Prof. Dr. Detlef Stern

Retrospektive Sabbatical

Bis heute war ich für Forschungs- und Entwicklungsvorhaben für ein Semester freigestellt. Zeit für eine kleine Retrospektive.

Was hatte ich mir in diesem Semester vorgenommen?

  • (Weiter-) Entwicklung einer Software für das Agile Studieren
  • Schreiben eines Buches (Springer Verlag)
  • Weiterentwicklung der Lehre für bessere Ausbildung zum Thema "Cloud Computing"
  • Fortbildung Lehrmethoden.

Was ist gut gelaufen?

Das Schreiben eines kleinen Buches mit dem Titel „Agiles Studieren – Eine Einführung für Dozenten“ hat nach einiger Umstellung dann doch ganz gut geklappt. Das Buch soll im November als Springer Essential herauskommen. Essentials umfassen meist nicht mehr als 40 Seiten und sollten u.a. einen konzentrierten Einstieg in ein Thema geben, in meinem Fall in das Agile Studieren aus Dozentensicht.

Vom Umfang her wie eine größere Seminararbeit (oder eine recht kleine Bachelorthesis) war das Schreiben ganz anders als bei einer wissenschaftlichen Arbeit. Die Struktur einer wissenschaftlichen Arbeit ist, je nach Fachgebiet, mehr oder minder vorgegeben. Für das Buch musste ich mir diese Struktur erst erarbeiten, auch im Hinblick auf den gewünschten Umfang.

Aktuell habe ich alle Arbeiten, inkl. finalem Korrekturlesen, erledigt. Die Betreuung vor, während und nach dem Schreiben war recht gut (hoffentlich ähnlich gut wie die meiner Bacheloranten). Auch wenn ein Verlagskonzern wie Springer pro Jahr einige tausend Bücher herausgibt, fühlte ich mich nicht als einer unter vielen. Nun laufen die verlags-internen Produktionsprozesse. Ich bin gespannt, wie das Buch herauskommen und ankommen wird. Pläne für weitere Bücher sind begonnen.

Die Weiterentwicklung der Software für das Agile Studieren hat unter dem Schreiben des Buches teilweise gelitten. Aber das Schreiben des Buches befruchtete auch mein Nachdenken über Anforderungen an die Software. Und dank meiner studentischen Hilfskraft gibt es kleine Prototypen dieser Anforderungen.

Die Software werde ich vermutlich mit Erscheinen des Buches unter einer (A)GPL-Lizenz veröffentlichen.

Das mit der Fortbildung zu Lehrmethoden hat gut funktioniert. Dank meiner freien Zeiteinteilung konnte ich Veranstaltungen besuchen, ohne Lehrveranstaltungen ausfallen lassen zu müssen.

  • Fachdidaktik Informatik

    Hier trafen sich Hochschullehrer der Informatik, um sich über Inhalte auszutauschen. Zunächst wurde uns allen klar, in wie unterschiedlichen Kontexten wir Informatik unterrichten. Eine einheitliche Didaktik kann es da gar nicht geben. Interessant fand ich, dass die meisten anwesenden Hochschullehrer die Ausbildung in einer anderen Programmiersprache als Java machen möchten, aber in ihrer jeweiligen Fakultät auf Schwierigkeiten stoßen. Zu einer Alternativsprache gingen die Meinungen auseinander. C, C++, JavaScript, TypeScript, Haskell wurden genannt. Eine Arbeitsgruppe, der ich nicht angehörte, meinte, dass man in Zukunft vielleicht Python verwenden könnte. Wie gut, dass in meinem Studiengang die Zukunft schon begonnen hat.

  • Mind Mapping – ein universelles Denk-, Strukturierungs- und Visualisierungswerkzeug

    Ich hatte bisher Mind Mapping nie wirklich verstanden. Für mich waren bisher Mind Maps immer nur eine zirkuläre Liste. Das lag, wie ich nun erfuhr, auch an der Verwendung entsprechender Software. Ausgestattet mit vielen DIN-A3-Blättern und bunten Filzschreibern wurden Mind Maps nun wesentlich konkreter. Ich habe gelernt, dass ich für eine vernünftige Mind Map mehrere Iterationen benötigen, dass die Strichstärke eine wichtige Bedeutung hat und dass ich besser erst mal mit Mind Maps zur Zusammenfassung beginne und mich erst viel später an Mind Maps zur Darstellung wage.

