Prof. Dr. Detlef Stern

Das erste Digitalsemester

Nun ist also die Vorlesungszeit des ersten Digitalsemesters für mich vorbei. Zeit, meine Gedanken etwas zu sortieren. Eine inhaltliche Retrospektive werde ich erst in einigen Wochen machen (und veröffentlichen), die Prüfungszeit mitsamt weiterer Erkenntnisse steht ja noch bevor.

Die improvisierten zwei Wochen zu Beginn hatte ich bereits angedeutet. Sowohl auf der didaktischen, der technischen und der persönlichen Ebene gab es viel neues zu lernen, sprich es gab weiterhin viel zu improvisieren.

Technisch

Aus technischer Sicht hatte ich wohl in der Vergangenheit vieles richtig gemacht. Ich bin in der glücklichen Lage, seit vielen Jahren ein eigenes Arbeitszimmer nutzen zu können. Schreibtisch, ergonomische Stühle, Bücherregal, zweiter Monitor, alles vorhanden. Zwar hatte ich geplant, den privaten Internetzugang im April/Mai zu upgraden, da ich die Bandbreite für den Upload verbessern wollte, aber das muss ich nun auf die nächste Zeit verschieben. Die 6 MBit/s haben ausgereicht, manchmal war es aber knapp. Und die aus purer Vorsicht bestellte Kamera wurde rechtzeitig geliefert. Da besteht kein Anlass zur Klage.

Die von meiner Hochschule bereitgestellte Konferenzsoftware wäre wohl ganz nett gewesen, wenn ich Sie nicht hätte per Browser nutzen müssen. Das liegt auch an meiner Entscheidung vor einigen Jahren, Linux als Arbeitsplatzrechner einzusetzen. Bei der Evaluation wurde wohl für dieses Betriebssystem nicht so viel Wert gelegt. Und der Hersteller hatte auf seiner Webseite etwas übertrieben. Der Link zum Download des Linux-Clients führte zur Seite mit dem Download. Im Endeffekt kann ich zwei der vier Teilprodukte überhaupt nicht nutzen und die beiden restlichen nur eingeschränkt. Immerhin funktioniert in einem Teilprodukt der Teil mit der Videokonferenz ganz ordentlich. Um zu entdecken, dass jemand einen Textbeitrag mit einem Emoji versehen hat, muss ich das Dienst-iPad nutzen. Aber ich bin zurecht gekommen.

Obwohl, vor einigen Wochen funktionierte auch das nicht mehr. Ein Test mit anderen Linux-Systemen machte mir klar, dass der Fehler auf meinem System zu suchen ist. Selbst- Neuinstallation des Browsers und des passenden Plugins half nicht. Ich musste von Fedora 31 auf Version 32 umsteigen (etwas, dass ich im laufenden Semestern aus Gründen in früheren Semestern tunlichst vermieden habe) und den Browser nochmal neu installieren. Das war schon Windows-like. Wohl hatte der Hersteller der Konferenzsoftware zusätzlich ein internes Update eingespielt, denn seitdem kann ich erkennen, wenn ein Teilnehmer virtuell seine Hand gehoben hatte.

Als Effekt hatte ich für mich noch einmal die Vor- und Nachteile von Linux als Basis für eine Lehrtätigkeit zusammengestellt. Sehr wahrscheinlich werde ich die vorlesungs- und prüfungsfreie Zeit dazu nutzen, einen Wechsel vorzunehmen.

Didaktisch

Auch auf der didaktischen Ebene war meine persönliche Ausgangslage eher gut. Nur eine reine Vorlesung, ein Seminar, eine sowieso interaktiv angelegte Veranstaltung im Masterstudiengang, zwei Projektstudien und natürlich Agiles Studieren im Fach "Projektmanagement". Wer z.B. Maschinenbau auch praktisch lehrt, hatte es wesentlich schwieriger.

Die meisten Studenten konnten sich ebenfalls schnell anpassen, zumindest auf technischer Ebene. Wäre auch irgendwie ein Ausschlusskriterium, wenn man "Wirtschaftsinformatik" studiert und mit einem Digitalsemester technisch überfordert ist. Allerdings haben die Studenten im 1. Semester mein Mitgefühl, auch wenn ich sie erst im nächsten Semester unterrichten werde. Ich hoffe, sie konnten sich trotzdem miteinander bekannt machen und erste Beziehungen knüpfen.

