Prof. Dr. Detlef Stern

Agil

Es gibt Begriffe, die gut klingen und denen wir eine (positive) Bedeutung beimessen, deren Definition aber unklar ist: Wohlfühlworte. Da wären: Bildung, Kompetenz, ergebnisorientiert, Experte, Vertrauen. Einfach die Worte langsam aussprechen und deren Klang nachspüren. Da geht es einem gleich besser.

Besaßen diese Worte früher einmal eine Bedeutung, so sind sie inzwischen zu Füllworten verkommen. Sie werden aufgesagt, wenn einem nichts mehr einfällt. Bildung ist immer gut, aber beim Streit, was das sein soll, bleibt keiner ruhig. Das gleiche gilt für Kompetenz. Wer ist nicht kompetent? Ich bin kompetent im Anspitzen von Bleistiften. Das ergebnisorientierte Vertrauen in Experten möchte ich nicht weiter vertiefen.

Ein weiteres Wort in dieser Reihe könnte "agil" sein. Angeblich stammt es aus dem Lateinischen "agilis" in der Bedeutung von flink, beweglich. Inzwischen wird es gerne als Adjektiv für Abläufe verwendet: agile Softwareentwicklung, agiles Projektmanagement, agile Verfahren, agiles Schätzen, agile Organisation, agile Retrospektiven, Agiles Studieren. Am letzten Begriff bin ich nicht ganz unschuldig.

Manche verwenden gerne das Wort "Agilität", eine Substantivierung von "agil". Klingt fast wie Agility, eine Hundesportart. Wie sonst auch im Behördendeutsch soll "Agilität" eine objektive Definition des Begriffes "agil" vorgaukeln.

Aber was wäre eine Definition von "agil" im Zusammenhang mit Abläufen? Wann ist eine Softwareentwicklung, ein Verfahren, eine Organisation agil und wann nicht?

Schon vor einiger Zeit las ich den Artikel Pseudowissenschaft Agilität und begann nachzudenken. Gut, es ist plausibel, dass die Unterzeichner des agilen Manifests, mit dem agile Softwareentwicklung begründet wurde, so schwammig blieben. Fast alle sind/waren als "Berater" tätig. Nichts ist besser für einen Berater, wenn die Begriffe unscharf oder besser gar nicht definiert sind. Dann können diese Beratungsdienstleistungen verkaufen, Bücher oder Artikel schreiben. Bei Misserfolgen können sie die Ursachen leugnen, sie selbst bleiben unbeschadet.

Fast amüsant ist der Versuch einen Agility Index Measurements festzulegen. Ohne Definition lässt sich schwer messen. Wie wäre es mit einem Reifegradmodell für Agilität?

Wie könnte eine Definition von "agil" aussehen? Schon aus Eigeninteresse sollte ich versuchen, den Begriff zu definieren oder wenigstens präziser zu umschreiben. Schließlich versuche ich Menschen die Ideen einer "agilen Vorgehensweise" näher zu bringen.

Ein Ansatz war, den Begriff in andere Zusammenhänge zu bringen. Eine Zeitlang habe ich meine Timeline auf Twitter mit Wortkombinationen vermutlich genervt:

Agile Ecken. Agil = automatisch richtig? Agile Baustelle. Agile Ahnungslosigkeit. Agiler Kampfgeist. Agiles Dilemma. Agile Ambivalenz. Agile Negation. Agile Lego. Agile Verletzung. Agiler Guru. Agile Ethik. Agile Borg. Agile Erleichterung. Agiler Stolz. Agiler Glaube. Agiler Quark. Agile Esoterik. Agile Freude. Agile Theorie. Agile Fossil. Agile Inquisition. Agiles Mitleid. Agile Gardening. Agile Diva. Agiles Handwerksklappern. Agiles Eigentlich. Agile Meditation. Agile Sehnsucht. Agile Gewalt. Echte Agilisten brauchen keinen Gefrierschrank. Agile Tapferkeit. Agile Theorie. Agile Mix. Agile Senior. Agiler Sinn. Agile Agenten. Agile Ausreden. Agile Abnutzung. Agile Buzzword Bingo. Agile Gutgläubigkeit. Agiler Guru. Agile Abweichler. Agile Frechigkeit. Agile Aufregung. Agile Arroganz. Agile Probleme. Agiler Stein. Agile Alternative. Agiler Wahnsinn. Agiles Vertrauen. Agile Sicherheit. Agile Raumfahrt. Agile Freundschaft. Agile Bedrohung. Agiler Rückschritt. Agile Rückmeldung. Agiler Schwammkopf. Agile Gentoo. Agile Social Media. Agiler Stillstand. Agile Dekonstruktion. Agiler Wahnsinn. Agiler Cleanroom. Agiles Dogma. Agile Kritik. Agile Rhetorik. Agile Definition. Agiles Schlangenöl. Post-agil.

Agile Beliebigkeit.

Mir hat das geholfen. Nun ist der Begriff wirklich bedeutungsleer. Auf Twitter entspann sich die eine oder andere Diskussion, was denn nun agil sein könne. Wirkliche Ergebnisse gab es nicht, eher Hilflosigkeit. (Wo sind die Berater?)

Alternativ könnte man sich der Frage diskursiv nähern. Zum Glück besuche ich immer mal wieder den Heilbronner Scrumtisch. Inzwischen sind Diskussionen, wie "was ist für euch agil?", "agile Lieblingspraktiken" eine beliebte Lockerungsübung. Ergebnisse sind dann zum Beispiel:

  • Iteratives Inspect and Adapt,
  • Kontinuierliche Verbesserung,
  • Keine Hierarchie,
  • Commitment,
  • Schnelle Reaktion auf Veränderung,
  • Kein Lastenheft.

Als einmal die Diskussion etwas hitzig war, meinte ein Teilnehmer: "Lass mich in Ruhe damit. Ich will mich bei agilen Methoden einfach nur wohl fühlen."

Danach reden wir über ernsthafte Dinge.

Je mehr ich nachdenke, desto weniger unterscheiden sich für mich "agile Vorgehensweisen", wenn sie denn ernst gemeint sind, von dem guten Kontinuierlichen Verbesserungsprozess oder dem vor 90 Jahren eingeführten Reichsausschuß für Arbeitszeitermittlung, kurz REFA. In diesem Sinne gibt es kein "agil" oder "nicht-agil", sondern ich setze "agil" mit "angemessen" gleich. Zur Unterscheidung zu althergebrachten Methoden könnte man noch "leichtgewichtig" ergänzen.

Natürlich verweigere ich mich damit ebenfalls einer Definition. Dafür kann das Wort "agil" bleiben, was es jetzt schon ist: eine Marketinghülle.

Muss ja nicht schlecht sein, wenn man sich dessen bewusst ist.

Agile Kompetenz.