Prof. Dr. Detlef Stern

Kündigung

Wir alle sind Sammler. Im Laufe der Zeit steigt die Anzahl der Dinge, um die man sich kümmert. Das können ganz physische Dinge sein, wie Briefmarken, Schlumpffiguren oder Aktenordner. Es können auch immaterielle Dinge sein, wie Lesezeichen, Mitgliedschaften oder Softwareprojekte. All diese Dinge beanspruchen unsere Aufmerksamkeit, vielleicht auch nur in geringsten Umfängen. Aber, um bei abgedroschenen Phrasen zu bleiben, Kleinvieh macht auch Mist.

Ich selbst handle gern nach der Maxime "Love it, change it, or leave it". Natürlich machen einem gesammelte Dinge Freude. Mit der Zeit kann sich das ändern. Wenn der Stapel ungelesener Wochenzeitungen 20cm erreicht hat. Wenn einem der Inhalt eines Magazins für Computer-Technik beim ersten Lesen nicht mehr neu ist. Wenn Berufsvereinigungen ihren Fokus auf andere Gruppen legen. Dann kann der Zeitpunkt kommen, etwas an sich zu ändern oder Änderungen bei anderen anzustoßen. Funktioniert das nicht, dann gebe ich das gesammelte frei.

Nach der Kündigung des Abonnements der Wochenzeitung trudelten in regelmäßigen Abständen als Umfragen getarnte Abo-Angebote herein. Wie ich denn die politische Lage beurteilen würde, fragte mich der Chefredakteur. Mit meine Unterschrift würde ich einen kleinen Preis erhalten. Im Kleingedruckten stand, ich würde gleichzeitig ein sich automatisch verlängerndes Probeabo abschließen. Netter Versuch, aber ganz schön altbacken. Dafür fehlt mir die Zeit. Und auch wieder nicht.

Das Magazin für Computer-Technik war ein langjähriger Begleiter. Zum 25-jährigen Jubiläum freute ich mich auf die nächsten 25 Jahre. Kurz nach dem 30-jährigen Jubiläum merkte ich beim Lesen der Hefte, dass diese immer weniger für mich neue Inhalte aufwiesen. Wenn ein Artikel mir etwas Neues brachte, dann war das schon viel. Manche Heftthemen kamen, nachdem ich hier im Blog über Ähnliches berichtete. Und ich bin wahrlich kein fleißiger Schreiber. Wie bei vielen Verlagserzeugnissen üblich nervten mich die Anzeigen, in denen mit schicken Prämien für ein Abonnement geworben wurde. Ich hätte mich für ein kleines "Dankeschön" zu mehr als 25 Jahren Abo-Treue gefreut. Eine Rabattkarte für überteuerte "nerdige" Angebote hilft nicht wirklich zur Kundenbindung. Na ja, aber was hilft einem die Kundenbindung, wenn ich aus dem Inhalt "herausgewachsen" bin? Wie bei der Wochenzeitung gab es im Nachgang einige Angebote für ein Probeabo. Ich gebe zu, wenn die Prämie nett war, dann bin ich auch mal drauf eingegangen. Aber ohne mich zu binden. An meinem Lieblingsplatz blättere ich manchmal eine aktuelle Ausgabe durch. Mehr zur Bestätigung, dass ich durch die Kündigung nichts versäume. Nachweh?

Als ich in die eine Berufsvereinigung eintrat, musste ich noch zwei Bürgen für mich finden. Entsprechend niedrig war meine Mitgliedsnummer. Nach 25 Jahren Mitgliedschaft bekam ich sogar eine goldene (?) Nadel. In den ersten Jahren verschlang ich die 2-monatlichen Mitgliedzeitschriften. Weiterbildung. Anschluss an die Gemeinschaft (heute: Community). Das änderte sich Anfang dieses Jahrzehnts. Da würde es für mich eher zu einem Verein, der Verein ist, damit er Verein ist. Die gesellschaftliche Relevanz des Vereins nahm ab, das eigene Selbstverständnis wuchs. Die Konferenzen, die dieser Verein veranstaltet, scheinen für Menschen aus einer bestimmten Wissenschaftseinrichtung beschränkt, auch wenn dies nicht so offen kommuniziert wird. Nicht nur ich habe dazu entsprechende Erfahrungen gesammelt. Nach der Kündigung hab es eine kleine Umfrage zu den Gründen. Ich hätte mich gefreut, wenn meine Anregungen lange vor der Kündigung Gehör gefunden hätten. Hätte, hätte, Fahrradkette. Zum Glück ist heutzutage an Communities kein Mangel.

Der Eintritt zur anderen Berufsvereinigung hatte absolut pragmatische Gründe. Zum einen als möglicher Ersatz, falls es mit der ersten Berufsvereinigung nicht klappt. Zum anderen bietet diese ein riesiges Paket an aktuellen wissenschaftlichen Arbeiten an. Da machte es wenig, wenn diese Vereinigung, entgegen deren Plänen, immer noch zu sehr fokussiert auf Vereinigten Staaten von Amerika ist. Schließlich wurde die Vereinigung dort gegründet. Immerhin sind deren Konferenzen offen für jede Art von Wissenschaftseinrichtung. Ebenso pragmatisch habe ich gekündigt, weil ich über meine Hochschule in deren Fundus recherchieren kann und ich deren Mail-Weiterleitung nicht mehr wirklich benötige. Auch hier stapeln sich noch die monatlichen Zeitschriften. Die Kündigung selbst war im Nachgang ganz lustig. Da wurde mir ein recht großer Rabatt eingeräumt, wenn ich wieder eintreten würde. Unverschämt hoch. Wie der wohl bezahlt wird? Ob man da nicht den regulären Beitrag senken könnte?

All Kündigungen zeigten mir, dass es mit der Kunden-/Mitgliedsbindung nicht weit her ist. Erst mit oder nach der Kündigung regt sich etwas. Das könnte an der großen Zahl der Abonnenten / Mitglieder liegen. Andererseits zeigen manche Online-Communities, dass es auch anders geht.

Ich selbst vermisse keine dieser vor langer Zeit "gesammelten" Dinge. Im Gegenteil, ich habe mehr Zeit für meine Belange. Weniger geistiger Ballast. Also agiler?