Prof. Dr. Detlef Stern

IndieWeb

Noch vor 20 Jahren war es weder einfach noch leicht, eigenen Gedanken eine Stimme zu geben. Man war darauf angewiesen, dass andere einem Raum gaben, sei es in Form von Leserbriefen, Radiogrüßen oder mit der Verteilung von Flugblättern.

Motivation

Heute scheint es anders zu sein. Twitter, Facebook gelten als etablierte soziale Medien, in denen jeder Gedanken veröffentlichen kann. Messenger zielen auf halb-private Kommunikation. Andere Dienste bedienen visuelle oder auditive Bedürfnisse. Wer Wert auf längere Gedanken legt, der findet mit Medium, Blogger und anderen Diensten passende Angebote.

Doch so einfach ist es nicht. Als Benutzer dieser Mediendienste ist man fast immer Teil des Produkts, fast nie der Kunde. Wer aus Sicht des Anbieters nicht zum Produkt passt, wer mit seinen Beiträgen für geringere Einnahmen sorgt, der wird aus dem Produkt entfernt. Wer anderen einen Dienst kostenlos bereitstellt, der soll die Regeln bestimmen dürfen. Dienstanbieter und viele Nutzer scheinen dagegen wenig Einwände zu haben, selbst wenn sie in demokratisch orientierten Gegenden beheimatet sind.

Man kann zusätzlich aus einem anderen Grund von einem Dienst ausgeschlossen werden. Der Eigentümer des Dienstes kann entscheiden diesen einzustellen. Wer erinnert sich noch an SixDegrees, Etherpad.com, Geocities, Buzz, Wave, AOL, Myspace User Blogs, Knol, Posterous, Latitude, 43Things, FriendFeed, Grooveshark, und noch mehr?

Wer viele Inhalte auf diesen Diensten eingestellt hat, der hat es in solchen Fällen nicht einfach, wenigstens alle Daten für sich zu sichern. Das sind nicht nur die eigentlichen Inhalte, sondern z.B. Beziehungen zu anderen Benutzern.

Es gibt mehrere Möglichkeiten mit diesem Problem umzugehen.

  • Man kann es für nicht relevant erklären, z.B. wenn es einem egal ist, was mit den Inhalten passiert oder diese vermeintlich sowieso kurzlebig sind.
  • Man kann es ignorieren oder hoffen/wetten, dass der benutzte Dienst schon nicht schließen wird oder einen nicht ausschließt.
  • Man kann regelmäßig die eingestellten Daten mitsamt weiterer Meta-Daten (z.B. Freundesliste) sichern. Sofern das der Dienst unterstützt.

Own Your Data

Oder man überlegt, wie man dieses Problem selbst und mit anderen löst.

Zunächst muss man dafür sorgen, dass man vollständige Verfügung über die eigenen, später zu kommunizierenden Daten hat. Also "own your data". Nur so habe ich freie Wahl, ob und wie ich meine Daten publizieren kann.

Diese Daten sollten im eigenen Interesse gut gesichert sein. Regelmäßige Backups sind Pflicht. Wer einen eigenen Computer betreibt kennt das. Also die meisten.

Die nächste Frage ist, in welchem Format die Daten abgelegt werden sollen. Texte sollten im reinen Textformat abgespeichert werden, wenn man zukunftssicher bleiben möchte. Bilder speichere ich als JPEG-, PNG- oder TIFF-Datei, PDF-Dateien im PDF/A-Format. Hauptsache, das Format ist von unabhängiger Seite so standardisiert, dass man es mit vielerlei Software bearbeiten kann.

Mit einer geeigneten Software können jetzt schon recht einfach Webseiten publiziert werden. Ich selbst nutze dazu aktuell Lektor, aber das ist dank des offenen Textformats nicht zu wichtig. Davor nutzte ich eine andere Software, Blogofile, und konnte recht einfach auf Lektor umsteigen.

Möchte man lange Freude an den eigenen Daten haben, sollte man diese besser nicht in einer Datenbank ablegen. In diesem Fall ist man darauf angewiesen, dass die Datenbanksoftware in der richtigen Version existiert.

Der Verzicht auf ein Datenbanksystem hat weitere Vorteile: die Anforderungen an einen Web-Hoster sind geringer. Zwar werden diese Seiten über meinen Lieblings-Hoster physisch ausgeliefert, aber für den Fall der Fälle kann ich einfach wechseln:

  • zu einem anderen Hoster,
  • ich könnte es selbst hosten (müsste aber evtl. vorher mit meinem Internet-Provider sprechen),
  • viele andere Dienste, z.B. Dropbox oder GitHub, ermöglichen das Publizieren von statischen Webseiten.

Zwar habe ich damit meiner Meinung eine Stimme gegeben, es fehlt aber die Interaktion mit anderen Menschen.

