Prof. Dr. Detlef Stern

Studenten (verzweifelt) gesucht

Zur Jahrtausendwende, zur ersten Dotcom-Blase wurden „IT-Spezialisten“ händeringend gesucht. Wer auf immer IT richtig buchstabieren konnte und sich nicht zu sehr wehrte, wurde zu unverschämt hohen Gehältern eingestellt. Ich hatte das während und direkt nach meinem Promotionsvorhaben gut bei den damaligen Studenten mitbekommen. Die erzählten mir von Anfangsgehältern, die weit, sehr weit über jenem eines promovierten Wissenschaftlers lagen. Dabei waren es nicht unbedingt fachlich die besten Studenten mit den höchsten Gehältern.

Danach platzte die Blase und viele dieser „IT-Spezialisten“ haben etwas ohne IT gemacht. Oder sie haben ihr Studium wieder aufgenommen. Mit durchschnittlichen Erfolg.

Seit einiger Zeit scheint die unternehmensseitige Nachfrage wieder zu steigen. Die Gründe sind mir nicht ganz klar, aber es besteht ein Bedarf nach gut ausgebildeten Informatikern aller Fachrichtungen. Vielleicht, weil die ersten Informatiker nun in den Ruhestand wechseln oder weil Unternehmen noch stärker auf Automatisierung (Stichwort: „Digitale Transformation“) setzen.

Ich stell mir das so vor: eine (meist untere) Führungskraft stellt fest, dass man dringend einen Mitarbeiter einer bestimmten Qualifikation benötigt. Zunächst wird im Unternehmensumfeld informell geforscht, ob es nicht einen internen, wechselwilligen Mitarbeiter gibt. Oder einen wechselwilligen externen Mitarbeiter. Klappt das nicht, dann wird zur nächsten Führungskraft eskaliert und das Spiel beginnt von vorn. Bis dann die Erkenntnis kommt, sich an die Personalabteilung zu wenden. Dort wird dann auf die offenen Stellen verwiesen, die schon seit längerem nicht besetzt werden konnten. Und dann sitzt man in illustrer Runde und überlegt sich, wie mit der Situation umgegangen werden soll. Bis jemand auf die Idee kommt, dem (meist jüngsten) Teammitglied die Frage zu stellen, ob es denn nicht noch gute Beziehungen zur alten Hochschule hätte. Das Teammitglied sagt zu, dort einmal nachzufragen. Es kenne da einen Professor, der ist ganz nett.

Soweit meine Phantasie.

In der Realität bekomme ich dann Mails der Art:

Hallo Herr Stern,

vielleicht erinnern Sie sich noch an mich. Wie geht es Ihnen? Ich arbeite jetzt im Unternehmen XYZ in Abteilung ABC als PQR. Das Studium hat mich super auf diese Arbeit vorbereitet. Ich hätte da mal eine Frage / Bitte ...

Na, den Rest der Mail kann man sich denken. Und ja, über das Feedback zum Studium freue ich mich noch immer.

Mit der Frage / Bitte, ob ich nicht einen Studenten für das Unternehmen / die Abteilung empfehlen könnte, tue ich mich immer schwerer. Ich bilde mir ein, über fast alle unserer Studenten gute Vor-Urteile bzgl. ihrer Leistung zu haben, besonders in meinen Fächern. Aber ob ein Student in das Unternehmen passt, kann ich nicht beurteilen. Meine Aufgabe als Hochschullehrer ist es, Studenten in den jeweiligen Fächern auszubilden und auch zu prüfen. Und zwar unabhängig von Unternehmen (und einigen anderen Dingen).

