Prof. Dr. Detlef Stern

Agilität agilisierende Agilisten

In fast jeder Sprache gibt es die Tendenz, Adjektive zu nominalisieren, zu verbalisieren, zu personifizieren. Während ein Adjektiv eine Eigenschaft bezeichnet, die erfüllt oder eben nicht erfüllt sein kann, darüber gilt es zu diskutieren, gibt es dieses bei Nomen, Verben, Personenrollen so nicht. Offenbar erleichtert dies das eigene Selbstverständnis, weil man so nichts mehr selbstkritisch hinterfragen muss.

Aktuell sieht man dies im Bereich der agilen Modelle. Da wird ein ein „agiles Vorgehen“ schnell zu „Agilität“. Während das agile Vorgehen durchaus auch mal unangemessen sein kann, ist dies bei Agilität per Definition nicht mehr der Fall. Entsprechendes gilt für die Tätigkeit des agilen Vorgehens, die „agilisierend“ nicht mehr in der Kritik steht.

Jemand, der in Bezug auf agile Modelle etwas Unterstützung benötigt, mag so fälschlicherweise zu dem Schluss kommen, dass Agilität und Konsorten immer der richtige Weg sind. Und er wird umschwärmt von „agilen Coaches“, die per Definition als Agilisten alles richtig machen.

Seit locker 25 Jahren wende ich Modelle an, die man heutzutage als agil bezeichnet. Der Selbstzweifel beim Einsatz dieser Modelle ist in der ganzen Zeit nicht geringer geworden. Agile Methoden mögen in vielen Fällen sicher mehr als angemessen sein, in genügend vielen Fällen aber auch nicht. Agil ist nicht nur Scrum, Kanban oder Lean. BTW, das Agile Manifest gilt nur für kleine Teams in der Softwareentwicklung. Agile Transformation ist nur ein Begriff fürs Buzzword Bingo.

All das wird gerne von selbst ernannten „Agilisten“ vergessen, wie ich letztens mal wieder live mitbekam. Ich kann nachvollziehen, dass man als aufstrebender Coach, Berater, Agilist das Marketingkonzept des eigenen absoluten Wissens anwenden möchte. In einem Markt, der in keiner Weise definiert ist, möchte man eine positive Aura ausstrahlen. Besonders als Neuling in diesem Markt. Dann gibt es Blog-Beiträge der Art „Auf diese 3 Dinge muss man als Scrum Master achten“.

Ich finde das schade. Kluge Gedanken verschwinden in der vor Agilität strotzenden, selbstsicheren Menge. Der 47te Agililist, der laut kundtut, eine bestimmte Technik würde alle Probleme agilisierend lösen und dabei übersieht, dass diese Technik schon in den 80ern genutzt wurde, mag unerfahrene Gemüter beeindrucken. Kuriosisches Wissen wird unreflektiert verallgemeinert. Handwerksfehler ohne Ende, wenn man Denken mal als Handwerk auffasst.

Mir ist klar, dass Begriffe wie „agile Modelle“ etwas sperriger daherkommen als „Agilität“ und viele (aus Gedankenlosigkeit?) den kürzeren Begriff verwenden. Aber arbeitet man in diesem Gebiet nicht besonders mit der Sprache? So viele „Agilisten“ beziehen sich auf semantische Sprachspitzfindigkeiten (besonders auf Twitter) und übersehen dabei, wie sprachlich einnebelnd sie sich selbst benennen.

Zwei Tipps noch, für Menschen, die wissen wollen, was es mit diesen „agilen Methoden“ auf sich hat: vermeide Personen, die Worte „Agilität“, „Agilist“, „agilisierend“, … nicht nur aus Versehen nutzen und keine vernünftige Definition dieser Worte angeben können. Und: kann es einen „Berater“ (neudenglisch „Coach“) geben, der nicht agil ist?

(Übrigens, seit einiger Zeit macht das Wort „Digitalität“ die Runde.)