Prof. Dr. Detlef Stern

Email in der Konsole, Teil 2

Der nächste Kandidat, um Emails in der Konsole lesen zu können, ist Mutt. Während Alpine als "Midnight Commander für Emails" beschrieben werden könnte, gilt Mutt als "Vim für Emails": etwas unkonventionell zu bedienen, aber sehr flexibel.

Flexibilität hat nicht nur bei Mutt ihren Preis in Form einer etwas steilen vi-artigen Lernkurve. Der Anfang war schwer, denn Mutt ist kein Mailprogramm im üblichen Sinne.

Normalerweise kümmern sich Programme wie Thunderbird oder Outlook um viele Dinge. Sie rufen die Mail vom Server ab, sie synchronisieren Ordnerinhalte, sie zeigen die Mail an, sie erstellen eine Mail, sie senden die Mail zum Server, sie suchen in Mail, sie verwalten ein Adressbuch, eine Aufgabenliste, ein oder mehrere Kalender und Notizen, sie filtern Spam und sortieren Mail automatisch in Ordner ein. Für manche Zeitgenossen fehlt höchstens noch das Kochen von Kaffee.

Mutt ist viel einfacher. Mutt zeigt nur Mails an. Mehr nicht. Punkt.

Na gut, wer möchte, kann Mutt so konfigurieren, dass es Mails abruft und sendet. Ein sehr einfaches Adressbuch kann ebenfalls aktiviert werden. Für alle anderen Aufgaben ruft Mutt spezialisierte Programme auf.

Wird Mutt so konfiguriert, dass es Mails per IMAP vom Server abruft, so bleiben die Mails auf dem Server. Ist der Server nicht verfügbar, so sind es die Mails auch nicht. Da der IMAP-Support seitens meiner Hochschule nur dürftig realisiert wurde und immer mal wieder nicht verfügbar ist, kann diese Konfiguration nur ein Notbehelf sein.

Spezialisierte Helfer

Die Software OfflineIMAP hilft in dieser Situation. OfflineIMAP synchronisiert lokal gespeicherte Mails mit dem IMAP-Server und empfängt nebenbei neue Mails. Mutt ist ursprünglich sogar darauf ausgelegt worden, Mails in lokalen Verzeichnissen anzuzeigen. Beide Programme verstehen das Maildir-Format zum Speichern von Mail auf der lokalen Festplatte. Die Kombination Mutt/OfflineIMAP kann ich gut auf einem Laptop nutzen, um in aller Ruhe auf einer Bahnfahrt Mails zu bearbeiten.

Zum Senden von Mail verlasse ich mich noch auf die Möglichkeiten von Mutt. So viele Mails sende ich üblicherweise nicht. Sollte es Probleme geben, kann ich auf Msmtp oder ein ähnliches Programm ausweichen.

Zum Schreiben von Mails habe ich Mutt so konfiguriert, dass Vim aufgerufen wird. Vim nutze ich sowieso für jede Art von Texten. Damit muss ich mich für Mails nicht an ein anderes Programm gewöhnen. Zusätzlich habe ich Vim für mich so konfiguriert, dass ich einfach Textschnippsel nutzen kann. Die helfen mir bei sich wiederholenden Mailinhalten.

Alle Tastenkombinationen können in Mutt frei belegt werden. Was liegt da näher, als sich Mutt analog zu Vim zu konfigurieren? Wie war noch mal die Tastenkombination von Outlook zur Gruppenantwort?

Zum Suchen innerhalb von Mails stellt Mutt einige einfache Mechanismen bereit. Möchte ich sogar Postfach-übergreifend suchen, nutze ich Mairix. Wieder einmal zeigt sich der Vorteil von Standards: Mairix scannt Mails ebenfalls im Maildir-Format.

Meine Mails archiviere ich ganz einfach mit Hilfe von archivemail. Mails, die älter als zwei Semester sind, werden in ein externes Verzeichnis verschoben und belasten den Mail-Server meiner Hochschule nicht mehr. Das beschleunigt zusätzlich den Synchronisationsvorgang. Trotzdem finde ich mit Mairix alle Mails, selbst die archivierten. Andere Mails, die eher temporärer Natur sind, löscht archivemail nach einer gewissen Zeit.

HTML-Mails zeige ich mit w3m an, mit Hilfe von urlview extrahiere ich URL's aus Mails. Über einen einfachen Filtermechanismus kann ich sogar selbst Programme schreiben, die meine Mails bearbeiten, analysieren oder (teilweise) automatisch erstellen.

Online und offline

Meine Mutt-Konfiguration erlaubt es, dass ich alle drei für mich relevanten Mailserver (Hochschule, privat, Lehrauftrag) sowohl direkt per Mutt als auch per OfflineIMAP abrufen kann. Für jeden Mailserver besitze ich eine eigenen Identität mit unterschiedlichen Nutzerdaten.

Trotzdem nutze ich bei allen Servern ähnliche Ordner zur Verwaltung meiner Aufgaben: INBOX (als Posteingang), PROJECTS (für aktuelle Aufgaben) und ARCHIVE (für erledigte Aufgaben). Für jeden Ordner gibt es einheitliche Tastenkürzel, um Mails dorthin zu verschieben. Die Ähnlichkeit zu GTD ist nicht zufällig ;-)

Installation

Die Installation der notwendigen Programme ist unter OSX und Arch Linux sehr einfach. Unter OSX ist Homebrew der Paketmanager der Wahl:

brew install mutt mairix offlineimap urlview w3m

Unter Arch Linux ist pacman der Paketmanager der Wahl, bei anderen Distributionen sieht es vergleichbar aus. archivemail muss nach alter Väter Sitte installiert werden (make install).

Fazit

Nach langen Jahren mit Outlook, Thunderbird, Apple Mail und Konsorten fühle ich mich mit Mutt endlich wohl. Endlich ein Programm, das sich meinen Bedürfnissen anpasst und nicht umgekehrt. Zum Beispiel entscheide ich, wann ich Mails lesen möchte und werde nicht andauernd bei meiner Arbeit unterbrochen.

Zwei Wehrmutstropfen gibt es leider, aber immerhin weniger als bei anderen Mailprogrammen: HTML-Mails sind manchmal etwas schwer zu lesen, trotz w3m und das Erstellen der Konfiguration dauert etwas. Wer an meiner Konfiguration interessiert ist, darf mir gerne eine Mail senden.

Während manche über zu viel Mails jammern, bearbeite ich die offenbar notwendige Mail sowohl effizient als auch effektiv und widme mich den interessanten Dingen.