Prof. Dr. Detlef Kreuz

Barcamp

Glaubt man meiner Filterblase, ist ein Barcamp die ultimative Veranstaltungsform zum Wissenstransfer. Überschwängliches Lob, Tweets über "spannende, interessante Sessions", fröhliche, allenfalls nachdenkliche, Gesichter auf Fotos. Barcamps scheinen alternativlos.

Das Fehlen von Kritik gibt mir zu denken.

Aber halt! Ganz ohne Kritik? Das stimmt nicht. Zum Beispiel:

Der Nachteil ist, dass man vorher nicht weiß, was für Themen vor Ort besprochen werden. An sich ist das nicht wirklich ein Nachteil. Aber gerade beim ersten Mal braucht es etwas Mut, sich auf so ein Experiment einzulassen. Und es macht es beispielsweise schwerer den Chef zu überzeugen, dass er einem so ein Event bezahlt, oder Sponsoren gegenüber, dass sie ein solches Event unterstützen.

Oder hier:

Geht es nur um die Vermittlung von Informationen sowie die Beantwortung von Fragen, aber nicht um den Input der Teilnehmer, ist ein BarCamp wahrscheinlich nicht der richtige Rahmen. Teilweise scheint es für Veranstalter außerdem schwierig zu sein, den Teilnehmern ausreichend Vertrauen entgegen bringen zu können und die Kontrolle aufzugeben. Das kann in einer Überorganisation enden und das Event wird steif.

Ist das Kritik? Mutlose Menschen meiden Barcamps? Altmodische Chefs sperren sich? Nur nichts für Einwegkommunikation? Überorganisation? Das sind alles Aspekte, die sich ändern lassen. Das ist Pseudokritik.

Ach ja, dann gibt es noch den Beitrag Ich meide Barcamps, der von möglichen Qualitätsmängeln spricht, und der schon eine Erwiderung gefunden hat.

Ich gebe zu, weniger als eine Handvoll Barcamps besucht zu haben. Trotzdem war ich teilweise genauso enttäuscht, wie bei mancher Konferenz. In Diskussionen habe ich erfahren, dass meine Auswahl an Barcamps einigermaßen repräsentativ war.

Meine These: Barcamps sind für eine bestimmte Art von Menschen gut, für andere kaum geeignet.

Aus Sicht der Veranstalter sind Barcamps angenehmer als eine Konferenz. Für beide Formen muss der Veranstalter für eine angemessene Infrastruktur sorgen: Räume, Parkplätze, Essen, Trinken, Toilette, WLAN und sicher noch mehr. Bei einem Barcamp muss sich der Veranstalter nicht um konkrete Inhalte kümmern, er gibt nur einen groben Rahmen vor. Die konkrete Planung führen die Teilnehmer selbst aus, manchmal mit Moderation des Veranstalters.

Möchte ich an einem Barcamp teilnehmen und dort (m)ein Thema vorstellen, wird es etwas unangenehmer. Ich plane mein Thema, weiß aber nicht, ob es angenommen wird. Ich gehe also ins Risiko. Zur Themenvorstellungsrunde muss ich anwesend sein, mich am besten gleich vorne platzieren, damit ich mein Thema gleich vorstellen kann. Bei allen mir bekannten Barcamps geht es nach dem Motto "Wer zuerst kommt, mahlt zuerst". Die Anzahl der Termine ist häufig begrenzt, manchmal kann die Anzahl der Räume erhöht werden. Ich habe noch nie erlebt, und auch nicht davon gehört, dass ein später vorgestelltes, qualitativ hochwertiges Thema ein vorher vorgestelltes Thema verdrängt hat. Im Gegenteil, man wird "auf das nächste Barcamp" vertröstet. Bei einer Konferenz weiß ich im voraus, ob ich mein Thema vorstellen kann. Das erleichtert meine Planung.

Positiv wie negativ könnte man sagen, dass die Planung der Inhalte bei Barcamps agil ist.

Für die Teilnehmer, die nicht viel vorbereiten möchten, ist ein Barcamp wie eine Wundertüte. Man weiß nicht, was konkret besprochen wird und geht dort "ergebnisoffen" hin. Wo keine Erwartung, da keine Enttäuschung. Nie explizit ausgesprochen, aber immer mitschwingend: als Teilnehmer ist man für sein Barcampglück selbst verantwortlich. Das erklärt zum Teil das überschwängliche Lob. Wenn ich mit dem Barcamp unzufrieden bin, muss es an mir gelegen haben. Das gebe ich ungern zu. Also lobe ich, auch mich selbst.

