Prof. Dr. Detlef Stern

Von Linux zurück zu Windows

Seit dem Wintersemester 2014 nutze ich Linux als primäres Betriebssystem zu dienstlichen Zwecken. Für mich war das eine Form der Befreiung, nachdem man unter Windows eher wenig gut plattformübergreifend entwickeln konnte (nutzte ich bis 2011) und danach immer mehr von OSX gegängelt wurde (alles lt. Hersteller im Sinne der Nutzer - wohl eher im Sinne der eigenen Gewinnmaximierung, was aber nicht verwerflich ist).

Ab Sommer 2014 probierte ich auf der schon vorhandenen Hardware vieles aus, z.B. Arch Linux oder gar Gentoo Linux. Problematisch war für mich, dass ein Update immer gerne wieder mal den Computer unbenutzbar machen konnte. Ja, alles lies sich relativ schnell reparieren, aber vor einer Vorlesung mochte ich mir nicht den ganzen Stress antun. Umgekehrt bedeutete der Upgrade-Prozess einer auf Stabilität angelegten Distribution wie Ubuntu damals de facto eine Neu-Installation des Betriebssystem, zumindest wenn man nicht alles vorher gut plante.

So landete ich schließlich bei Fedora. Pünktlich nach Ende der Prüfungs- und Korrekturzeit konnte ich auf die halbjährlich neue Version aktualisieren, was gut funktionierte. Jede Version an sich wurde (und wird) recht stabil gepflegt, so dass man auch relativ aktuelle Versionen einer Software erhielt.

Mit dem Umstieg auf Linux konnte ich natürlich eine ganze Reihe von Softwarepaketen nicht nutzen, die im Hochschulalltag gerne von anderen verwendet und vom lokalen „Rechenzentrum“ explizit unterstützt werden, z.B. Microsoft Office, Microsoft Outlook, … Das war mir vorher klar und für mich nicht besonders problematisch. PowerPoint mag ein nettes Tool sein, aber für meine Vorlesungen nutze ich lieber etwas web-basiertes, das ich mit normalem Text füttern konnte. Im Laufe der Zeit entstand slider, mit dem ich neben den „Folien“ (warum nennt man die noch so?) gleichzeitig Handouts generieren kann. Und das alles gesteuert über eine Textdatei. Sehr nachhaltig. Und zur Not war LibreOffice installiert, falls doch mal wieder jemand eine Word-Datei gemailt hatte (und nicht wusste, wie man aus einer Word-Datei ein PDF-Dokument erzeugt).

Dank einer nicht zu neuen Version des vom RZ betriebenen Mail-Servers konnte ich statt Outlook das Programm Evolution nutzen, oder, noch besser, dank eines IMAP/SMTP-Zugang Mails direkt in der Konsole mit Hilfe meines Lieblingseditors bearbeiten und war mittels dessen Snippets ziemlich effizient. Dank der reinen Textdarstellung von Mail musste ich auch nie um Viren, Trojaner & Co fürchten.

In dieser Zeit konnte ich meinen Computer auch so konfigurieren, dass der externe Projektor nicht links oder rechts vom Laptop-Monitor platziert wurde, sondern ein Ausschnitt des Laptop-Monitors wurde auf den Projektor übertragen. Sehr nett, wenn man das mal kennengelernt hat. Die sonst übliche „Referentenansicht“ ist nichts dagegen.

Ja, und dann kam der Fortschritt.

Zum Beispiel in Form von Wayland, welches das schon zu alte Graphiksystem X Window System ablösen soll. Wenn man es genau betrachtet, erzeugt X riesige Sicherheitslücken, die bisher nur nicht ausgenutzt wurden, da Linux als Desktopsystem bisher eher kein lohnendes Angriffsziel war. Wayland räumt auch den recht komplexe Graphik-Stack auf und verspricht eine effizientere Nutzung in üblichen Szenarien. Nur leider kann Wayland auch viele Nützliches nicht mehr, wie z.B. die oben angesprochene Projektion eines Teils des Bildschirms. Mit Wayland ist selbst nach vielen Jahren um einiges weniger möglich, als mit Windows. Zugegeben, das ist nicht alleine das Problem von Wayland, sondern auch das der langsamen Integration in die eigentlichen graphischen Oberflächen unter Linux, hier Gnome und deren Integration in Fedora. Ein Beispiel? Erst seit kurzem ist es überhaupt und erst mit Umwegen möglich, den Bildschirminhalt um etwas anderes als um ganzzahlige Faktoren zu skalieren, also nur 100%, 200%, 300%. Man hat de facto die Wahl zwischen Augenzusammenkneifen (weil 100% = zu klein) oder wenig Übersicht (weil 200% = zu groß)

