Prof. Dr. Detlef Stern

#dts

Ein Jahr lang habe ich täglich einen Tweet mit dem Hashtag #dts veröffentlicht. Bei dem einen oder anderen stieß ein solcher Tweet auf Resonanz. Der eine mochte es nicht, an den eigenen Tod erinnert zu werden. Den anderen wurde in der Bildung ein Satz traumatisch eingebläut. Und manche Tweet waren ganz einfach bewusst mehrdeutig. Anderen gefiel, was ich das schrieb. Wohl auch, weil es gut zu den eigenen Ansichten passte.

Natürlich habe ich mir diese Tweets nicht ausgedacht. Sie stammen alle aus dem Buch „Der tägliche Stoiker“. Für jeden Tag im Jahr gibt es ein Zitat eines stoischen Philosophen, mitsamt eines kleinen Textes, der versucht, dessen Gedanken in die heutige Zeit zu übertragen.

Als eine kleine tägliche Übung habe ich über diesen Tagesgedanken in Ruhe sinniert. Wenn ich meinte, ihn verstanden zu haben, twitterte ich die Tagesüberschrift, mit dem Hashtag #dts.

Manch eine Überschrift mag etwas roh gewesen sein. Das liegt sicherlich auch an der Übersetzung aus dem Englischen. Wobei die Ursprungsgedanken in verschiedenen Varianten des Altgriechischen oder -lateinischen dokumentiert waren, bevor sie, vermutlich in mehren Zwischenübersetzungen, ins Englische übertragen wurden.

Wer mich kennt, der weiß, dass ich ein recht philosophischer Mensch bin. Ethik ist mir wichtiger als Moral. Ich strebe in diesem Sinne ein „gutes Leben“ an. Manches von dem, was ich im letzten Jahr las, kannte ich oder wendete es schon länger an.

Hat mich die Arbeit mit den Texten zu einem wesentlich besseren Menschen gemacht? Ganz bestimmt nicht. Obwohl, … Na, das müssen andere beurteilen.

Aber ich sehe viele Dinge und Ereignisse gelassener. Wenn zum Beispiel jemand an seiner (offenkundigen unangemessenen) Meinung festhalten will, dann versuche ich nicht mehr, ganz (Hochschul-) Lehrer, diese Person auf Teufel komm raus umzustimmen. Offensichtlich möchte diese Person selbst lernen. Das können Studenten sein, aber auch „agile Coaches“ oder Menschen, die wissenschaftliche Erkenntnisse ignorieren möchten. Ganz nach dem Motto meiner Oma: „Wer nicht will, der hat schon“.

Mir sind meine Grenzen klarer geworden, nicht nur die zeitlichen. Mir ist aber auch klarer geworden, dass ich hier und da meine PAL-Brille justieren sollte. Und wieviel Glück ich habe, um ein ethisch gutes Leben auch ohne zu große Mühen anstreben zu können.

Ich selbst werde die Tagesgedanken erneut lesen und damit meine täglichen Übungen fortsetzen. So gut ist mein Gedächnis nicht. Die Tweets wird es nicht geben. Das Internet vergisst (angeblich) nie. Trotzdem werde ich den einen oder anderen passenden Tweet mit #dts markieren. Heute gab es gleich den ersten.

Das Buch ist gewiss kein bedeutend philosophisches Werk, mehr eine lockere Sammlung. Mehr halbgar aus diversen Sprachen ins Englische und von dort ins Deutsche übersetzt. Vermutlich wurde das klingonische Original gar nicht betrachtet. Gerade das macht für mich den Charme aus: man darf, man muss weiterdenken und darf nicht bei den im Buch beschriebenen Gedanken stehen bleiben. Also ist das Buch nichts für jeden. Zu mir passt es: unfertig.