Prof. Dr. Detlef Kreuz

Heilbronn

Immer, wenn ich sage, dass ich die ersten 40 Jahre meines Lebens in Hamburg verbracht habe, werde ich gefragt, warum ich ausgerechnet in Heilbronn lebe.

Ja, Heilbronn ist Provinz. Von manchen wird Heilbronn auch das "Bielefeld des Südens" genannt. Im Unterschied zu Bielefeld ist Heilbronn eine der wenigen Großstädte, in denen aktuell nicht einmal ein Intercity der Bahn hält. Andere sprechen auch gerne von "Heilbronx", in der Abkürzung HNX, wohl um auf eine multikulturelle Prägung und/oder sozialen Brennpunkt hinzuweisen. Heilbronn wird von vielen als hässliche Stadt bezeichnet. In weiten Teilen der Stadt ist die (Nicht-) Architektur der 1950er, 1960er, 1970er prägend.

Heilbronn Wolken

Viele Entwicklungen sind historisch erklärbar, Heilbronn besitzt eine lange Geschichte. Ich möchte gar nicht mit den Römern beginnen, die um das heutige Stadtgebiet Siedlungen errichteten. Große Wunden hat in Heilbronn der 2. Weltkrieg gerissen, nicht nur durch den Luftangriff am 4. Dezember 1944, bei dem die Altstadt so gut wie vollständig zerstört wurde. Das erklärt manches Gebäude, soll diese aber nicht entschuldigen.

Die Bahnanbindung ist durch die Strecke nach Würzburg erklärbar verkrüppelt. Angeblich seit dem 2. Weltkrieg nicht wesentlich geändert, möchte man höchstens Regionalzüge nach Norden fahren lassen. Die nächste östlich gelegene Großstadt ist das 200km entfernte Nürnberg. Da wundert mich die schlechte Anbindung weniger. Im Westen liegen Karlsruhe (seit 2005 wieder, per Land-S-Bahn) und Mannheim (per Regionalbahn den Neckar entlang). Lediglich die Strecke nach Stuttgart ist einigermaßen ausgebaut. Immerhin soll 2019 der eine oder andere Intercity von Stuttgart nach Heilbronn weitergeleitet werden. Endhaltestelle Heilbronn. Wäre es anders, wenn Landesregierungen seit 40, 50 Jahren auf einem Ausbau bestanden hätten?

All dies soll aber nicht den Blick verstellen, dass es andernorts nicht immer besser aussieht. Beispiel Hamburg: Alster, Hafen & Co sind ohne Frage nett anzusehen. Wie viele sehen sich aber auch Steilshoop, Osdorfer Born, Mümmelmannsberg, Rothenburgsort, Veddel oder Wilhelmsburg an? In einem dieser Hamburger Gebiete bin ich geboren und habe dort 14 Jahre gelebt. Hamburg ist mehr als Elbe, Alster, Blankenese und Reeperbahn. Hamburg ist auch Bille, Wandse, Barmbek und Jenfeld. Ich kenne kaum eine Stadt, die nicht auch Gegenden besitzt, die andere als hässlich bezeichnen. Wenn wir Städte besuchen, sehen wir uns meistens die schönen Gegenden an und übersehen die anderen. Dazu kommt, dass viele die Stadt, in der sie leben, über- oder unterschätzen.

Heilbronn Neckar

Mir erlaubt Heilbronn ein recht angenehmes Leben. Ich selbst wohne aktuell so weit von meinem Büro weg, dass ich dort gut zu Fuß hingehen kann (ich meine damit nicht mein Home-Office). In einigen Jahren soll ich beruflich innerhalb von Heilbronn umziehen, aber selbst dann reicht mir ein Fahrrad. Bei Eis und Schnee könnte ich immer noch zu Fuß gehen. Busse fahren ausreichend alle 15-30 Minuten.

