Prof. Dr. Detlef Stern

Rückblick Wintersemester 2019/20

Das gestern zu Ende gegangene Wintersemester stand unter dem Eindruck des Umzugs an den Bildungscampus. Etwa zwei Wochen vor Vorlesungsbeginn wurden am bisherigen Standort die letzten wichtigen Sachen zusammengepackt, eine Woche vor Vorlesungsbeginn wurden alle Kartons, Gerätschaften in unser neues Gebäude transportiert. Mich erreichte eine Woche vor Beginn der Vorlesungen eine Mail der Art:

Der Umzug läuft für das Gebäude S nun doch heute nach Plan. Das Gebäude S ist aber derzeit noch eine Baustelle. Bitte kommen Sie erst gegen Ende der Woche, frühestens Mittwoch und stellen sich auf eine Baustelle ein.

Am Mittwoch hatte ich sowieso einen dienstlichen Termin am Bildungscampus. Einige Gebäude stehen dort ja schon etwas länger. Obwohl ich mit dem Fahrrad dorthin fuhr, musste ich zweimal um den gesamten Komplex herumfahren, um überhaupt einen Zugang zu bekommen. Gehwegplatten wurden noch verlegt, In- und außerhalb der Gebäude R, S und T lag der Staub (gefühlt) einige Zentimeter hoch. Auf dem gesamten Campus Ost und Nord war so gut wie jeder Bereich irgendwie abgesperrt weil noch in Arbeit.

Angeblich sollte alles in der kommenden Woche, pünktlich zu Vorlesungsbeginn fertig sein. Gut, die Fertigstellung des Gebäude T, von uns hauptsächlich für Vorlesungen genutzt und zugleich Sitz der Hochschulleitung, sollte sich 2 Wochen verzögern.

Leicht schockiert fuhr ich nach meinem Termin wieder zurück, das Beste hoffend. Für mich gab es dort noch nichts zu tun. Nicht einmal Büroschlüssel konnte ich bekommen. Die sollte es für mich erst am Tag des Vorlesungsbeginns geben.

Vorlesungen auf einer Baustelle

Natürlich war zu Vorlesungsbeginn so gut wie nichts fertig. Immerhin hatten Putzkolonnen am Wochenende die Staubschicht entfernt. Mein Dank dafür! Immerhin musste ich nicht mehr um den Campus herumfahren, um mein Fahrrad abzustellen. Und einen Büroschlüssel habe ich auch bekommen. Einen vorläufigen, denn das (elektrische) Schließsystem war nicht betriebsbereit.

Wenn man in so einer Umgebung Vorlesungen, Seminare und Projektstudien halten möchte, darf man nicht zimperlich sein. Türen, die sich nicht öffnen oder nicht schließen ließen. Handwerker, die mal kurz während der Vorlesung dringend etwas handwerken mussten. Und kurz darauf andere Handwerker, die über die nicht abgestimmte Arbeit der ersten Handwerker frustriert waren und alles wieder rückgängig machen mussten. Hebebühnengepiepse, wie bei rückwärtsfahrenden LKWs, das die eigene Stimme übertönte, denn die Türen konnten ja nicht geschlossen werden, weil die Griffe fehlten.

Zum Glück funktionierte die Medientechnik, meistens. In so einer Umgebung freut man sich über kleinste Erleichterung, z.B. dass ich nun keinen VGA-Adapter mehr benötigte (bis jemand die Kabel der Medienstation irgendwo einklemmte). Oder wenn man in seinem Büro die Beleuchtung mal regeln konnte. Oder wenn man aktiv die Jalousien in den Vorlesungsräumen regeln konnte.

Am 10.10.19 wurde die Nacht der Wissenschaft auf dem Bildungscampus gefeiert und dessen Nordteil offiziell eingeweiht. Am 10.10.19 war offiziell alles fertiggestellt. Am 11.10.19 wurde aufgeräumt, am 14.10.19 gingen die Bauarbeiten weiter. Selbst bis zum Ende der Vorlesungszeit, im Januar 20, waren diese nicht abgeschlossen, „einige Restarbeiten“ sind immer noch offen. Aktuell gibt es nur eine Mensa, etwa halb so groß wie die am bisherigen Standort, aber für mehr potentielle Nutzer. Zum Sommersemester soll eine weitere Mensa fertiggestellt werden. Wie Planungen so sind...