Zum Beispiel in Form eines allgemeinen Druckerpools an der Hochschule. Eine nette Sache, nur leider wurde Linux nicht direkt unterstützt. Subversiv hatte ich mir eine Installation-CD beschafft, auf der glücklicherweise ein Treiber für Linux enthalten war. Das ging einige Jahre gut, bis der Service aktualisiert wurden und die Treiber nicht mehr funktionieren. Seitdem habe ich eine virtuelle Windows-Maschine installiert, nur zum Drucken.

Zum Beispiel in Form eines neuen, berufsbegleitenden Studiengangs, dessen Leitung auf Folien mit PowerPoint wg. der Corporate Identity bestand. Schließlich müssten die Teilnehmer ja ihr Studium bezahlen und haben deshalb Anspruch auf hübsche Foliensätze mit CI. Ich war wohl der irrigen Annahme, es käme mehr auf den Inhalt als auf visuellen Schnickschnack an. Nun ja, Ober sticht Unter. Also nutze ich die virtuelle Windows-Maschine nun auch für diese Folien, um diese dann mit Hilfe von LibreOffice zu präsentieren. BTW, alle 'nas lang wird das CI geändert. Also bleibt einem immer etwas Unnützes zu tun.

Zum Beispiel in Form erleichterter Projektanträge. Bitte ausfüllen als Word-Dokument, dessen zu nutzende Vorlage von Makros strotzt.

Zum Beispiel in leichter verfügbaren Reports, die aber nur Excel-Dateien sind. Gerne kaum von LibreOffice einzulesen.

Es gibt noch viele weitere Beispiele.

Ja, und dann kam die Notfall-Online-Lehre, die uns wohl länger erhalten bleibt.

Zum Beispiel in Form von Cloud-basierter Videokonferenzsoftware, bei der es keine Unterstützung von Linux-Nutzern gibt. Ich musste auf die ziemlich eingeschränkten Möglichkeiten eines Web-Browsers ausweichen und konnte gewisse Komponenten gar nicht nutzen. Hätte ich nicht Zugriff auf einen veralteten Windows-Computer gehabt, hätte ich an manchen Veranstaltungen nicht teilnehmen können.

Aber selbst der Zugriff via Web-Browser funktioniert nur via Plugin. Da gab es immer mal wieder Probleme, bei denen ich zur üblichen Windows-Lösung greifen musste: Neustart. Manchmal reichte es auch, den Browser zu deinstallieren, um ihn dann zu installieren. Wer bei diesem Hersteller hat eigentlich das Plugin wirklich getestet? Oder macht das nur die Community?

Zum Beispiel in Form geänderter Verwaltungsabläufe, bei denen man Dokumente nun per Adobe-Reader digital unterschreiben kann. Mit Linux bleibt man ausgesperrt.

Zum Beispiel in Form der fehlenden Treiberunterstützung für Graphiktabletts. Oder in Form einer recht komplexen Anleitung, um eine virtuelle Kamera bereitzustellen.

Es gibt noch viele weitere Beispiele. Zum Beispiel das von heute: Einschränkungen bei Microsoft Teams für Linux.

Gelebte Ignoranz?

Aus einer wirtschaftlichen Sicht heraus ist all das für mich verständlich. Warum sollte ein Hersteller viel Aufwand treiben, um die extrem fragmentierte Linux-Welt zu unterstützen? Es reicht ja nicht wie bei Windows / macOS ein einziges Softwarepaket (gut inzwischen mehr, dank Support für ARM-Prozessoren), sondern selbst in der Intel-Welt gibt es inkompatible Paketformate für Fedora, Ubuntu, Arch, you name it.

Umgekehrt verstehe ich weniger, weshalb auch öffentliche Einrichtungen so stark die Nutzung kommerzieller Anbieter fördern und freie System wie Linux links liegen lassen. Der Verwaltungsmitarbeiter an der Basis mag die dahinterstehenden Probleme nicht wissen, wenn er mit der Office-Suite ein Dokument so erstellt, dass von anderen Softwaresystemen nicht mehr gelesen werden kann. Warum gibt es inzwischen keine dienstlichen Anweisung von höherer Ebene, mitsamt Werkzeugen, die eine Kompatibilität prüfen? Warum kümmert sich keiner auf einer leitenden (leidenden?) Position darum, dass auch bzgl. der Basis-Software auf Inklusion geachtet wird?

