Prof. Dr. Detlef Kreuz

Introvertiert

Erwähne ich in einem Gespräch, dass ich mich zu den introvertierten Menschen zähle, sind meine Gesprächspartner häufig erstaunt. Viele kennen mich nur in einer meiner vielen Rollen, z.B. via Twitter oder als jemand, der an einer Hochschule Lehrveranstaltungen anbietet. Meine Gesprächspartner glauben mir zunächst ebenso wenig wie viele meiner Studenten. "Auf Twitter merkt man das aber nicht" oder "Wie kann ich als introvertierter Mensch überhaupt Vorlesungen halten?" sind häufige Erwiderungen.

Ich denke mir dann, dass viele mich mit einem schüchternen Menschen verwechseln. Sicher, viele introvertierte Menschen sind auch schüchtern, aber es gibt Unterschiede. Während schüchterne Menschen eine gewisse Angst beim Knüpfen zwischenmenschlicher Beziehungen besitzen, wenden introvertierte Menschen ihre Energie stärker auf ihr Innenleben. Deshalb wirken introvertierte Menschen häufig schüchtern, da sie eher weniger mit vielen Menschen zusammen sind. Es gibt aber auch extrovertierte Menschen, die schüchtern sind.

Als introvertierter Mensch bin ich auch gerne mit Menschen zusammen, nur nicht mit so vielen Menschen auf einmal. Partys sind nicht so meine Sache. Selbst meine eigenen Geburtstage verbringe ich lieber mit wenigen Menschen. In Diskussionen benötige ich immer einige Zeit, um mich zu beteiligen. Lieber höre ich auf das, was die anderen zu sagen haben, bevor ich darauf reagiere, statt einfach nur meine Statements abzusondern.

Größere Ansammlungen von Menschen strengen mich an, ziehen von mir Energie ab. Dagegen kann ich mich beliebig lange mit einer einzelnen Person unterhalten, daraus ziehe ich (auch) meine Energie. Bei extrovertierten Menschen scheint es andersrum zu sein.

Und was ist mit Vorlesungen? Da sind doch noch 20-50 andere Menschen im gleichen Raum? Während einer Vorlesung spiele ich eine Rolle, gewissermaßen Improtheater. Über die Jahre hinweg habe ich das trainiert. Auf Grund meiner Position kontrolliere ich die Kommunikation und selbst die sehr extrovertierten Teilnehmer halten immer wieder inne, um mir zuzuhören. Trotzdem bin ich nach Vorlesungen erschöpft und brauche eine Pause in Ruhe.

Da die Mehrheit der Menschen extrovertiert zu sein scheint, denken viele, dass introvertierte Menschen eine Art "Defekt" haben, den es zu beheben gilt. Früher wurden ja auch Linkshänder (wie ich) auf Rechtshänder umtrainiert.

Schulzeugnisse

Schon in der Grundschule scheint mich mein damaliger Lehrer bekehren zu wollen. Nach dem ersten Schuljahr schrieb er:

Detlef verfolgt still und aufmerksam den Unterricht und meldet sich nur auf Lehrerfragen. Auch im Spiel schäumt sein Temperament keineswegs über; am liebsten bliebe er wohl immer Zuschauer.

Ja! Ich beobachte gerne, lerne daraus sehr viel. Ich sehe das als eine meiner Stärken an. Als Führungskraft hat es mir sehr geholfen, meine Mitarbeiter in ihren Stärken zu erkennen und zu fördern.

In der zweiten Klasse schrieb mein Lehrer:

Leider meldet sich Detlef zu selten, meistens auch dann nicht, wenn er etwas zum Unterrichtsgegenstand zu sagen weiß. Nur Mut, Detlef!

Das hatte weniger mit Mut zu tun (auch wenn ich damals wesentlich schüchterner war), sondern mit meiner beobachtenden Haltung. Damals wie heute brauche ich etwas Zeit, um auf die Wortmeldung eines anderen zu reagieren. Und wenn inzwischen ein anderer sich zu Wort gemeldet hat (wer anderen weniger zuhört schafft das schneller), dann geht das Ganze für mich von vorne los.

In der dritten Klasse scheine ich meinem Lehrer mehr zu gefallen:

Detlefs Leistungen haben sich noch etwas verbessert. Das liegt nicht zuletzt daran, daß Detlef sich jetzt aktiver am Unterricht beteiligt. Mach weiter so, Detlef!

Wenn ich das lese (und gerade schreibe) frage ich mich, welche Bewertungskriterien in unserer Gesellschaft vorherrschen. Positiv formuliert, könnte man meinen, der Diskurs wird dem leisen Nachdenken vorgezogen. Ich überlege mir dann immer, wie viele Bücher wohl im Diskurs entstanden sind.

Das Halbjahreszeugnis zur vierten Klasse gibt weitere Hinweise:

Detlefs Leistungen haben sich im letzten Jahr nur wenig verändert. Sicher könnte er sie noch steigern, wenn er sich öfter zu Wort melden würde, um seine Meinung zu aufgeworfenen Fragen zu vertreten.

Aus einer gut vertretenen Meinung folgt eine gesteigerte Leistung? Ich denke mir bei vielen Diskussionen immer, warum meine Meinung dabei wichtig sein soll. Warum muss ich meine Meinung in einer Diskussion vertreten? Gilt es als unfein, wenn man sich seine Meinung denkt oder in Ruhe darüber schreibt? Wenn anderen meine Meinung wichtig ist, warum fragen sie mich dann nicht?