Natürlich gibt es selbst für diese Aufgabe einige Dienste, die helfen möchten. Disqus ist dafür wohl der Marktführer. Aber dann gebe ich den vollen Zugriff auf meine Daten wieder einem Dienst. Da hätte ich gleich bei Facebook & Co bleiben können.

Ein selbst betriebene Software, wie z.B. Isso, kommt aus anderen Gründen nicht in Betracht: damit können Menschen nur mit mir in Kontakt kommen. Aber was mache ich, wenn ich mit anderen Menschen gezielt kommunizieren möchte? Jetzt wird es interessant, denn diese Kommunikation sollte nicht nur bei mir veröffentlicht werden, sondern zusätzlich bei der anderen Person. Die mögliche Diskussion gehört uns beiden.

Wir benötigen eine Art Vereinbarung, wie Menschen über ihre eigenen Webseiten miteinander kommunizieren können.

Jetzt kommt das IndieWeb ins Spiel!

IndieWeb

Das IndieWeb wird von einer wachsenden Gruppen von Menschen unterstützt, um die unternehmenszentrierte wieder in eine personenzentrierte Kommunikation zu überführen. Wer bei der unternehmenszentrierten Kommunikation bleiben möchte (oder muss), z.B. über Facebook, Twitter, Plag, SnapChat & Co, der darf gerne dort bleiben. Die Menschen hinter dem IndieWeb möchten ggf. eine Brücke bauen.

Dazu werden Verabredungen getroffen, wie Webseiten intern strukturiert sein sollten, damit Interaktionen möglich werden. Diese Verabredungen sollten vor ihrer Diskussion schon einmal prototypisch realisiert sein, damit keine intellektuellen Totgeburten entstehen. Ausgangspunkt zur Dokumentation dieser Verabredungen ist die Seite IndieWebCamp. Mit der sprachlichen Nähe zu einem BarCamp wird auf die bevorzugte Veranstaltungsform zum Meinungsaustausch hingewiesen.

Die Annahmen für das IndieWeb sind:

  • Daten werden (nur) durch HTML dargestellt,
  • Zusatzinformationen werden im HTML-Code platziert,
  • Datentransport (nur) über HTTP(s).

Damit soll eine größtmögliche Offenheit und Vielfältigkeit erreicht werden. Wichtige Verabredungen sind:

  • Identifikation von Menschen ("Benutzerkennung") mit Hilfe eines Domain-Names, verwaltet durch das DNS. Vielleicht wird jetzt klar, weshalb ich mir den Namen "t73f.de" gesichert habe ;)
  • Anmeldung über IndieAuth.
  • Zusatzinformationen werden über Mikroformate beschrieben. Wenn Sie sich diesen Blog-Post im HTML-Quelltext ansehen, dann werden Sie Elemente, wie h-entry, p-author oder dt-published entdecken. Diese markieren wichtige Abschnitte dieser Seite, so dass andere Software genau diese Abschnitte extrahieren und weiterverarbeiten kann.
  • Gegenseitige Benachrichtigungen über Webmentions.

Um Menschen nicht von den vielen Vereinbarungen abzuschrecken, gibt es eine Metrik, um zu messen, wie sehr die eigene Webseite konform zum IndieWeb ist. Unter IndieWebify.Me existiert sogar ein kleiner Dienst, der das überprüft und ggf. Verbesserungshinweise gibt.

Wer das alles nicht sofort selbst umsetzen möchte, für den gibt es einige Dienste und Software. Für den schnellen Einstieg kann Known ausprobiert werden. Die Brücke zu Facebook, Twitter & Co schlägt Bridgy. Viele weitere Projekte listet http://indiewebcamp.com/Projects auf.

Fazit

Wir leben in interessanten Zeiten. Facebook & Co sind daran interessiert, dass Menschen auf Ihren Seiten verweilen. Über Produkte, wie Instant Articles wird versucht, mehr und mehr Inhalt auf die eigene Plattform zu schaufeln. Gleichzeitig nehmen Inhalteanbieter ihre Entmachtung in Kauf, wohl wegen des Netzwerkeffekts und aus monetären Erwägungen.

Gleichzeitig wird versucht, z.B. auf dem Decentralized Web Summit, das Web für alle offen zu halten. Auch wenn viele kein Problem damit haben, Teil des Produktes zu sein und mit den eigenen Daten zu zahlen, gibt es viele Menschen, die von kaum kontrollierten Unternehmen nicht durchleuchtet werden möchten.

Wie wir alle wissen, gibt es zwischen Schwarz und Weiß beliebig viele Farben. Das IndieWeb positioniert sich in der eindeutigen Aussage zur digitalen Selbstbestimmung und baut Brücken zwischen Interessen.

Womit mein nächstes, kleines (?) Side-Projekt gut beschrieben ist.