Prof. Dr. Detlef Stern

Rückblick Sommersemester 2020

Das Sommersemester 2020 war für uns alle unerwartet außergewöhnlich. Ich hatte ja schon über die ersten Wochen und über allgemeine Eindrücke aus dem ersten Digitalsemester geschrieben.

Hier geht es eher um inhaltliche Reflexionen meiner Lehrveranstaltungen und um einen Ausblick auf das kommende Digitalsemester.

Projektmanagement (2. Semester)

Zu diesem Fach schreibe ich etwas auf einer separaten Seite. Bitte dort weiterlesen.

Softwaretechnik (3. Semester)

Mein einziges Fach, das ich als „klassische Vorlesung“ veranstalte. Dies habe ich nicht geändert, weil ich zunächst sehen wollte, ob man eine Vorlesung wirklich nicht in die Online-Welt transportieren kann. Nun, man kann und die Lernerfolge sind ähnlich wie früher.

Gut, das eine oder andere hatte ich geändert. Zum Beispiel gab es einige Studenten, die mir direkt ins Wort fallen durften, um Unklarheiten anzusprechen. Zu Beginn jedes Termins konnten sich dazu einige freiwillig melden. Die Vorlesung wandelte sich dann in ein Gespräch mit den zwei, drei Studenten. Es gab auch schneller Bestätigungen, wenn etwas (vermutlich) verstanden wurde.

So wurde aus einer Vorlesung mit ca. 22 Teilnehmern ein Gespräch mit wenigen Repräsentanten, dem die anderen zuschauten. Natürlich konnten auch andere Studenten Fragen stellen, mussten diese aber über den Chat formulieren/ankündigen.

Zusätzlich wurde die Prüfungsform geändert: von einer Klausur zu einer mündlichen Prüfung. Gerade für dieses Fach habe ich es vermisst, auf Antworten reagieren zu können. Nun ging es. Aber ich habe gemerkt, dass viele Studenten mit dieser Form so gut wie keine Erfahrungen erworben hatten und sich teilweise eher auf eine Bulimie-artige Prüfung vorbereiteten. Und dann kam ich und stellte Verständnisfragen. Im nächsten Semester wird das wohl etwas besser.

Projektstudie (4. Semester)

In dieser Projektstudie geht es für mich darum, dass die Studenten lernen, als Team zu arbeiten, nicht nur als Gruppe. Das Wissen um Projektmanagement und Softwaretechnik soll nun praktisch angewendet werden.

Auch dieses Semester kamen zwei Gruppen zusammen, um zum Team zu werden. Eine Gruppe hat das Legacy-Projekt bearbeitet, bei dem Software nun schon über mehr als 5 Jahre hinweg weiterentwickelt wird (mein „Businessprozess“ der Bewertung von Klausuren unter den Vorgaben der Studien- und Prüfungsordnung). Die andere Gruppe hatte einen studiengangs-externen, hochschul-internen Kunden: ein anderer Studiengang wollte die Verwaltung einer mündlichen Prüfung sollte von einer Access-Lösung in eine web-basierte Lösung gewandelt werden.

Beide sind zwar nicht fertig geworden, aber wann ist schon eine Software fertig? Das war vielleicht bei dem einen oder andere die Hoffnung, aber nie wirklich Ziel.

In der Arbeit mit den Gruppen ist mir ein Muster aufgefallen, dass sich nicht auf diese Veranstaltung beschränkt. Zwar war die Terminfindung wesentlich einfacher und das Arbeiten eher im Fluss, aber die Teilnehmer überschätzten sich regelmäßig.

In den Projektstudien ist eine „Codepräsentation“ ein Bestandteil der Note. Dabei stellt mir jeder Teilnehmer innerhalb von 20 Minuten (hoffentlich) selbst entwickelten Programmcode vor. Ich stelle dazu auch Verständnisfragen. Gerne wird dieser Teil der Prüfung auf späte Termine verschoben, obgleich man von mir auch inhaltliche Rückmeldung und Verbesserungsvorschläge erhält. Dieses Semester wäre früheres Feedback besonders wertvoll gewesen.

