Prof. Dr. Detlef Kreuz

Forschungs- und Fortbildungssemester

Seit heute bin ich im Forschungs- und Fortbildungssemester. Das Gesetz für die Hochschulen in Baden-Württemberg sieht nach §49(6) sieht ein solches Semester höchstens alle 9 Semester vor. Aktuell bin ich im 11. Semester an der Hochschule Heilbronn, also ist schon mal die wichtigste Formalität erfüllt.

Ohne meine Kollegen wäre so eine Freistellung nicht möglich. Ich danke deshalb allen Kollegen und Lehrbeauftragten, die in diesem Sommersemester die bisher von mir betreuten Veranstaltungen übernommen haben. Den Studierenden sei diese Abwechslung gegönnt.

Was habe ich in diesem Semester vor? Im Antrag für die Freistellung habe ich folgende Gebiete identifiziert:

  • Forschung im Bereich Software Engineering, Software-Entwicklung und Vorgehensmodelle,
  • Fortbildung in obigen Bereichen und zu neuen Lehr- und Lernformen.

Eher schwammig, nicht wahr?

Genau, ich habe zwar ein gutes Wissen in diesen Bereichen, bin aber inzwischen nicht mehr auf dem aktuellen Stand. Alles entwickelt sich mit rasender Geschwindigkeit weiter und bei meinen Ansprüchen an eine gute Lehre bleibt nicht viel Zeit. Genau dazu möchte ich das Semester nutzen: entscheiden, was für mich relevant und was nur interessant ist.

Das Ganze werde ich nicht theoretisch durchspielen, sondern mich dann auch gleich in die angewandte Forschung stürzen. Aktuell sehe ich einige Handlungsfelder für mich, aber das kann sich ändern:

  • Die Abhängigkeit vom Oligopol der IT-Dienstleister gibt mir einiges zu denken. Wie kann Demokratie gut funktionieren, wenn der einzelne seine Stimme nur dann erheben kann, wenn es zu den fragwürdigen Vorstellungen von Amazon, Apple, Facebook, Google & Co passt? Abgeleitet von dieser Idee überlege ich, wie eine (technische) Infrastruktur aussehen kann, in der Menschen öffentlich kommunizieren können, ohne auf eine bestimmte Infrastruktur angewiesen zu sein, allein auf Basis existierender Standards. Bei Mail klappt es doch auch (halbwegs), nur ist diese Kommunikationsform nicht öffentlich.
  • Die Bindung zwischen Arbeitnehmer und Unternehmen hat sich abgeschwächt. In vielen Branchen wird, teilweise aus guten Gründen, vermehrt auf externe Mitarbeiter gesetzt. Damit wird ein unternehmensinternes Wissensmanagement schwierig, wenn nicht unmöglich. Durch welche (technische) Infrastruktur könnte erreicht werden, dass zum einen das Unternehmen sein Wissen behält / erweitert, ohne dass die Arbeitnehmer / Externen ihr Wissen in die Datensilos des aktuellen Unternehmens werfen müssen?
  • Wie kann ich meine Lehrveranstaltungen so gestalten, dass die Studierenden mehr lernen? An den aktuellen Ansätzen, die Lehre mit IT-Infrastruktur zu koppeln, missfällt mir, dass die eher lernschwachen Studierenden durch das Raster fallen. Um z.B. mit Hilfe von irgendwelchen Online-Kursen zu lernen, muss ein Studierender erst mal wissen wie man lernt. Wie können also Lehr- und Lernformen aussehen, welche die Lernstarken fordern und die Lernschwachen stützen. BTW, gestern las ich, dass ich an meiner Hochschule nicht allein bin. Hier ein Beitrag eines Kollegen.
  • Das Spannungsfeld zwischen plangetriebenen und agilen Vorgehensmodellen, nicht nur bei IT-Projekten, beschäftigt mich. Vielleicht finde ich auch mehr Zeit an openPM mitzuarbeiten, denn immerhin bin ich dort Unterzeichner Nummer 42 und Beta-Tester der zweiten Stunde.

Diese Handlungsfelder überschneiden sich hier und da, sind aber für mich ein erster guter Plan für das Semester. Diesen werde ich in den ersten Wochen verfeinern.

Übrigens, auch mein kleines Raspberry Pi-Projekt gehört irgendwie dazu. Nicht nur, weil es für die Ausbildung unserer Studierenden nützlich sein kann, sondern auch als mögliche Komponente für die eine oder andere angesprochene Infrastruktur. Ich lasse mich überraschen.

Das Gesetz für die Hochschule in Baden-Württemberg sieht vor, dass ich den zuständigen Hochschulgremien abschließend berichten soll. Insbesondere soll ich der Hochschulleitung einen schriftlichen Bericht übergeben, so steht es in meinem Bewilligungsschreiben. Als Wirklich Fauler Mensch (WFM) probiere ich einfach mal, der Hochschulleitung die entsprechenden URLs zu senden, die sich auf diesen Seiten mit dem Forschungs- und Fortbildungssemester beschäftigen. Mal sehen, ob das im Web0.8-Ländle funktioniert. Zur Not drucke ich eben Teile des Internets aus.

Vielleicht komme ich endlich auch einmal dazu, so strukturiert wie einer meiner Helden zu arbeiten. Seine Produktivität bewundere ich. In diesem Sinne bitte ich um Verständnis, mein Mail-SLA in diesem Semester nicht einzuhalten. Eine Antwort kann schon mal eine Woche dauern. Ab Oktober gilt dann wieder die bisherige Regelung.