Prof. Dr. Detlef Stern

Ethik

Worte werden immer wieder neu definiert oder neu erfunden, um Kommunikation in definierte Bahnen zu lenken. Denke man nur an Entsorgungspark (statt Müllkippe) oder an Steuervermeidung (statt Steuerhinterziehung). Ich vermute, den Worterschaffern geht es darum, lästige Diskussion zu vermeiden. Aber auch Menschen, die (so hoffe ich) das "Gute" wollen, möchten wohl nicht gerne über ihre Absicht diskutieren und verwenden dann gerne das Wort "Ethik", besonders in Form eines Adjektivs.

Ethische Arbeitsbedingungen, ethisches Wirtschaften, ethisches Beschaffungsmanagement, ethisches Finanzmanagement, ethische Kundenbeziehungen, ethischer Umgang, ethisch-nachhaltige Qualität, ethische Marktwirtschaft, ethisch konsumieren, ethisch korrekt, ethisch wertvolle Medikamente, ethisch vertretbar, unethisch.

Ich bin ganz gewiss kein Experte für philosophische Fragen, höchstens ein Mensch, der manchmal über Sinn und Unsinn nachdenkt. Für mich ist Ethik eine Disziplin der angewandten Philosophie. Eine Aufgabe der Ethik ist es, Kriterien für "gutes" und "schlechtes" menschliches Handeln, Bewertung der menschlichen Motive und der Folgen des Handelns aufzustellen. Wenn ich die allwissende Müllhalde, wie auch das eine oder andere Buch richtig verstehe, bin ich mit meiner Auffassung nicht zu weit weg von den üblichen Ansichten zum Thema Ethik.

Wenn Ethik eine Wissenschaft ist, wie auch die Mathematik eine Wissenschaft ist, wie ist dann das Adjektiv "ethisch" zu verstehen? Der Duden gibt zwei mögliche Bedeutungen (das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache definiert Ethik ähnlich):

  1. die Ethik betreffend, zur Ethik gehörend,
  2. auf einer Ethik beruhend, dazugehörend; von sittlichem Verhalten bestimmt, davon zeugend; sittlich.

Mit dem zweiten Punkt kommt etwas Verkürzung ins Spiel: Ethik ist nicht nur der Name einer philosophischen Disziplin, sondern auch eine in sich geschlossene Sammlung der oben angesprochenen Kriterien für "gutes" Handeln, Bewertung der Motive und der Folgen. Also ein mögliches Ergebnis der Beschäftigung mit der Ethik.

Es gibt eine Analogie zur Mathematik, ebenfalls eine Wissenschaft: auch dort beschäftigt man sich u.a. mit Kriterien für "gutes" Rechnen. Das Ergebnis sind konkrete Rechenregeln, die wir dann in unseren Alltag integrieren. In der Mathematik gibt es nicht die einen, allgemein gültigen Rechenregeln. Je nachdem, welche Zahlenmenge betrachtet wird, kann auch 1 + 2 = 0 sein (Restklassenkörper, in diesem Fall "modulo 3", werden u.a. für Verschlüsselung verwendet).

Genauso gibt es nicht die eine, allgemein gültige Ethik. Ein wenig Recherche zeigt schnell, dass es eine christliche Ethik gibt (die sich an den christlichen Werte orientieren soll), es gibt eine Hackerethik, Utilitarismus (Nützlichkeitsprinzip), Machiavellismus (Machtmaximierung), Nihilismus (es gibt keine Kriterien), Individualismus (das Individuum steht im Vordergrund), Kollektivismus (das Wohlergehen der Gruppe steht im Vordergrund), ... Selbst der Egoismus ist eine mögliche Ethik und auch manch einer Mafia wird eine Ethik zugeschrieben.

Was sind dann zum Beispiel "ethische Arbeitsbedingungen"? Da Arbeitsbedingungen nicht selbst zur Ethik gehören, sind das wohl Arbeitsbedingungen, die auf einer Ethik beruhen. Aber auf welcher Ethik sollen diese Arbeitsbedingungen beruhen, es gibt so viele?

Ohne irgendetwas beschönigen zu wollen, scheinen viele Arbeitsbedingungen ethisch auf dem Utilitarismus zu basieren: was nützt der Firma oder dem Auftraggeber. Fraglos eine Ethik, aber eine die sicher nicht gemeint war.

Wer Ethik nicht als Wissenschaft meint, es zum Beispiel als Adjektiv benutzt, zielt eher auf den Begriff der "Moral". Man kann Ethik auch als Moralphilosophie oder als Reflexionstheorie der Moral auffassen. Für Moral gibt es auch einige Umschreibungen, wie "sittliches Verhalten" oder "gesellschaftliche Gewohnheit". Analog kann die Mathematik u.a. die Theorie für das Rechnen gesehen werden.

Der Begriff der Moral ist für viele problematisch, scheint er doch mit dem Begriff der "Scheinmoral" verwandt zu sein. Ich kenne einige Menschen, die das Wort "Moral" ungern verwenden, um nicht als Scheinmoralisten bezeichnet zu werden. Trotzdem bleibt eine Moral eine konkrete Sammlung von Kriterien für "gutes" Verhalten (was "gut" ist, lasse ich bewusst offen). Jede Moral muss hinterfragt werden.

Trotzdem gibt es im engeren Sinne keine "ethischen Arbeitsbedingungen". Gemeint sind moralisch (einwandfreie) Arbeitsbedingungen. Was auch immer für eine Moral angedacht sein soll. Vor nicht allzulanger Zeit, gab es genügend Menschen, die Sklaverei für moralisch in Ordnung fanden. Wenn wir (leider immer wieder) dem Nützlichkeitsprinzip frönen, warum beklagen wir uns über die Verhältnisse in manchen Altenheimen?

Wer von "ethischen Arbeitsbedingungen" spricht, der möchte eher nicht über die Bedeutung dieses Begriffes diskutieren. Entweder nutzt dieser Mensch den positiv besetzten Begriff "Ethik" als Marketinginstrument oder ist sich selbst nicht im Klaren, was "ethische Arbeitsbedingungen" genau sein sollen.

Wenn ich es genau nehme, dann sind Ethikkommissionen nichts anderes als Kommissionen, die Probleme moralisch bewerten. Eine "ethische Bank" legt die Gelder Ihrer Kunden (hoffentlich) in für sie moralisch einwandfreie Unternehmen an. Ethischer Umgang zeichnet sich durch moralischen Umgang aus. Alle Beteiligten sollten beschreiben, was sie unter ihrer jeweiligen Moral verstehen. Mein Verdacht: indem diese statt dessen das Wort "ethisch" nehmen, wollen sie sich genau dieser Diskussion entziehen. "Ethik" klingt so schön wissenschaftlich, genau wie mathematisch.

Ebenso scheint man das Adjektiv "unethisch" nicht begründen zu müssen, wenn man es jemanden anhängt. Dabei gibt es keine "Unethik", eine Nicht-Ethik oder gar eine falsche Ethik. Selbst die Nicht-Ethik ist eine Ethik und nennt sich Nihilismus. Gemeint ist, dass jemand anderen sich nicht an die gleichen moralischen Prinzipien hält, die man für sich selbst als "gut" erachtet und dass man zu faul ist, dies anderen zu erklären.

In diesem Sinne scheint "Ethik" das Schicksal von Wörtern, wie "agil" oder "modern" zu teilen. Moderne, agile, ethische Arbeitsbedingungen.

TL;DR: das Wort "ethisch" meint "moralisch", wird aber verwendet, um sich Diskussionen über Moral oder gar Scheinmoral zu ersparen.