Prof. Dr. Detlef Stern

Vom Alltagsfußgänger zum Alltagsradler

Mit Beginn des Wintersemesters hat sich mein Weg zur Hochschule wesentlich geändert. Grob 10 Jahre hatte ich es sehr bequem. Ich konnte innerhalb von 10 Minuten zu Fuß den Weg von meinem Home-Office zu meinem Büro in der Hochschule absolvieren. Nun sind es knapp 5 km für eine Strecke.

Fußgänger

Wenn man nur 10 Minuten ins Büro gehen braucht und man Arbeitsort und -zeit zu großen Teilen selbst bestimmen kann, dann verschwimmen die Grenzen zwischen Arbeit und Nicht-Arbeit sehr schnell. Kurz in der Mittagspause nach Hause? Kein Problem! Der Nachbar muss für ein paar Tage sehr laut handwerken? Kein Problem, dann arbeite ich auch zu ungewöhnlichen Zeiten im Büro.

Der Weg zur Arbeit ist fast unabhängig vom Wetter. Selbst wenn alle anderen Verkehrsteilnehmer nicht mehr vorankommen, zu Fuß geht es so gut wie immer. Einen Regenschirm sollte man griffbereit haben, das ist alles. Die Dauer des Weges ist fast deterministisch. Wenn ich weiß, dass ich spätestens in 10 Minuten in meinem Büro bin, dann muss ich für eine Vorlesung nur 15 Minuten vorher losgehen und bin immer pünktlich da. Mehr Zeit für die Familie.

Vorbereitungen

Der Umzug an den neuen Standort kam für alle Beteiligten nicht überraschend. So konnte ich mir seit etwa 3 Jahren Gedanken machen, wie ich den zukünftigen Weg ins Büro bewältigen wollte.

Die Strecke selbst ist relativ nett. Auf dem Weg zur Hochschule geht es erstmal eine Straße bergab. Nach einer Ampel fährt man etwa 3 km entlang eines Parks am Neckar, zwischendurch gibt es sogar einen dedizierten Radweg. Danach geht es über die Heilbronner Flaniermeile am Neckar, unterbrochen von einer weiteren Ampel. Die letzte Ampel leitet den Weg zum Bildungscampus ein. Fast immer geht es leicht bergab; meistens auf eigenen Wegen, ohne Autos.

Als erstes habe ich mir ein neues Fahrrad zugelegt. Besonderen Wert legte ich auf (relative) Robustheit und Wartungsfreiheit. Also besser Naben- statt Kettenschaltung, Stahlrahmen, Chainglider, Hydraulikbremse, keine aufwändige Federung. Nicht zu teuer, aber solide. Nachgerüstet habe ich Fahrradreifen, die sehr selten einen Platten bekommen und eine bessere LED-Beleuchtung. In den drei Jahren, die ich das Fahrrad eher für Freitzeitaktivitäten nutzte, hatte ich keine Panne.

Dazu kommt eine angemessene Ausrüstung. Natürlich Fahrradhelm. Mir kommt es besonders auf den Kopf an. Dann eine wasserdichte Fahrradtasche, nicht nur für den Dienst-Laptop. Eine Fahrradweste hilft besonders bei trockenem Übergangwetter und macht einen für andere Verkehrsteilnehmer sichtbarer. Eine leichte Regenjacke kommt immer mit in die Tasche, wie auch eine Luftpumpe. In der Geldbörse ist schon seit drei Jahren ein Adapter für Autoventile dabei, zum Glück unbenutzt. Fingerhandschuhe schützen etwas bei Stürzen. Für den Winter benötige ich noch wärmende Handschuhe, einen Schlauchschal und eine Innenmütze für den Helm. Dann werde ich auch leichtere Schuhe im Büro unterbringen.

Die Ausrüstung funktioniert, ich hatte ja einige Zeit um diese zu validieren. An eine Regenabdeckung für den Sattel hatte ich bisher nicht gedacht, bis zum nassen Hintern nach einer Rückfahrt. Werkzeug zur Wartung ist meist vorhanden. Eine Einspannvorrichtung hilft ungemein, wie auch das eine oder andere speziellere Werkzeug. Dazu kommen Öle und Fette.