Für jemanden, der in Hamburg lebt, mögen Taktzeiten von 15-30 Minuten lang sein. Aber ich vergesse nicht, dass ich von meiner letzten Wohnung in Hamburg erst einmal 15 Minuten zu Fuß zum nächsten Bus oder zur nächsten Bahn gehen musste. Wenn ich mir überlege, wie viel Zeit ich in Hamburg mit der Fahrt zur Arbeit verbracht habe, mag ich das kaum nachrechnen. Zwischen 20 und 100 Minuten pro Fahrt, regulär, ohne Verspätungen, war alles dabei.

Einkaufsmöglichkeiten für den täglichen Bedarf findet man fast überall in Heilbronn auf kurzem Fußweg. Wenn ich an manche Großstadtsiedlung denke, die besser nur per Auto erreichbar ist, freue ich mich. Langsam wird das Radfahren in Heilbronn erträglicher. Die Stadt richtet halbwegs vernünftige Radwege ein. Der Großteil der Stadt ist auch gut mit dem Rad erreichbar. Nicht nur "dank" dem Audi-Werk in Neckarsulm scheint Heilbronn noch eine Stadt der Autofahrer zu sein. Vielleicht ändert sich das.

Heilbronn bietet die beste mir bekannte Stadtbibliothek. Die Bibliotheken in Wolfsburg und Ludwigsburg waren auch nicht schlecht, sind aber nicht so gut ausgestattet. Die Hamburger Stadtteilbücherhallen besitzen zu wenig Auswahl. Die Zentralbibliothek erlaubt es zumindest in meiner Hamburger Zeit kaum von Buch zu Buch zu schlendern, sie stellte nur Medien bereit. Disclaimer: meine Tätigkeit als Vorlesepate gibt mir auch etwas tiefere Einblicke in die Heilbronner Stadtbibliothek.

Spongebob

Natürlich vermisse ich es etwas, auf der Hamburger Außenalster zu segeln. Der Breitenauer See ist nur ein müder Ersatz, der Bodensee weiter entfernt als Ost- und Nordsee. Andererseits, wie häufig habe ich wirklich den ca. 1 Stunde langen Weg zur Alster auf mich genommen? Etwa so häufig, wie ich jetzt auf einem der Gewässer um Heilbronn mit dem Faltboot unterwegs bin. Wie lange dauerte es, um jenseits der Autos Fahrrad zu fahren. Früher eher 30 Minuten, heute 10 Minuten. Spazierengehen in autofreier Natur? Ähnlich. Wenn schon mit dem Auto unterwegs, ist man schnell in wunderbarer Natur, geschichtsträchtiger Umgebung und/oder hübschen Städtchen. Zu Fuß erreichbar sind viele gute Besen, nicht nur fürs Viertele.

Nach einiger Zeit des Lebens in Heilbronn bin ich auch menschlich angekommen. Bestimmt hat das auch mit meiner beruflichen Tätigkeit zu tun. Trotz meiner introvertierten Natur fühle ich mich vernünftig eingebunden. Wenn ich mein Lieblingseis esse, freue ich mich, wenn mich eines meiner aktuellen oder früheren Vorlesekinder grüßt. Gut, manche Studierende reagieren manchmal etwas erschrocken, wenn Sie mich außerhalb der Hochschule sehen. Aber nicht alle. Meine Mitwirkung am Ausbau des Scrumtisch Heilbronn wäre in einer größeren Stadt wohl ebenso undenkbar, wie meine Vereinsmitgliedschaft oder gemeinsame Projektstudien mit der lokalen Zeitung. Wunderbar zu sehen, wie sich alles weiterentwickelt. Ob das woanders ähnlich möglich gewesen wäre, bleibt offen.

Es kommt mir nicht in den Sinn, Heilbronn als beste mögliche Stadt herauszuheben. Ein Vergleich mit anderen Städten, ob Hamburg, Wolfsburg, Ludwigsburg, Stuttgart, Bielefeld, München oder anderswo, wird immer hinken und sehr subjektiv bleiben. Heilbronn ist aber, jenseits aller Meinungen, nicht nur hässliche Provinz, sondern durchaus lebenswert.

Binnenalster