Viele Besucher lobten den neuen Campus und die Gebäude. Alles sehe so schön schick aus. Das mit dem schick mag stimmen. Vielleicht sind es auch tolle Bürogebäude. Tolle Hochschulgebäude sind es für mich nicht. Hochschulen haben andere Bedürfnisse als Unternehmen. Aber dazu werde ich ein andernmal schreiben. Natürlich bin ich mir bewusst, dass in anderen Hochschule diese Gebäude ein riesengroßer Fortschritt wären.

Nun aber zum eigentlichen Inhalt.

Projektmanagement (2. Semester)

Zu diesem Fach schreibe ich etwas auf einer separaten Seite. Bitte dort weiterlesen.

Softwaretechnik (3. Semester)

Auch in diesem Fach zeigte sich die großzügige Raumausstattung: in einem Raum für ca. 60 Teilnehmer verirrten sich durchschnittlich knapp 18 Studenten. Trotzdem gab es immer wieder gute Diskussionen. Und zum ersten Mal präsentierte ein Student freiwillig seine Lösung zu einer selbständig zu bearbeitenden Aufgabe. Das hat mich gefreut. Auch andere wollten offensichtlich aktiv lernen und nicht nur Inhalte konsumieren.

Projektstudie (4. Semester)

In dieser Projektstudie geht es für mich darum, dass die Studenten lernen, als Team zu arbeiten, nicht nur als Gruppe. Das Wissen um Projektmanagement und Softwaretechnik soll nun praktisch angewendet werden.

Dieses Semester kamen zwei Gruppen zusammen, um zum Team zu werden. In der einen Gruppe ging dies viel schneller. Dies lag auch an einer relativen Homogenität. In der anderen Gruppe war dies so nicht der Fall. Dazu kamen persönliche Befindlichkeiten. Aber nachdem diese (größtenteils von der Gruppe selbst) geklärt waren, lief es in dieser Gruppe wesentlich besser.

Ich selbst finde es immer schade, wenn meine Empfehlungen in den Wind geschlagen werden. So sind die Lessons Learned von Semester zu Semester doch recht ähnlich. Ein wesentlicher Teil lautet: „Hätten wir eher auf Herrn Stern gehört“. Da frage ich mich, was ich tun muss, damit meine Ratschläge eher angenommen werden, ohne dass ich mit Zwang und Noten drohen muss.

Dieses Problem betrifft dies nicht nur das 4. Semester.

Projektstudie (7. Semester)

Im 7. Semester sollen die Studenten zeigen, dass sie auf dem Kompetenzniveau für einen Bachelor of Science angekommen sind. Dazu gehört auch dass komplexe fachbezogene Probleme und Lösungen gegenüber Fachleuten argumentativ vertreten werden können. Deshalb versuche ich externe Kunden und Aufgabenstellungen zu gewinnen.

Schon kurz nach dem Sommersemester trat eine Gruppe von Studenten an mich heran. Die fragten, ob es nicht möglich sei, schon im Juli/August mit der Projektstudie zu beginnen, damit sie anschließend sich auf ihre Abschlussarbeiten konzentrieren können. Das passte gut, denn ein Kollege drängte darauf, die im Sommersemester begonnene Webseite zum ÖPNV-Transparenzregister weiter zu entwickeln, da diese im November initial vorgestellt werden sollte. Also eine WIN-Win-Situation. Das Ergebnis kan sich sehen lassen (und besichtigt werden). Die Resonanz auf die Veröffentlichung des Transparenzregister war ganz gut, manch eine Gemeinde lieferte wohl nun auch endlich transparentere Daten. Und ich habe zum ersten Mal bedauert, dass in der Hochschule keine bessere Note als eine 1,0 vergeben werden darf.

Einige Wochen später meldete sich eine zweite Gruppe von Studenten mit einem ähnlichen Anliegen wie die erste. Hier traf es sich ganz gut, dass im Sommersemester das begonnene Langzeitarchiv weit entfernt von einer Fertigstellung war.

Mit der Vorlesungszeit begannen zwei weitere Gruppen. Dummerweise haben alle weiteren potentiellen externen Auftraggeber abgesagt oder sich nicht mehr gemeldet. So musste ich mir selbst einige Themen ausdenken. Herausgekommen war die Implementierung eines (Micro-) Services zur Gruppeneinteilung. Es wäre nämlich gut, wenn die ermittelten Gruppen automatisch in andere Systeme übernommen werden können. Die letzte Gruppe sollte den Authentifizierungsdienst um zusätzliche Qualitäten wie Sperren nach zu vielen Fehlversuchen oder Funktionalitäten wie das datenschutzkonforme Ermitteln von Klarnamen erweitern. Da im 7. Semester auch erwartet werden kann, sich in neue Umgebungen einzuarbeiten, habe ich die Programmiersprache Go vorgegeben. Zum Einarbeiten schlug ich das Buch „RESTful Go APIs“ vor, das Hochschulangehörige, also auch Studenten, als eBook ohne weitere Zuzahlung zugänglich ist. Es bietet, neben einer Einführung in Go, eine gute Anleitung, wie man architekturgetrieben Services realisieren kann.