Für den Fall der Fälle gibt es noch den hiesigen ÖPNV. Die große Unbekannte ist die Dauer der Fahrt, besonders im morgendlichen Berufsverkehr. Als Radler fahre ich das letzte Stück etwas lächelnd an den Autos vorbei. Sollte kein rollender Verkehr möglich sein, kann ich in einer Stunde zu Fuß im Büro sein.

Erste Erfahrungen

Was hat sich nun geändert? Ich benötige mit dem Fahrrad etwa 20 Minuten von der Haustür ins Büro, aber es kommt auch auf das Wetter an. Pladdelnass eine Vorlesung zu halten sollte doch die Ausnahme bleiben. Mit Regenbekleidung fährt es sich mit dem Fahrrad langsamer. Ob ich bei Schnee und Eis unbedingt mit dem Fahrrad fahren möchte, muss ich mir noch überlegen. Der dritte Blick gilt also morgens dem Wetter. Etwas früher aufstehen muss ich sowieso.

Man sollte auch etwas mehr Zeit einplanen, um einen kurzen Regenschauer abwarten zu können. Dabei hilft eine Webseite mit einem Regenradar.

Die Fahrt ins Büro ist bisher meistens recht angenehm gewesen. Allerdings sind einige Straßen in der Vergangenheit offensichtlich nur notdürftig repariert worden. Von Unebenheiten möchte ich da nicht mehr sprechen. Wer auch immer diesen Pfusch abgenommen hat, wäre besser vorher mit dem Fahrrad dort entlang gefahren. Vielleicht erbarmt sich jemand von der Stadt Heilbronn dies anzugehen.

Wenn auch nicht auf meiner Strecke, so sind doch einige wichtige Straßen de facto für Fahrräder nicht nutzbar. Sofern die Stadt Heilbronn etwas fahrradfreundlicher werden will, muss Sie noch viel tun.

Da die Fahrt ins Büro eher bergab geht, ist die Fahrt nach Hause etwas anstrengender. Die ersten zwei Tage waren für mich nach der Heimfahrt nicht mehr produktiv. Inzwischen komme ich damit etwas besser klar. Radfahren soll ja trainieren, habe ich gehört.

Und sonst?

In den ersten zwei Wochen wurde ich in jeden Tag von Studenten angesprochen, ob ich nicht mit Tipps fürs Parken helfen könnte. Scheint also ein Umstellungsproblem zu sein, denn am früheren Standort war die Parkplatzsituation ob der Randlage relativ komfortabel.

Ähnliches gilt auch für Kollegen, die mit dem Auto zur nun innerstädtischen Hochschule kommen. Zwar gibt es für Mitarbeiter und Professoren offenbar genügend Parkplätze, aber bei Stau in den umliegenden Straßen hilft das nur wenig. Manche Anfahrt führt durch die Stadt. Zudem braucht man wohl von manchem Parkplatz 10 Minuten zu Fuß bis ins Büro.

Gerade flattert mir eine Mail herein, die näher auf die Parkplatzsituation eingeht. So stehen für ca. 2000 Studenten insgesamt 500 Parkplätze zur Verfügung. Noch sind die Parkplätze kostenlos, das wird sich vermutlich bald ändern. Auch die Parkplätze für die Mitarbeiter und Professoren sollen in Zukunft nicht mehr kostenlos sein.

Dafür sollen unter anderem in Zusammenarbeit mit der Stadt Heilbronn mehr P+R-Parkplätze ausgewiesen werden und die Anbindung zwischen dem bisherigen, immer noch genutzten Standort sowohl für den ÖPNV und für das Fahrrad verbessert werden. Warum damit erst jetzt begonnen wird, wo doch der neue Standort seit locker 3 Jahren in der Planung ist, weiß wohl nur, wer ein Schelm ist.

Fazit

Der neue Hochschulstandort ist für uns alle eine große Änderung. Zum Glück ist mein persönliches Konzept bisher gut aufgegangen. Ich freue mich auf das Mehr an Bewegung. Selbst die wenigen Tage haben mir schon viel gebracht.

Andere müssen wohl mehr tun. Die Stadt Heilbronn sollte ein vernünftiges Fahrrad- und ÖPNV-Konzept umsetzen, selbst wenn ein großer Audimobilhersteller eine große Fabrik vor und in den Toren der Stadt hat. Gerade der bisher erfolgte leichte Ausbau der Fahrradwege hat gezeigt, wie viel Potential steckt.