Prof. Dr. Detlef Stern

Sperrvermerkeritits

In meinem Kontext werden viele Abschlussarbeiten zusätzlich durch ein Unternehmen betreut. Das trägt, neben vielen anderen Aspekten, zur Praxisorientierung eines Studiums an einer Hochschule für angewandte Wissenschaften bei.

Der Wunsch des Unternehmens, die Ergebnisse der Arbeit nicht zu veröffentlichen, erscheint nachvollziehbar. Gilt es doch unternehmensinterne Informationen zu schützen. Deshalb steht in vielen Abschlussarbeiten ein Sperrvermerk. Dieser erlaubt es Dritten, die Arbeit nur zum Zwecke der Bewertung zu lesen. In etwa einem viertel der Fälle sah das Unternehmen von dem Wunsch nach einem Sperrvermerk ab. So weit, so legal.

Umgekehrt wünschen etwa drei viertel der betreuenden Unternehmen einen Sperrvermerk. In den ersten Jahren stand dieser Sperrvermerk überraschenderweise erst in der abgegebenen Abschlussarbeit. Immer noch legal. Nur fragte ich mich bei jeder dieser Arbeiten, welche Informationen da überhaupt nicht nach außen dringen sollten. Da war nichts, gar nichts, in keiner Abschlussarbeit.

Aus einer wissenschaftlichen Sicht sehe ich Sperrvermerke kritisch. Wissenschaft lebt vom Austausch und Sperrvermerke verhindern dies. Ein gesperrte Abschlussarbeit kann auch späterer Zeit nicht vom Absolventen anderen als Beleg für erworbenen Kompetenzen gezeigt werden, zum Beispiel bei einer Bewerbung zu einem viel später nachfolgenden (Master- / Promotions-) Studium. Zudem profitiert das Unternehmen von meiner Betreuungsleistung, bezahlt durch alle Steuerzahler. Aber natürlich ist das aktuell legal, wenn auch moralisch frag-würdig.

Mehr noch, die Arbeiten mit Sperrvermerk wurden auch von den Zweitgutachtern signifikant schlechter bewertet, als die ohne Sperrvermerk. Aber das ist nur eine Korrelation. Mein Verdacht ist, dass Sperrvermerke gefordert werden, weil die Möglichkeit bestehen könnte, dass die Abschlussarbeit vielleicht unternehmensinterne Informationen enthalten wird. Wer in einem Unternehmen eine Abschlussarbeit fachlich betreut, möchte sich absichern. Umgekehrt stellen die Mitarbeiter in Unternehmen, die kein Sperrvermerk fordern, durch ihre Betreuung sicher, dass keine unternehmensinternen Informationen in der Arbeit enthalten sind. Tendenziell betreuen diese vermutlich besser. Die anderen agieren wohl nach dem Motto: es wurde noch nie jemand entlassen, weil sie/er IBM, Microsoft, Java einen Sperrvermerk verwendete.

Inzwischen frage ich explizit nach, bevor ich eine Abschlussarbeit betreue. Dabei kommt es zu merkwürdigen Erlebnissen.

Ein Student möchte seine Abschlussarbeit bei einem selbsterklärten innovativen Automobilhersteller schreiben, in einer Abteilung für das Qualitätsmanagement. Der Abteilungsleiter möchte einen Sperrvermerk, der Student soll unbefristet über die möglichen Ergebnisse der Abschlussarbeit schweigen. Ich rufe den Abteilungsleiter an. Er erläutert mir, die Arbeit könne dazu führen, dass Kunden eine andere Marke kaufen könnten, wenn heraus kommt, dass dieser Automobilhersteller gewisse Qualitätsprobleme hat. Ich frage ihn, warum keiner seiner Mitarbeiter sich dieses so sensitiven Thema annehmen können, warum dies ein schlechtbezahlter Student machen müsse. Bestimmt freuen sich seine Mitarbeiter, an so einem wichtigen Thema zu arbeiten. Der Student könne das wissenschaftlich begleiten, könne Methoden und Verfahren erarbeiten, könne Literatur recherchieren und bräuchte dann für seine Arbeit keinen Sperrvermerk, weil ja die unternehmenskritischen Aspekte von internen Mitarbeitern durchgeführt werden. Zudem können andere von den Erkenntnissen der Arbeit lernen, da die Arbeit herstellerunabhängig werde und keine unternehmensinternen Details enthalten würde. Seine Antwort: das hätten sie schon immer so gemacht.