Während das Team zum Transparenzregister schnell lernte, meine Hinweise zu berücksichtigen, fiel dies den anderen Gruppen offensichtlich wesentlich schwerer. Dazu kommt wohl auch immer wieder ein sich selbst verstärkender Denkprozess, der beflügeln oder lähmen kann. Immerhin hatte eine Gruppe, leider etwas spät, ein Aha-Erlebnis, als ich diese schon fast nötigte, mir per Projektor den Programmcode zu präsentieren, auf das ich diesen konstruktiv kritisieren konnte. Da merkten alle Gruppenmitglieder, wie sehr sie in ihrer Denkblase gefangen waren.

Übrigens, das angesprochene Buch hat keine der beiden Gruppen berücksichtigt. Vielleicht sollte ich beim nächsten Mal einen kleinen Zwischentest schreiben lassen, natürlich notenrelevant ;)

Seminar (6. Semester)

Auch in diesem Semester habe ich nicht Themen vorbereitet, für die sich dann die Teilnehmer bewerben konnten. Vielmehr mussten die Studenten mir auch diesmal Problemideen vorschlagen, die sie bearbeiten wollten. In diesem Semester erfolgte dies aus dem Gebiet „Skalierbare Architekturen“.

Im Unterschied zum letzten Semester konnten die Studenten sich besser in dieser Situation zurecht finden. Die vorgeschlagenen Problemideen waren wesentlich besser. Auch half es, dass ich für formale Fragen explizit nur wenige Termine vorgesehen hatte. Leider haben wieder eher wenige Studenten die Präsenttermine besucht, wenn auch die Diskussionen wesentlich tiefer waren. Trotzdem gibt es für mich hier in Zukunft noch Verbesserungsbedarf. Für mich bedeutet ein Seminar auch, dass man mit den anderen Teilnehmern über die Inhalte diskutiert, nicht nur mit dem Veranstalter.

Projektstudie (Master, 1. Semester)

Ja, dieses Semester hatte ich recht viele Projektstudien.

Zum ersten Mal bieten meine Kollegen und ich den Masterstudiengang Wirtschaftsinformatik – Informationsmanagement und Data Science an. Zu Semesterbeginn waren sogar alle Studienplätze vergeben, ein weiterer Student ist noch offiziell in einem anderen Studiengang, will aber wechseln sobald es möglich ist. Als Ergänzung / Fortsetzung zum Bachelor-Studiengang gedacht, kamen 60% der Studenten aus anderen Bachelor-Studiengängen.

Für mich stellte sich die Frage, wie sich Projektstudien im Master von denen im Bachelor unterscheiden sollten. Meine Lösung: im Bachelor steht die konkrete, nachvollziehbare Realisierung im Vordergrund, während im Master es besonders auf Lösungsvergleiche ankommt.

Da mir ja alle externen Auftraggeber abgesagt hatten, habe ich mir eigene Themen überlegt:

  • Vergleich von Lösungen zum Aufbau eines Rechenclusters aus Raspberry Pi-Rechnern,
  • Vergleich der Skalierungsfähigkeit von Go und einer anderen Programmiersprache anhand eines einfachen Authentifizierungsdienstes,
  • Vergleich von Konzepten zur Verbesserung der User Experience der Software für das Agile Studieren.

Da die Mehrheit der Studenten meine Lehrveranstaltungen im Bachelor nicht besucht hatte, also nicht wusste, worauf es mir ankommt, habe ich die Gruppeneinteilung so vorgenommen, dass in jeder Gruppe zwei Studenten waren, die schon Erfahrung mit mir, meinen Eigenheiten und Ansprüchen hatte. Das hat vermutlich auch zur Integration der Gesamtgruppe beigetragen.

Die Ergebnisse waren ganz gut. Man merkte auch den qualitativen Unterschied der Ergebnisse zwischen Bachelor- und Master-Studenten.