Das letzte Grundschulzeugnis lese ich immer mit einer gewissen Belustigung:

Detlef hat sich im letzten Halbjahr nicht ohne Erfolg bemüht, am mündlichen Unterricht teilzunehmen. Auch in Zukunft muss er gut mitarbeiten, wenn er sich im Gymnasium behaupten will.

Das mit dem Gymnasium scheint ja geklappt zu haben...

Im Ernst, die ersten Jahre, in der Unter- und Mittelstufe, waren für mich eher schwierig. Mehr oder minder zufriedenstellende schriftliche Leistungen bekamen eine kaum ausreichende mündliche Leistung zur Seite gestellt. Erst in der Oberstufe kam ich besser klar, denn dort musste ich nicht mehr nur stupide Sachverhalte und Vokabeln auswendig lernen, sondern durfte die Nachmittage mit Nachdenken über komplexe Dinge verbringen. Und wie froh war ich, dass sich das im Studium nicht änderte.

Danach

In den Jahren nach meiner Ausbildung habe ich immer wieder meine Stärke einsetzen können. Ich hatte (in Teilen) das Glück, dass meine Kunden und Vorgesetzten mehr von meinen Leistungen überzeugt waren, als von meinem mangelhaften extrovertierten Verhalten.

In vielen Bereichen scheint die Erwartung an eine Führungskraft extrovertiert geprägt zu sein. Der Chef als Anführer, der seine Untergebenen hinter sich schart. Der Vorgesetzte als Leuchtturm, als Orientierung und besseres Beispiel für seine Untergebenen. Das ist aber nur ein Modell.

Ein anderes Modell ist das der Führungskraft, welche die Mitarbeiter zu guten Leistungen befähigt. Nicht als Antreiber, sondern als jemand, der Leistungen möglich macht. Kein besseres Modell, nur ein weiteres. Eines in dem ich erfolgreich sein durfte.

Wenn ich mich nicht zu sehr irre, hatten viele Indianerstämme aus gutem Grund zwei Häuptlinge: einen für Friedenszeiten und einen, der im Kampf führte.

Heute

In der letzten Zeit ist mir bewusst geworden, dass meine Introversion meine eigentliche Stärke ist. Es ist kein persönlicher Defekt, keine Krankheit, sondern etwas (für mich) wertvolles. Ich suche Situationen, in denen ich mich nicht "verteidigen" muss, versuche Pausen ins Gespräch zu bringen.

Gleichzeitig merke ich, wie viele gesellschaftliche Situationen für extrovertierte Menschen ausgelegt sind. Damit meine ich zum Beispiel Besprechungen, in denen nur deshalb geredet wird, um die eigenen Position vermeintlich zu stärken. In Pausengesprächen werde ich immer komisch angesehen, weil ich wenig bis gar nichts sage. In seminaristischen Vorlesungen melden sich tendenziell wenig introvertierte Menschen zu Wort. Statt dessen überwiegen dünne Gedankenbretter.

Ich möchte keinen Gegensatz zwischen introvertierten und extrovertierten Menschen aufbauen, ganz im Gegenteil. Mich interessiert das fruchtbare Miteinander. Natürlich auch aus eigenem Interesse ;-)

Während introvertierte Menschen eher kleine Gruppen bevorzugen, scheinen sich extrovertierte Menschen eher in größeren Gruppen wohlfühlen. Damit habe ich keine Probleme. Es gibt aber Gruppengrößen, die für beide Typen ein guter Kompromiss sein können. In solchen Größen von 3-12 Menschen (vielleicht auch mehr, das hängt bestimmt von den Menschen ab) könnten beide Typen gut interagieren.

Wenn in einer solchen Gruppe einfach jeder redet, wann und wie er Lust hat, dann bleibe ich als Introvertierter eher ruhig. Also muss es "Regeln" geben, die von extrovertierten Menschen als nicht zu einschränkend empfunden werden dürfen. Wie können diese aussehen?

Eine reine Vorlesung, bei der nur einer redet, scheint für introvertierte Menschen angenehmer zu sein, als für extrovertierte. Bei Seminaren ist es vermutlich umgekehrt. Pausengespräche liegen eher extrovertierten Menschen. Bei Projektarbeiten können beide Typen ihre Stärken einbringen, sofern man sie lässt.

Unsere Gesellschaftsform scheint Extrovertierte zu bevorzugen. In den USA scheint dies noch weiter ausgeprägt sein. Schätzen andere Gesellschaften, z.B. die japanische, Introversion stärker, als wir es tun? Warum?

Als introvertierter Mensch sind mir viele dieser Mechanismen klar geworden, nicht nur aus eigener (leidvoller?) Erfahrung. Wie sehr möchten extrovertierte Menschen die Stärken der introvertierten nutzen? Sind sie um deren Stärken überhaupt bewusst? Es gibt viele Beispiele wenig verstandener introvertierter Menschen, auch in führenden Positionen.

Wie können Situationen aussehen, in denen beide Typen ihre jeweiligen Stärken einbringen können, ohne den anderen zu behindern?

Ideen?