Ein anderes Beispiel: ein Student möchte seine Abschlussarbeit über agile Prozesse bei einem internationalen IT-Unternehmen schreiben. Ich denke, das ist ja erfreulich unkritisch. Denkste, das Unternehmen möchte nicht nur einen Sperrvermerk. Ich selbst soll eine Verschwiegenheitserklärung unterschreiben und sicherstellen, dass die Arbeit nicht in falsche Hände gerät. Ich antworte, dass ich das weder kann noch darf. So eine Vereinbarung kann nur mit der Hochschule selbst abgeschlossen werden. Ich betreue und bewerte zwar die Arbeit, mache dies aber nur im Auftrag der Hochschule. Wie auch alles andere. Die Abteilungsleiterin möchte nun, dass die Hochschule eine Vereinbarung unterschreibt, die vom Unternehmen vorgegeben ist. Meine Hochschule sieht das aus gutem Grund anders und schlägt vor, dass das Unternehmen eine von der Hochschule formulierte Vereinbarung unterschreibt. Diese ist augenscheinlich äquivalent, aber ich bin kein Rechtsanwalt. Das Unternehmen lehnt mit der Bemerkung ab, sie würden keine extern formulierten Vereinbarungen unterschreiben. Nach einigem hin und her, es gab Überlegungen mit dem Rektorat direkt zu verhandeln, meinte die Abteilungsleiterin, sie hätten einen Weg gefunden, auf die Verschwiegensheiterklärung zu verzichten. Nun ist der Student selbst kritischer geworden, und fragt, ob der Sperrvermerk nicht befristet werden kann. Die Abteilungsleiterin stimmt irgendwie zu. Sie nimmt einen Passus auf, dass Teile der Arbeit veröffentlicht werden dürfen, wenn das Unternehmen zustimmt. Das sei im Unternehmen ein üblicher Vorgang. Ich frage nach, wie häufig dieser Vorgang in der Vergangenheit zu einer Veröffentlichung geführt hat. Antwort: kein einziges Mal, das Unternehmen wurde auch nie dazu von Absolvent gefragt. Das war dem Studenten etwas zu vage. Er beschloss, auf die knappe Bezahlung zu verzichten und die Arbeit nur von mir betreuen zu lassen, damit er alle Freiheiten behält.

Seit diesen Erlebnissen berate und betreue ich Studenten stärker im Vorfeld der Abschlussarbeit. Ich frage nach, was mit dem Sperrvermerk eigentlich bezweckt werden soll. Bisher hatte sich immer schnell herausgestellt, dass dieser nicht nötig war. Als Betreuer und als Gutachter einer Abschlussarbeit bin ich sowieso zu Stillschweigen verpflichtet. Den Rest regelt der Vertrag des Studenten mit dem Unternehmen. Und manchmal stellt sich heraus, dass das Unternehmen die Arbeit nur vergibt, weil es nicht genügend Mitarbeiter hat und interne Arbeiten erledigt werden müssen. Das ist selten im Interesse der Studenten, die wissenschaftliche Qualität leidet (wenn sie überhaupt vorhanden ist).

Wer eine Abschlussarbeit in einem Unternehmen schreibt, sollte sich klar sein, dass das Unternehmen die Problemstellung und Lösungseinschränkungen vorgibt, vielleicht auch Beispieldaten, -prozesse oder -fälle bereitstellt. Die eigentliche wissenschaftliche Arbeit muss vom Studenten geleistet werden. Es gilt nicht, eine vorgegebene Lösung im Nachherein zu „verwissenschaftlichen“. Seltener ist ein Unternehmen an der wissenschaftlichen Vorgehensweise interessiert, mehr an verwertbaren Ergebnissen. Dies steht teilweise im Widerspruch zum Anspruch an eine wissenschaftliche / akademische Abschlussarbeit. Trotz allem ist für vielen Studenten das Arbeiten mit einem Unternehmen sehr befriedigend, selbst wenn diese ihre Karriere in einem anderen Unternehmen starten.

Update 3.9.18, 14.10: Frederik Held merkt an: „Gut, dass Mal jemand drüber schreibt! Aus eigener Erfahrung kann ich bestätigen: die Qualität sinkt. Warum soll ich mich anstrengen? Das Unternehmen interessiert nur das Ergebnis, die Uni übernimmt meistens die Bewertung vom Unternehmen und die Öffentlichkeit wird es nie sehen.“

Ein guter Punkt: bei einer Abschlussarbeit die (potentiell) nur intern gelesen wird, lässt der Drang nach Qualität nach, wie bei einem Wegwerfprodukt, psychologisch gesehen.

Und ja, leider übernehmen wohl einige Kollegen die Bewertung des Unternehmens. Ich sehe das kritisch. Das Bewerten wissenschaftlicher Arbeiten ist meines Erachtens eine Kernaufgabe der Hochschulen und Universitäten. Auch wenn das nicht immer einfach und bequem ist. In meinem Kontext dürfen Mitarbeiter des Unternehmens nicht an der Bewertung teilnehmen, d.h. auch nicht als Zweitgutachter. Der Interessenskonflikt ist zu groß. Wir bewerten noch selbst.