwischenpräsentationen geben und die Anforderungen an die Bacheloranten mit ihren abgleichen.

Und da alles online stattfand, musste man nicht extra z.B. aus Heidelberg anreisen, für die wöchentliche dreiviertel Stunde.

Sonstiges

Über meine Teilnahme an der virtuellen Vorlesungsreihe Wirtschaftsinformatik hatte ich schon separat berichtet. Ich hoffe die Reihe wird im nächsten Semester fortgeführt. Ein Thema hätte ich schon: Schätzungen (im Projektmanagement).

Ebenso hat es mir viel Spaß bereitet, den Schülern der hiesigen Gustav-von-Schmoller-Schule im Berufskolleg Wirtschaftsinformatik einige Einblicke in die Programmiersprache Python zu geben. Neben dem fachlichen Input ist es mir wichtig, den Schülern mitzugeben, was ein Studium ausmachen kann.

Denn wieder konnte ich bei meinen Lehrveranstaltungen gut merken, wer gelernt hat zu lernen/studieren und wer das vor dem Studium versäumt hat. Gerade beim Online-basierten Lernen kommt es auf ein gehöriges Maß an Selbstständigkeit an, zusammen mit der Fähigkeit Fragen zu formulieren. Im Unterschied zu einem reinen Fernstudium gibt es den Rhythmus der Online-Präsenzlehre. Man kann und sollte sich vorbereiten, man kann und sollte alles nachbereiten, man kann und sollte Fragen stellen, man kann und sollte Wege finden, diese Fragen zu beantworten. Wer das in der Schule nicht gelernt hat, sollte es nachholen. Angebote gibt es dafür genug.

Ausblick

Auch das nächste Semester wird für mich fast ausschließlich online stattfinden. Meine Vorbereitungen für dieses Semester waren größtenteils erfolgreich. Die für das nächste Semester laufen. Ich plane, meine Vorlesungsunterlagen zu vertonen. Mal sehen, wie das klappt. Ich werde mit dem Fach Projektmanagement wohl beginnen.

Durch die Verschiebung der Klausurprüfungen verkürzt sich die vorlesungsfreie Zeit um zwei Wochen. Sie war schon vorher knapp bemessen. Vieles lässt sich in den verbleibenden drei Wochen nicht vollständig umsetzen. Da bitte ich die Studenten ein wenig um Nachsicht, wenn etwas nicht wie erwartet klappt.

Eine große Herausforderung wird die signifikante Zunahme der Teilnehmerzahlen sein. Ich hatte darüber ja schon geschrieben. Der Unterschied von ursprünglich 40 auf nun 60 Studienplätzen mag klein erscheinen, ändert aber die Art und Weise des möglichen Unterrichts komplett. Interaktionen sind wesentlich weniger möglich. Und wenn dann statt 60 auf einmal 80 Studenten das Studium beginnen lässt und in manchen Fächern 100 Studenten sich für die Klausur angemeldet hatten, die auf den Mai verschoben wurde, dann kann das kommende Semester nicht ohne Änderungen stattfinden.

Im Bachelor werde ich, wie üblich, die gleichen Fächer lehren. Etwas Kontinuität darf gerne sein. Im Master wechseln die Veranstaltungen, da dieser nur im Wintersemester beginnt.

Mal sehen, welche Überraschungen wir in der kommenden Zeit erleben werden.