Mir selbst haben viele Session nicht gefallen. Das lag weniger an den Inhalten, mehr an der Art und Weise, wie dort miteinander umgegangen wird. Zwar wird immer gerne von "Augenhöhe" gesprochen, die es in Barcamp geben soll. Tatsächlich verhält es sich mit "Augenhöhe" wie mit dem Begriff "Gleichheit" (im Sinne von "Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit").

Als introvertierter Mensch lasse ich das Gesprochene gerne auf mich wirken, bevor ich etwas beitragen kann. In einer Barcamp-Session funktioniert das nicht. Extrovertierte Menschen denken beim Sprechen. Das ist auch gut so. Das soll beim Barcamp wohl auch so sein. Das führt dazu, dass immer jemand spricht und ich mit dem Nachvollziehen nicht nachkomme. Raum zum Sprechen gibt es erst wenn die Session vorbei ist. Meine besten Gespräche hatte ich auch beim Barcamp in den Pausen, wie bei einer Konferenz.

Manche Barcamps sind verkappte Klassentreffen. Auch das ist gut so. Da erzählt jemand in der Einführungsrunde etwas von "Schnitzel, Whisky" oder so und ein Teil der Teilnehmer brüllt. War wohl ein Running Gag einiger Barcamp-Touristen. Führt auch zur Ausgrenzung der unwissenden Teilnehmer. (Ich war einmal nicht besser mit meinem "Im Übrigen bin ich der Meinung, PHP sollte verboten werden.")

Oder: manche Teilnehmer kennen sich schon sehr lange, auch das ist gut so, kommunizieren aber im Geheimcode. Auch das ist wenig "Gleichheit", mehr Ausgrenzung. Viele Teilnehmer sind sich wenig ihrer Kommunikation bewusst. So etwas wie ein Moderator könnte helfen. Bei wie vielen Barcamps gibt es für jede Session einen Moderator? Ich kenne keines.

Bei einer vernünftig organisierten Konferenz erhalten die Teilnehmer am Ende eine Art Dokumentation, wenigstens die Präsentationsunterlagen als PDF. Bei wissenschaftlichen Konferenzen gibt es zusätzlich einen Konferenzband in Buchform. Bei Barcamps sieht das Thema Dokumentation eher mau aus. Positiv herausragend ist das "WissenstransferCamp": von 40 Sessions gab es für gerade einmal 12 Sessions eine meist rudimentäre Dokumentation. Mehr nicht.

Insgesamt scheinen für mich Barcamp in der aktuellen Form eher für extrovertierte Menschen geeignet zu sein. Denken und Sprechen sind eins, der Event an sich zählt. Raum für tiefergehende Gedanken, gemeinsames stilles Nachdenken habe ich dort bisher nicht getroffen. Eine Nachbereitung findet höchstens über Blogeinträge statt, in den aufgezählt wird, welche Sessions man besucht hat, wie das Essen war und welchen "interessanten und spannenden" Themen man dort begegnet ist.

Diese beiden Adjektive, so schön unverbindlich, sind für mich Indikatorworte. Tauchen diese etwas gehäuft in meiner Timeline auf, ist wieder Barcampzeit. Selten wird erklärt, warum die Themen angeblich so spannend und interessant waren. Ich kann gut nachvollziehen, dass während einer Denksprechsession wenig Zeit für Begründungen ist. "Spannend" und "interessant" klingen auch so gut. Diese Tweets haben etwas von Selbstvergewisserung. Siehe oben.

Genug Polemik.

Konferenzen sind nicht schlecht, Barcamps sind nicht gut. Beides sind Veranstaltungsformen, die unterschiedliche Menschen ansprechen. Ich genieße es, einfach nur einer Person für 20 oder 40 Minuten zuzuhören. Das Durcheinander einer Barcamp-Session ermüdet mich. In beiden Fällen verlasse ich den Raum, wenn dort Blödsinn gesprochen wird.

Ich empfinde es als Vorteil, mich auf eine Veranstaltung als Teilnehmer vorzubereiten. Dann lese ich etwas über die Themen, die dort vorgestellt werden sollen. Ja, es kann sich herausstellen, dass meine Erwartungen nicht erfüllt werden. Wie bei einem Barcamp die Erwartung an eine vermeintlich lohnende Session enttäuscht wird.

Ich würde mich freuen, wenn eine Veranstaltungsform entsteht, die das Beste aus Konferenz und Barcamp vereint. Die Coworking 2015 versucht etwas, ist aber wohl eher teils Barcamp, teils Konferenz, nicht beides.

Eines habe ich nicht betrachtet: ist die fehlende Kritik an Barcamps Ausdruck einer gewollten Abgrenzung zur Gruppen- und Identitätsbildung?

Gibt es auch in anderen Bereichen.

Bei Agilisten.

Agile Barcamps.