Projektstudie (7. Semester)

Wie auch im letzten Semester konnte das ÖPNV-Transparenzregister weiter entwickelt werden. Es gab auch nur diese Gruppe, so dass viele andere Themen nicht weiter bearbeitet werden konnten. Vielleicht ist das im kommenden Semester anders.

Auch hier gab es das eine oder andere Mal die stärker als sonst vorhandene Selbstüberschätzung. Insgesamt konnte für den Kollegen als Auftraggeber die Software gut weiter entwickelt werden.

Wie im letzten Semester ist auch zum Wintersemester eine Gruppe von Studenten auf mich zugekommen, um eher zu beginnen (um mehr Zeit für die Thesis zu haben). Diese Projektstudie hat schon begonnen, nächste Woche findet das dritte Review statt.

Seminar (6. Semester)

Das Konzept, ein grobes Themengebiet vorzugeben, aus dem die Studenten Problemideen vorschlagen müssen, hatte sich bewährt. Diesmal war das Gebiet (passenderweise?) „Offline First“ Ein Grund für die besseren Ergebnisse könnte der sog. IKEA-Effekt sein. Studenten müssen nicht mehr ein zugewiesenes Thema bearbeiten, sondern definieren sich dieses (in den Grenzen des Gebiets) selbst.

Im Unterschied zum letzten Semester waren die abschließenden (Online-) Präsentation dieses Mal wesentlich besser. Vielleicht traut sich der eine oder andere in der etwas anonymen Umgebung mehr zu.

Dagegen waren die eigentlichen Seminararbeiten etwas oberflächlicher als im Vorsemester. Ob das am Themengebiet oder an der Online-Umgebung liegt, ist mir noch nicht klar. Während der Präsenztermine wurde gut mitgearbeitet, vergleichbar zum vorherigen Semester.

Vermutlich werde ich im Wintersemester aber den formellen Teil der Seminarzeit stärken, z.B. durch Zwischenpräsentationen. Viele Arbeiten sah man an, dass diese mutmaßlich in kurzer Zeit geschrieben wurden. Leider hier und da auch den kreativen Umgang mit Quellen. Immerhin nicht übertrieben.

Skalierbare IT-Systemarchitekturen (Master, 2. Semester)

Eine neue Veranstaltung, bei der es darum geht, welche Prinzipien hinter skalierbaren (Software-) Systemen stehen.

Im Master gibt es keine Klausuren. Nach den Erfahrungen der Studenten (und Kollegen) vom letzten Semester wollte ich aber, dass die Teilnehmer kontinuierlich arbeiten und nicht erst gegen Ende des Semesters beginnen, eine Arbeit anzufertigen. Als Prüfungsform wählte ich die Erstellung einer Lernportfolios. Jeder Teilnehmer muss also beschreiben, was individuell gelernt wurde.

Das Konzept hatte ich schon vorher erarbeitet, auch die Planung der Präsenztermine, so dass ich nicht zu viel für die Online-Welt ändern musste.

Bis auf einen Aspekt: mein Konzept sah vor, dass immer zwei Studenten eine Impulspräsentation zu einem Einzelthema vorbereiten und halten. Zu Beginn des Semesters gab es viele Unsicherheiten, auch wie Studenten Präsentationen online halten sollen und was passiert, wenn die Verbindung abbricht. Wir hatten uns dann geeinigt, dass die beiden Studenten die Präsentation aufzeichnen, hochladen und wir dann im Präsenztermin darüber sprechen.

Nun, darüber sprachen wir. Aber nicht darüber, die zusätzliche Arbeit beim Erstellen der Präsentation, den geänderten Abläufen bei den Präsenzterminen. Alle fühlten sich zunehmend unwohl, aber wir sprachen darüber nicht miteinander. Bis in der Vorbereitung zur Studienkommissionssitzung es dann doch recht viel Feedback in Form eines Dokumentes gab.