Viele Studenten haben die neue Situation genutzt, um selbst neue Lernmethoden auszuprobieren. Ganz gut hat das vermutlich bei den Studenten im 2. Semester geklappt zu haben, die ich in "Projektmanagement" beim Agilen Studieren begleitete. Selbst die eine echte Vorlesung hatte ich etwas geändert und eine Fishbowl-Situation eingeführt. Da bedanke ich mich schon jetzt bei den aktiven Studenten.

In anderen Veranstaltungen hatte vieles aus Sicht der Studenten nicht so gut funktioniert, bis wir dann entdeckten, dass die Studenten und ich Dinge hätten klarer ansprechen sollen. Explizit ist besser als implizit. Das hatte mir dann auch für meinen Samstagkurs im berufsbegleitenden Masterstudiengang geholfen, zu dem ich sehr freundliches Feedback bekam.

Nicht besonders gut finde ich die Entscheidung, dass die Prüfungen im Falle des Nichtbestehens ohne Konsequenz bleiben. Ich kann nachvollziehen, dass eine hochschuleinheitliche Regelung getroffen werden sollte. Und offenbar hatten einige andere Fakultäten und Studiengänge Schwierigkeiten überhaupt eine sinnvolle Lehre anzubieten. Das mag an den jeweilgen Inhalten liegen, aber auch an mangelnder Vorbereitung in der Vergangenheit. Beim Thema eLearning gab es bis zu diesem Semester wenige Interessenten. Durch eine solche Regelung ("Freischuss") werden die Aktivitäten der schon länger an diesem Thema Beteiligten, Lehrende und Lernende, ignoriert. Natürlich werden so Studenten, die mit dieser Situation Probleme haben aufgefangen. Zum einen geht dies zu Lasten der leistungsfähigen Studenten, denn welcher Prüfer wird nun noch seine Prüfung wirklich umstellen? Da könnte man ein Solidaritätsargument bringen, das aber nicht wirklich trägt. Zum anderen beobachte ich viele trittbrettfahrende Studenten, die nicht wirklich lernen und offenbar hoffen per Glückstreffer die Prüfung zu bestehen. Schon seltsam, wenn sich in einer Prüfung auf einmal 30 Studenten (50%) mehr anmelden, als sonst zu erwarten wäre.

Interessant finde ich auch die offenbare Sichtweise, dass Professoren automatisch alles wüssten. Hinweis: tun sie meistens nicht, höchstens in ihrem Spezialgebiet. So wird Klausuraufsichten mitgeteilt, sie mögen sich bei (kniffligen) Fragen der Durchführung an den Prüfer wenden. Aber die prüfenden Professoren erhalten die gleichen Informationen, wie die Studenten, während es für Aufsichten eine Fragerunde gab. Extene Lehrbeauftragte? Ach, die kann ja der betreuende Professor mal kurz informieren.

Als eine wichtige Informationsquelle hat sich für mich der Newsletter des hiesigen AStA entwickelt. Darüber habe ich z.B. überhaupt von der Freischussregelung (und einigen anderen Dingen) erfahren. Da wünsche ich mir mehr Lernen bei den leitenden (leidenden?) Gremien und Hilfestellungen für diejenigen, welche die Konsequenzen der Gremienentscheidungen umsetzen müssen. Und vielleicht bekomme ich noch die erhoffte Antwortmail.

Persönlich

Ein Kollege meinte vor einiger Zeit, in diesem Semester hätte er mit viel mehr Personen als früher gesprochen. Und er meinte damit nicht seine Studenten. Das lag sicher auch an seinen Leitungsaufgaben.

Mir ging es überhaupt nicht so. Mit vielen Studenten habe ich auf eine andere Weise als vorher gesprochen, teilweise aus wesentlich intensiver (im positiven Sinne). Aber Gespräche mit Kollegen und Mitarbeitern gab es de facto nur per Verabredung. Spontane Gespräche gibt es so gut wie nicht mehr. in welcher Kaffeeküche sollte man sich auch zu überraschende Gesprächen treffen, in welche Bürotür kann hereinschauen, ob jemand Zeit hat? Ein Großteil der akademischen Gespräche fehlt ebenfalls. Natürlich auch, weil einen die Lehre viel mehr beschäftigt, als in früheren Zeiten.