Cypher

Wer kennt sie nicht, die Figur „Cypher“ aus dem Film Matrix. Für viele ist diese Figur nur der Verräter, der versucht, die „Guten“ um Neo an die „bösen“ Agenten auszuliefern.

Neben dieser dramaturgischen Rolle gefällt mir die Figur Cypher besonders wegen ihrer nachdenklichen Ambivalenz. Während alle anderen Figuren an ihrer fast religiösen Mission arbeiten, wägt Cypher Für und Wider ab. Ein (verräterischer) Wissenschaftler statt (religiöser) Eiferer? Nachdenkenswert finde ich die Konsequenzen aus meinem Lieblingsdialog.

Und nun?

Meine Leistung wird nicht danach beurteilt, welches Betriebssystem mein Dienstcomputer hat. Je weniger Zeit ich in Systemkonfigurationen stecken muss, je mehr Zeit habe ich für anderes. (Stimmt aber nicht ganz, denn manches aus Konfigurationsarbeiten lässt sich auch in die Lehre übernehmen).

Der Titel gibt es vor: ich habe den Sommer genutzt, um meinen Umstieg auf Windows zu planen. Vorletzten Freitag bis letzten Dienstag war ich dann mit Datensicherung, Installation, Datenrekonstruktion beschäftigt, um rechtzeitig zur morgen startenden Vorlesungszeit wieder arbeitsfähig zu sein.

Etwas leichter wurde mir dies durch neue Windows-Elemente wie das Windows-Subsystem für Linux gemacht. So kann ich nun bei eher verwaltenden Tätigkeiten die übliche Office-Monokultur nutzen, während ich für die meisten Lehrveranstaltungen mit dem simulierten Linux arbeite.

Ich gebe zu, relativ beeindruckt war ich von der Einfachheit, meine beiden externen Monitore einzurichten. Einer davon ist zugleich mein Graphiktablett. Jeder Monitor nutzt unterschiedliche Skalierungsfaktoren, natürlich keine ganzzahligen. Selbstverständlich funktioniert das Graphiktablett nach der Treiberinstallation (und dem obligatorischen Neustart), sogar mit der Windows-eigenen Handschrifterkennung.

Eine virtuelle Kamera konnte ich mittels drei Mausklicks installieren. Diese gibt mir weitere Freiheiten bei der zukünftigen Online-Lehre. Natürlich funktioniert die dienstliche Software für Videokonferenzen ohne Probleme mit wesentlich mehr Möglichkeiten, die hoffentlich Aspekte der Lehre verbessern können. Da komme ich mir vor, wie jemand, der zum ersten Mal Farbfernsehen erblickt.

Als Entwicklungsplattform probiere ich VS Code aus. Das Frontend läuft unter Windows, das Backend im Linux-Subsystem (oder gar auf externen SSH-Servern). Bisher läuft auch das besser als noch unter Linux. Dafür konnte ich meine Vim-Konfiguration abspecken.

Natürlich gibt es auch problematische Seiten. Immer wieder nervt Windows mich an, ich möge doch bitte bestimmte Datenweiterleitung freigeben. Es sei ja zu meinem Nutzen. Netter Versuch, das mit dem Aushebeln des Datenschutzes.

Windows 10 ist eine Gemengelage relativ neuer Software, gemischt mit Dingen, die ich schon in Windows NT 3.1 um 1994 kennenlernte. Inklusive ziemlich durchmischter graphischer Oberfläche. Wie bei Linux. Irgendwann finde ich auch die letzte Möglichkeit, um die ganzen Benachrichtigungen zu deaktivieren. Eine ordentliche Uhr für den Desktop suche ich ebenfalls noch.

Manche Mail schaue ich mir lieber doch zuerst via Mutt an. Überhaupt Mail, da finde ich Outlook viel zu mauslastig. Aber der Kalender ist wiederum netter, bis auf den Teil mit den Einladungsmails. Nun ja.

In diesem Sinne bin ich nicht vollständig auf Windows umgestiegen. Vielmehr arbeite ich unter Windux.