Ich fand es gut, dass wir uns dann die Zeit genommen haben, über alles zu sprechen und wie wir dann gemeinsam zu einer guten Lösung für den Rest des Semesters gekommen sind. Das war Master-würdig.

Weniger schön fand ich, dass in diesem Fach sogar die Mehrheit der Teilnehmer kreativen Umgang mit Quellen zeigten, in einem Fall nicht mehr nur grenzwertig. Zwar ist ein Lernportfolio keine wissenschaftliche Arbeit im engeren Sinne, aber trotzdem sollte man auf gewisse Ansprüche nicht verzichten und klar kennzeichnen, was fremde und was die eigene Arbeit war.

Vielleicht nur ein Effekt der Transition in die Online-Lehre, der verschwindet.

Berufsbegleitender Master (2. Semester)

Der Blockunterricht für den berufsbegleitenden Master, für mich im Fach „Software-Lifecycle-Management“, fand auch Online statt. Für mich zum Glück nach der Aussprache mit dem anderen Masterkurs. So konnte ich vieles gleich berücksichtigen.

Nach den Rückmeldungen der Teilnehmer war das für uns alle ein, im positiven Sinne, angenehmer Tag, trotz Lehre am Wochenende.

Im Ergebnis werde ich meine Veranstaltungen für das 1. Semester entsprechend anpassen, auch wenn das wieder als echte Präsenzveranstaltung stattfinden wird, natürlich mit mindestens zwei Metern Abstand.

Sonstiges

Online-Lehre ist anders, aber es bleibt Lehre. Studenten sollten immer noch lernen können. Gerade Studienanfänger hatten damit wohl teilweise Probleme. Konnte man sich in der Gruppe mit anderen beim Lernen durchwurschteln, so ist das im eher sehr individuellen Lernen anders. Da müssen sich manche umstellen.

Für mich bietet die Online-Lehre einen weiteren Vorteil: ich kann auch mal andere Veranstaltungen besuchen. Konkret gefiel mir der sporadische Besuch unseres Kolloquiums, bei denen Studenten mit Beginn das Thema ihrer Thesis vorstellen und gegen Ende die Ergebnisse vorstellen. So konnte ich mir immer wieder ansehen, was für Themen bearbeitet werden und wo man eventuell Verbesserungen anstreben sollte.

Ebenso hat sich die Betreuung von Abschlussarbeiten geändert. Traf ich mich früher mit den Studenten in einem Rhythmus von etwa drei Wochen, meist auch einzeln, so haben wir uns regelmäßig, teilweise wöchentlich, in der Gruppe getroffen und offene Punkte besprochen. Das tat allen gut.

Ausblick

Das nächste Semester wird für mich fast ausschließlich online stattfinden. Darauf bereite ich mich seit einiger Zeit vor. Meine private Internetanbindung habe ich zu einem erstaunlich geringen Mehrbetrag signifikant verbessert. Ich hatte wohl einen überteuerten Vertrag. Wichtig war mir die Upload-Bandbreite, nun mit tatsächlichen 50 MBit/s. Ein besseres Mikrophon ist betriebsbereit, wie auch ein Graphiktablett. Beide von der Dienststelle bezahlt. Lehrmethoden habe ich, wo nötig, verfeinert. Schließlich kann, nach aktuellem Stand, niemand behaupten, dass die Lehre überraschend online durchgeführt werden muss.

Im Bachelor werde ich, wie üblich, die gleichen Fächer lehren. Etwas Kontinuität darf gerne sein. Im Master wechseln die Veranstaltungen, da dieser nur im Wintersemester beginnt. Vielleicht ändert sich das. Die Zahl der Anmeldungen ist erheblich gestiegen und das nicht nur wegen der schwierigeren Lage bei für Berufsanfängern. Viele hatten sich schon vorher bewusst für das Masterstudium entschieden. Wie üblich im Behördenkontext will gut Ding Weile haben, oder so.

Mal sehen, welche Überraschungen wir in der kommenden Zeit erleben werden.