Dies betrifft bestimmt auch viele Studenten. Besonders wenn man in seinem Zimmer im Wohnheim studiert, Veranstaltungen besucht, nebenher im Home Office arbeitet und den einzigen Tisch auch zum Essen nutzen muss.

Gut fand ich die wöchentlichen Besprechungen im Kollegenkreis. Probleme konnten schnell besprochen werden, Erfahrungen und Ideen zur Verbesserung der Lehre ausgetauscht werden. Wie auch im kommerziellen Kontext gibt es das Kollegen, die sich eher wenig vorbereiten und nur auf ihr Eigeninteresse bedacht sind, aber zum Glück kann man Kamera und Mikrophon kurz abschalten und entweder laut lachen oder fluchen. Meistens lachen.

Für mich gab es unterwartet positive Effekte. Eigentlich wollte ich an meinem Projekt des Zettelkastens weiterarbeiten. In den ersten Wochen war das auch nicht wirklich möglich. Die Lehre hatte mich so gut wie vollständig in Beschlag genommen. Aber nach einiger Zeit habe ich gelernt, in den Pausen die Software weiter zu programmieren. Inzwischen kann ich den Zettelstore für erste Zettel nutzen. Da hoffe ich auf die Zeit nach den Prüfungen, auf das es dann etwas mehr freie Zeit dafür geben könnte.

Als introvertierter Mensch ist für mich die aktuelle Situation etwas angenehmer, als für jene, die mit vielen Menschen gleichzeitig zusammen sein müssen. Trotzdem freue ich mich, wenn der eine oder andere Stammtisch nicht nur virtuell stattfindet.

Nächstes Semester

Der Titel dieses Beitrags gibt es implizit vor: vermutlich wird auch das kommende Wintersemester ein Digitalsemester. Aber das ist nur meine eigene Meinung, da ist noch nichts entschieden.

Warum sollte es kein weiteres Digitalsemester geben? Es gibt absehbar noch keine Impfung oder andere Dinge, welche die aktuelle Situation grundlegend ändern. Natürlich könnte trotzdem die Situation als "entwarnt" deklariert werden, um wieder in den Normalbetrieb überzugehen. Es könnte aber sein, dass die Realität diese Entscheidung einholt. Vielleicht ist dies nun der Normalbetrieb.

Eine Mischform, teils digital, teils physisch real, halte ich aktuell für ausgeschlossen. Dazu müsste die Hochschule umgebaut werden. Welcher Student kommt zu einer realen Vorlesung, um anschießend an einer Onlineveranstaltung teilzunehmen? Dafür sollte man eigene Räumlichkeiten einplanen und das Hochschulnetzwerk ausbauen. Gilt gleiche übrigens für Dozenten, die auch mal im gleichen Büro sitzen könnten, während Sie versuchen, online eine Veranstaltung zu halten. Ein reiner Appell zu mehr Flexibilität wird eher wenig sinnvoll sein. Auch da müsste man bis zum Wintersemester viel ändern.

Die Veranstaltungen der neuen Erstsemester werden, dank der späteren Bewerbungsfristen, um ein paar Wochen nach hinten geschoben, wie ich dem AStA-Newsletter entnahm. Vielleicht finden diese zunächst, wie auch schon vorher die der höheren Semester, zunächst probeweise physisch real statt. Um dann ggf. ins Digitale verlegt zu werden. Das könnte noch ein Szenario sein.

Ich selbst bereite mich auf ein weiteres Digitalsemester vor. Vermutlich sollten das andere auch tun. Ist dann immer noch die Arbeitsschutzverordnung im Home Office praktisch ausgesetzt und der Küchentisch bleibt für viele der Arbeitsplatz?

Prüfungsformen sollten auf jeden Fall angepasst werden. Meine bisher falsche Vorhersage zu Klausuren könnte aus einem ganz anderen Grund doch noch wahr werden.

Sind meine Gedanken nun etwas geordnet? Wirr sind sie immer noch.