Prof. Dr. Detlef Kreuz

Email in der Konsole

Wer einmal produktiv auf der Konsole (für Muggels: Eingabeaufforderung) gearbeitet hat kennt das Gefühl. Die Maus fühlt sich so fremd an. Die Hände möchten gar nicht von der Tastatur weg. Die Finger scheinen ein Gedächtnis für die richtigen Tasten zu besitzen. Texte werden konstruiert, nicht mehr nur geschrieben.

Selbst eingefleischte Mausschupser genießen beim Schreiben die Vorteile der Tastatur und nutzen Software, wie WriteRoom, FocusWriter oder Ommwriter. Schreiben ohne Ablenkung. Auf das wesentliche konzentriert.

Bei üblichen Mailprogrammen (genauer: Mail-Clients, oder auch: MUA) geht das konzentrierte Schreiben nicht so einfach. Outlook ist einfach überfrachtet, Thunderbird bedienungsunfreundlich und von Apple Mail möchte ich gar nicht reden. Bei allen diesen Programmen muss ich zur Bearbeitung von Mails zig-mal zur Maus greifen, mühselig herumsuchen und an die richtige Stelle klicken. Wenn ich denn richtig treffe.

Jedes Programm besitzt für viele Aktionen zwar Tastaturkürzel, aber die merke ich mir nicht wirklich. Meine Beschäftigungsstelle setzt auf Outlook / Exchange (warum eigentlich?), für meinen "privaten" Mailaccount habe ich dank IMAP mehr oder minder freie Auswahl. Aber eben nicht Outlook. Also müsste ich mir die Kürzel mindestens zweier Programme merken. Ich stopfe meinen Kopf lieber mit wichtigen Dingen voll und lasse das Gedächtnis meiner Finger die manuelle Arbeit erledigen.

Zum Glück gibt es für die Konsole einige MUAs. Doch welchen nehmen?

Mutt scheint eher kompliziert zu konfigurieren sein. Cone müsste ich auf OSX portieren (gut, ich will sowieso von OSX weg...), Gnus ist nur etwas für die Nutzer von Emacs, Heirloom Mailx ist selbst mir zu spartanisch. Bleibt noch Alpine. Angeblich hat der Autor eines beliebten Betriebssystems dieses Programm für einige Zeit benutzt. Wenn das kein Grund ist.

Alpine scheint eine attraktive Lösung für mein Problem zu sein:

  • Läuft in der Konsole.
  • Sehr guter IMAP-Support.
  • Kann UTF-8.
  • Vernünftige Unterstützung für reine HTML-Mails (im Web-0.8-Neuland recht häufig).
  • Sinnvolle Standardkonfiguration.
  • Lässt sich vielfältig konfigurieren.
  • Ist auf den für mich relevanten Plattformen verfügbar (OSX, Linux).
  • Wird vom Rechenzentrum meiner Hochschule geduldet.

Die Installation ist unter OSX recht einfach (brew install alpine). Unter Linux sowieso (z.B. pacman -S alpine). Ein wenig sollte man das Benutzerhandbuch durchlesen, um zu verstehen, wie man mehr als einen Mailaccount einrichtet.

Nach kurzer Zeit konnte ich auf meine diversen Mailaccounts lesend zugreifen. Senden ging auch, teilweise. Problem war, wieder einmal, die Integration mit dem Exchange der Hochschule. Die angegebenen Informationen sind wohl doch nicht so korrekt. Aber jemand aus dem Rechenzentrum gab mir einen Tipp, wie ich mich an den offiziellen System vorbeimogeln kann.

Ach, war das schön! Endlich alles mit der Tastatur bedienen zu können!

Alpine bietet zudem eine Art Menüsystem an, so dass die Bedienung über Tastaturkürzel erfolgt, aber gleichzeitig angezeigt wird, welche Befehle aktuell möglich sind. Nach kurzer Zeit hatten meine Finger die notwendigen Tastenkombinationen verinnerlicht.

Alles gut?

Leider nicht.

So nett Alpine für viele Anwendungsfälle sein mag, meine trifft es nicht ganz:

  • Ich muss den Alpine-eigenen Editor zum Erstellen von Mails neu lernen. Ich könnte zwar Vim konfigurieren, aber dabei gehen einige Vorteile von Alpine verloren.
  • Die Integration von Adressbüchern nicht ganz einfach bis unmöglich. Einen eigenen LDAP-Server möchte ich nicht auch noch betreiben.
  • Der symbolische Link auf die Konfigurationsdatei wird bei Änderungen vom Inhalt der Konfigurationsdatei überschrieben. Das macht es schwerer, eine Konfiguration für mehrere Rechner zu verwalten.
  • Mailaccounts lassen sich nicht einfach temporär deaktivieren.

Während die ersten Punkte nur mehr oder minder den Komfort einschränken, ist der letzte Punkt für mich gravierend. Zum einen implementiere ich gerade einen eigenen Mailservice, den ich mit Alpine testen möchte. Aktuell mag eine separate Konfigurationsdatei ausreichen, aber nicht mehr lange.

Zum anderen ist der IMAP-Support für den Exchange-Server der Hochschule etwas, na ja, dürftig realisiert. Es kommt immer mal wieder vor, dass halb- oder ganztagelang kein Zugriff möglich ist. Bis Alpine das per Timeout merkt, vergehen manchmal mehr als 10 Minuten. Der Timeout beginnt manchmal bei jedem Tastendruck von vorne. Sehr unpraktisch und von Produktivität keine Spur.

Immerhin hat mir mein Experiment mit Alpine gezeigt, dass ein Mailprogramm in der Konsole bei mir die Produktivität und Zufriedenheit steigern kann. (Vorausgesetzt, alles läuft soweit gut.)

Also muss ich mindestens einen weiteren Versuch starten. Der nächste Kandidat ist Mutt. Dazu ein andern Mal mehr.