  • Viel Stoff und wenig Zeit – Wege aus der Vollständigkeitsfalle

    In einigen Fächern habe ich das Gefühl, dass ich zu viel lehren möchte. Durch das Seminar habe ich erfahren, wie man Inhalte konzentrieren und bewusst offen lassen kann. Studenten sollen studieren und können sich offene Punkte selbst erarbeiten. Für Fragen stehe ich als Dozent bereit. Gar nicht so weit entfernt zum Agilen Studieren, mal so nebenbei. Interessanterweise gehe ich bei den Fächern mit dem Gefühl instinktiv angemessen vor. Ich sollte vielleicht hier und da etwas konsequenter sein. Zugleich half die Fortbildung ein wenig beim Schreiben des Buches, denn nicht nur das fast schon klassische Konzept der Lernfragen passt gut zu den Studienthemen des Agilen Studierens.

  • Professionell prüfen

    Die letzte Fortbildung war, rückblickend, eine Wohlfühlfortbildung. Ich habe erfahren, dass ich meine Prüfungen wunderbar angemessen gestalte. Klar, Aufgaben lassen sich immer mal wieder verbessern. Es ging aber auch um die Prüfungsorganisation und den Prüfungsablauf. Da liege ich richtig. Zusätzlich konnte ich ungeplant etwas Werbung für das Agile Studieren machen. Durch das Agile Studieren ergeben sich viele Vorteile bei den Prüfungen, für Studenten und Prüfer.

Was ist verbesserungswürdig gelaufen?

Die Weiterentwicklung der Lehre zum Thema „Cloud Computing“ habe ich nicht wirklich vorangebracht. Einzig die Art, wie man viele Systeme auf einen Stand bringen kann, habe ich bestimmt: es wird wohl Ansible werden.

Für das kommende Wintersemester nehme ich mir vor (im Sinne von WOL) die Hardwarekomponente mit dem Kollegen zu klären.

Was ist bemerkenswert gewesen?

Es überrascht mich immer wieder, wie lange ich benötige, um gedanklich aus dem normalen Tagesgeschäft herauszukommen. Kollegen haben mir ähnliches berichtet. De facto habe ich den ersten Monat mit Aufräumarbeiten, nicht nur gedanklichen, verbracht. Vieles, was sich im Laufe der Zeit angesammelt hatte, Links, Artikel, Bücher, und mehr, wollte wenigstens grob bearbeitet werden. Und dann endlich, Ende März, als ich zum Nachmittagskaffee die Beine auf dem Liegestuhl ausstreckte, zirkulierten meine Gedanken frei.

Im Laufe des Semesters bin ich wieder über TiddlyWiki gestolpert. TiddlyWiki ist ein Wiki, dass konzeptionell auf einer einzigen HTML-Seite basiert. Früher™ war es mir als Wiki zu client-lastig. Aber in der aktuellen Version kann es aus serverseitig betrieben werden. Ähnlich wie manche Smalltalk-Implementierung kann sämtlicher Programmcode, HTML- und CSS-Templates in TiddlyWiki selbst geändert werden. Dadurch wird es sehr anpassbar. Ich überlege, meine Vorlesungsunterlagen mitsamt Präsentationsfolien als TiddlyWiki zu realisieren. Pro Fach ein Wiki. Und da jedes TiddlyWiki eine einzige HTML-Datei ist, kann ich diesen meinen Studenten zur eigenen Erweiterung zur Verfügung stellen.

Mit dem TiddlyWiki bin ich so über Umwege doch zur Idee des Zettelkasten für dezentrale Kollaboration gekommen. Und auch zum IndieWeb bin ich zu kleinen Ergebnissen gekommen. Dazu ein andermal mehr.

Ein guter Weg zu präziseren Gedanken ist (wohl nicht nur für mich) es, einfach mal nichts zu tun. Hektik schadet der Qualität. Wenn man arbeitsam ausschaut, auch vor sich selbst, dann ist das für Wissensarbeit nicht förderlich. Einfach mal nichts tun, selbst wenn man faul aussehen mag, ist viel wertvoller.

In diesem Sinne danke ich für die Gelegenheit zum Sabbatical und freue mich auf das kommende Wintersemester.