Berufsbegleitender Master (1. Semester)

Neben dem eigentlich Master war ich auch im berufsbegleitenden Master Wirtschaftsinformatik – Digitale Transformation tätig. Hier gibt es nicht Lehrveranstaltungen im wöchentlichen Rhythmus, sondern Blockunterricht. Pro Veranstaltung ein Tag. Mit verpflichtenden Vor- und Nachbereitung kommen die Studenten auf das ausgewiesene Pensum.

Für mich war dies eine ungewohnte Lehrform, so einen ganzen Tag über ein Thema zu lehren und zu lernen. Besonders weil ich die Studenten überhaupt nicht vorher kannte. Alle haben mindestens 2 Jahre Berufserfahrung, manch einer mehr als 10 Jahre. Zwar habe ich auch schon kommerzielle Seminare veranstaltet, aber in der Lehre war mir diese Form neu.

Ich hatte zwei Lehrveranstaltungen, nur durch einen Tag getrennt. Da hilft einem ein früheres Stimmtraining. Das eine Fach, eher mein Kernfach, war „Software Engineering für die digitale Transformation“. Hier ging es um Software-Architekturen, Cloud-Computing, Skalierbarkeit, Micro-Services & Co. Das andere Fach hatte ich aus Gründen etwas kurzfristig übernommen: „IT-Projektmanagement, IT-Sicherheit, IT-Recht“. Alles Themen, die ich gut vertreten kann. Zumal ich mich mit meinem mentalen Steckpferd, der DSGVO, wieder auseinandersetzen konnte.

Da es in diesem Studiengang nur mündliche Modulprüfungen gibt, war ich zwar an der Aufgabenstellung beteiligt, aber nicht an der eigentlichen Prüfung. Interessant fand ich trotzdem, dass gewisse Mechanismen auch mit Berufserfahrung gleich bleiben. Die Aufgabenstellung zur Modulprüfung wird am letzten Tag gegeben, damit sich die Studenten bis zur Prüfung vorbereiten können. Vor Bekanntgabe haben alle sehr aufgepasst, was ich so sagte und fragten viel nach. Es wurde angeregt, gegen Ende gewisse Themen noch etwas tiefer zu besprechen. Doch die Aufgabenstellung wurde durch ein Versehen schon am Mittag veröffentlicht. Danach ließ das Interesse an den gewissen Themen schlagartig nach, denn diese betrafen nicht die Aufgabenstellung.

Irgendwie bleiben alle Studenten, selbst Berufserfahrene (und Professoren).

Sonstiges

Der Umzug hatte auch positive Auswirkungen. Waren wir vom Studiengang am alten Standort recht weit entfernt von unserer Fakultät lokalisiert, so haben wir nun unsere Büros im gleichen Stockwerk. Die Zusammenarbeit zum Transparenzregister habe ich mit meinem Kollegen im Fakultätsrat vorgestellt und nun gibt Überlegungen, ähnlich mit anderen aus der Fakultät zusammen zu arbeiten. Stichwort „Digitalisierung“. Darauf freue ich mich.

Die Gremienarbeit war in diesem Semester entspannter als früher, nicht nur die Sitzung der Studienkommission. Die Sitzung des Fachbeirats ist wieder ausgefallen. Hat sich das Konzept überlebt oder liegt es an den Beteiligten?

Ausblick

Auch dieses Semester gab es wenig Routine, zum Glück. Das wird sich im kommenden Semester wohl auch nicht ändern.

Im Bachelor werde ich die gleichen Fächer lehren. Ich bin schon neugierig, wie die Studenten auf die für sie neuen Fächer ansprechen werden. Da ich in diesem Semester zum ersten Mal seit langem keine Erstsemesterveranstaltung hatte, lerne ich die diese nun erst im 2. Semester kennen.

Im Master gibt es anstelle der Projektstudie das Fach „Skalierbare IT-Systemarchitekturen“. Für mich ist da eher das organisatorische Umfeld eine Herausforderung: keine Klausur, 4 SWS pro Woche. Aber ich habe mir das eine oder andere dazu ausgedacht.

Im berufsbegleitenden Master werde ich wohl das Fach „Software Lifecycle Management“ lehren. Diesmal kenne ich die Gruppe, ist ja die gleiche. Und das Problem des zweiten Systems kenne ich auch...

Vielleicht ist dann sogar die neue Mensa fertig, so dass ich mir nicht mehr so viel zu Essen mitbringen muss. Vielleicht sind auch die Bauarbeiten abgeschlossen. Träumen darf man doch, oder?