Prof. Dr. Detlef Stern

10 Jahre Vorlesen

Ja, ich meine Vorlesen, nicht Vorlesung.

Letztens stolperte ich über einen alten Blogpost, in dem ich leicht wehmütig Abschied von meinen ersten Vorlesekindern nahm. Dieser half mir, mich zu erinnern, dass ich seit November 2009 in der hiesigen Dammgrundschule Schülern der dritten und vierten Klasse regelmäßig vorlese.

Huch, und nun sind es schon 10 Jahre.

Begonnen hatte alles mit einem kleinen Artikel im Amtsblatt, der auf die Aktion Mann liest vor hinwies. Als frisch Zugezogener (das bin ich wohl noch immer) wollte ich etwas für die Gemeinde tun, in der ich lebte. Also las ich, mit 15 anderen Männern, in der Schule vor, ich in Klasse 4b. Ausgesucht hatte ich mir einige Kapitel aus „Alice im Wunderland“. Das Buch finde ich noch immer ganz gut, und ein wenig Nerdsein war wohl ebenfalls dabei, gerade dieses Buch auszuwählen.

Die Klasse war sehr geduldig mit mir.

Rückblickend überforderte ich die Kinder. Dieses Buch mag ganz nett zum Selbstlesen sein, aber zum Vorlesen für 24 Kinder ist es nicht geeignet. Zum Glück für mich konnte die Lehrerin die Klasse gut steuern und so klappte alles recht gut. Bis auf einmal ein Team eines lokalen Fernsehsenders in die Klasse kam, mir ein Mikrofon vorhielt und mich nach meiner Motivation fragte. Meine stotternde Antwort, mitsamt einiger missverständlicher Aussagen, wurde tatsächlich gesendet. Inzwischen ist es aus den Archiven verschwunden, hoffe ich.

Vorlesen macht Spaß und entwickelt einen weiter.

Schon als junger Vater habe ich meinen Söhnen vorgelesen. Erst die üblichen Bildergeschichten. Als sie etwas älter wurden kam Anspruchvolleres hinzu. Jeden Abend, vor dem Zubettgehen. Ein schönes Ritual, an das wir uns heute noch gerne erinnern. Leider hatte ich bei „Robin Hod“ eine etwas ältere Ausgabe genommen und vergessen, dass in dieser Robin Hood von „Marion“ die Pulsadern aufgeschnitten bekam. Diese Nacht schliefen beide nicht gut. Nach einigen Jahren konnte ich beiden sogar die einzige Trilogie in fünf Teilen vorlesen, „Per Anhalter durch die Galaxis“ Selbst heute profitieren wir alle drei davon.

Meinen Vorlesekindern gebe ich, wie schon meinen Söhne, unausgesprochen eine klare Botschaft mit: Lesen ist cool, selbst wenn das Selbstlesen zunächst Mühe macht.

Bei vielen Jungs spüre ich zu Beginn eine gewisse Abneigung gegen das Lesen. Einer meinte sogar, Lesen sei nur etwas für Mädchen. Wenn diese nach einigen Wochen mir die Bücher zeigen, die sie lesen, dann freue ich mich umso mehr. Manchmal erwidere ich den Jungs (und einigen Mädchen), dass ich nur deshalb Zeit habe ihnen vorzulesen, weil ich selbst viel gelesen habe. (Eingeweihte wissen natürlich, dass The Beatles eine andere wichtige Ursache dafür waren.)

Ebenso genieße ich beinahe den Streit der Kinder, nachdem ich ein Kapitel oder eine Geschichte beendet habe. Dann geht es lautstark darum, wer die nächste Seite vorlesen darf und ein wenig im Mittelpunkt steht. Dabei helfen die beiden Regeln, die ich zu Beginn jeder Vorlesestunde abfrage: „Wir haben gemeinsam Spaß“ und &bdquoEs gibt gelbe und rote Karten“. Zu Beginn des Schuljahres erinnern sich die Kinder eher an die zweite Regel, gegen Ende eher an die erste Regel.

7 Klassen habe ich über die Jahre begleitet, oder sie mich?

Gelernt habe ich in der Zeit, die Geschichten besser auszuwählen. Die Aufmerksamkeitsspanne der Kinder ist in der größere Gruppe naturgemäß etwas geringer, so 3-5 Minuten. Langsamer vorlesen hilft gegen zu viel Unruhe, wie der eigene Spaß am Vorlesen.

Das gilt übrigens auch für Vorlesungen. Weniger ist mehr. Wenn es dort zu unruhig wird, hilft manchmal ein offen angesprochener Vergleich mit meinen Vorlesekindern. Aber in letzter Zeit musste ich diesen nicht ziehen.

Jetzt nach 10 Jahren wäre es an der Zeit, dass eines der ersten Vorlesekinder meine Vorlesungen als Studentin oder Student besucht. Das wird bestimmt interessant. Vielleicht dauert es noch etwas länger.

Gestern flatterte noch eine nette Briefpost herein. Absender war der Freundeskreis der Stadtbibliothek Heilbronn, der sich sehr nett für die 10 Jahre Tätigkeit als Vorlesepate mit einem kleinen Buchgeschenk dankte.

Die 10 Jahre Vorlesen waren nur deshalb angenehm (wenn auch manchmal anstrengend), weil die Dammgrundschule das Vorlesen sehr gut organisiert. Immerhin konnte ich einen ehemaligen Schüler motivieren, dort seit einem Jahr selbst vorzulesen.

Vielleicht entdecken Studenten, wie durch ein solchen Ehrenamt ihre Persönlichkeit profitiert. Wünsche darf man ja haben, oder? Ist ja bald Weihnachten, wie die Zeit der guten Vorsätze…