Dank der erhöhten Nachfrage haben die meisten Studenten spätestens ab dem 4. Semester einen Job als „Werkstudent“ sicher. Für viele ist es so einfacher ihren Lebensunterhalt zu bestreiten und sind dann auch gerne an das Unternehmen emotional gebunden. Ein Erlebnis: zum Kickoff-Meeting einer Projektstudie im Abschlusssemester kam eine Personalreferentin des Unternehmens mit. Sie wollte das Unternehmen darstellen, in der Hoffnung, dass sich einer der Studenten für eine Stelle als Absolvent interessieren würde. Nach der durchaus netten Unternehmensvorstellung gaben alle (!) Studenten die Rückmeldung, sie hätten schon seit 1-2 Semestern guten Kontakt zu anderen Unternehmen für die sie sich mehr interessieren als für das gerade vorgestellte. Das war kein Einzelerlebnis.

Wenn die meisten Studenten schon ab dem 4. Semester gebunden sind, muss man dann früher suchen?

Die meisten Studenten entwickeln sich während ihres Studiums, sowohl persönlich wie auch fachlich. Eine frühere Suche mit mehr oder minder vertraglicher Bindung wäre zu fehlerbehaftet.

Übrigens, auch die Hochschule ist ein Arbeitgeber für Studenten. Diese tragen als Tutoren oder studentische Hilfskräfte einiges zur Qualität von Forschung und Lehre bei. Auch hier gestaltet sich die Suche nach geeigneten Studenten immer schwieriger, zumal die Hochschule immer weniger mit den Gehältern, die die Unternehmen bieten, mithalten kann. Siehe oben: Dotcom-Blase.

Mein Tipp an Unternehmen, der zugleich einen Win-Win-Win-Prozess darstellt: nicht erst handeln, wenn es zu spät ist. Erfolgversprechender ist ein angemessenes Engagement im Kontext der Hochschulausbildung.

Zum Beispiel kann sich ein Unternehmen oder eine Abteilung durch einen guten, fachlich ansprechenden Gastvortrag in Erinnerung bringen. Keine Show, sondern einfach mal zeigen, was fachlich (und menschlich) hinter den üblichen Stellenanzeigen steht. Der Win fürs Unternehmen dürfte klar sein. Die Studenten bekommen einen guten Einblick, das ist deren Win. Und mein Win als Hochschullehrer ist es, zu sehen, dass das Studium tatsächlich gut vorbereitet.

Oder man veranstaltet gemeinsam einen Hands-on-Nachmittag, bei dem interessierte Studenten an einem praktischen, interessanten Thema gemeinsam mit den Mitarbeitern des Unternehmens arbeiten. Die Wins für Unternehmen und Studenten sind wohl wieder klar. Mein Win besteht in einem Praxisbeispiel zu vielen Lehrveranstaltungen.

Ich habe auch schon ein gemeinsames Seminar veranstaltet, bei dem die wissenschaftlichen Themen vom Unternehmen gestellt wurden. Zusatz-Win fürs Unternehmen: fachlicher Erkenntnisgewinn. Win für die Studenten: sie sehen die Praxisrelevanz wissenschaftlicher Fragestellungen. Mein Win: ich muss mir nicht alle Themen selbst ausdenken.

Aber auch gemeinsame Projektstudien sind auf mehreren Ebenen sinnvoll, selbst wenn viele der studentischen Teilnehmer sich schon an ein Unternehmen gebunden haben. Im Rahmen einer Projektstudie arbeiten Teams von 3-6 Studenten ein Semester lang an einem Thema. Das kann zum Beispiel die Evaluation einer Technologie im Kontext des Unternehmens sein. Der Win fürs Unternehmen besteht nicht nur im Erkenntnisgewinn, sondern auch in der Bekanntheit bei anderen Studenten. Wir haben eine eigene Seite, auf der Projektstudien kurz vorgestellt werden. Jedes Team muss einen Flyer zum Abschluss erstellen, in dem das Thema vorgestellt wird,

Und für sinnvolle Vorschläge zu anderen gemeinsamen Veranstaltungsformen bin sicher nicht nur ich aufgeschlossen.

Mir ist klar, dass jedes Unternehmen, dass Studenten und Absolventen sucht, das Wertvollste investieren muss: die Zeit der Mitarbeiter. Viele positive (und keine negativen) Rückmeldungen sprechen eine deutliche Sprache: es lohnt sich. Für alle. Win-Win-Win.