Prof. Dr. Detlef Stern

Warum die Klausur als Prüfungsform mittelfristig tot ist

Die schriftliche Überprüfung des Gelernten ist der (fragwürdige) Höhepunkt eines Lernintervalls. Der Schüler, Studierende, Lernende soll dem Prüfer zeigen, was sie oder er gelernt hat. In der Praxis führt das nur dazu, dass Prüflinge zeigen, was sie vom Lernen in der letzten Zeit behalten haben. Viele sprechen vom Bulimie-Lernen: Stoff reinwürgen, Klausur schreiben, Stoff auskotzen.

Aus der Sicht der Prüfenden ist eine Klausur als Prüfungsform angenehm. Sie lässt sich auf beliebig viele Prüflinge skalieren und ist damit gut für größere Veranstaltungen geeignet. Darüber hinaus erlaubt eine Klausur eine objektivere Bewertung. Durch geeignete Maßnahmen (u.a. Verzicht auf Angabe des Namens der Prüflinge) erreicht man, die Identität der zu prüfenden Person gut zu verschleiern. Die Bewertung selbst erfolgt zudem zeitlich unabhängig von den Äußerungen des Prüflings. Bei einer mündlichen Prüfung schwingen immer Aspekte, wie Sympathie/Antipathie/persönliches Kennen, mit.

Auch seitens der Verwaltung sind Klausuren bequem. Die Organisation der Prüfungen ist relativ einfach, z.B. durch festgelegte Prüfungszeiträume. Alles ist fein nach den Prüfungen getaktet.

Datenbrillen

Aber mit all dem wird bald Schluss sein. Der Grund ist einfach: Google Glass und ähnliche Produkte. Ich möchte hier nicht auf Aspekte, wie Privatsphäre, Cyborgdasein, ..., eingehen. Mir geht es hier nur um die Auswirkungen auf Prüfungen und damit auf die Lehre.

Auch wenn sich solche "Datenbrillen" technisch kaum von Smartphones unterscheiden, so bringen sie doch eine ganz andere Qualität mit. Die Benutzung eines Smartphones kann ein Prüfer verbieten, die Benutzung einer Datenbrille nicht. Zumindest nicht mittelfristig.

Worin besteht der Mehrwert einer Datenbrille? Ein Beispiel: der Prüfling setzt sich in den Prüfungsraum und schaut sich (mit seiner Datenbrille) die Klausuraufgaben an. Ein Freund/Freundin sitzt zu Hause und sieht sich über die eigene Datenbrille die Klausuraufgaben des Prüflings an. Freund/Freundin schreibt die Lösung auf ein Blatt Papier, der Prüfling schreibt in aller Ruhe ab. Mit einem Smartphone geht das so nicht.

Warum muss es der Freund oder die Freundin sein? Der Prüfling könnte sich alternativ an einen "Dienstleister" wenden. Damit entsteht ein fragwürdiger Markt von Ghostwritern für Klausuren.

Das ist ferne Zukunft? Überhaupt nicht.

Nahe Zukunft

Ende 2013 werden die ersten Brillen auch für Normalsterbliche ausgeliefert. Diese sind noch einfach zu erkennen. Aber was ist in 2-5 Jahren? Dann werden diese "Brillen" bei jedem Optiker erhältlich sein und sich von normalen Brillen nicht mehr unterscheiden.

Was macht dann ein Prüfer, wenn ein kurzsichtiger Prüfling in seine Prüfung kommt, eine Datenbrille trägt und so eine Klausur schreiben möchte? Wenn er seine Brille abnimmt, kann er nichts mehr sehen. Bietet dafür die Hochschule CPU-freie Normalbrillen an? Wohl kaum. Kann man von jemanden verlangen, eine Normalbrille selbst zu beschaffen? Auch eher nicht. Werden die Prüfungsräume elektronisch abgeschirmt, damit keine Signale mehr übertragen werden? Ebenfalls nicht (die Hochschulmitarbeiter im Raum nebenan würden sich freuen).

Seitens der Prüfer wird man den technischen Wettlauf nicht gewinnen. Was ist in 10-15 Jahren? Spätestens dann braucht man keine Datenbrillen mehr. Man klemmt sich kleine Nano-Rechner an den Sehnerv. Gleicher Effekt, nur nicht mehr von außen zu erkennen.

Und sage keiner, man könnte solche technischen Neuerungen verbieten. Sie sind in der Welt und werden, bei allen Bedenken, von einer großen Anzahl Menschen genutzt werden. Das ist die gleiche Entwicklung, die es z.B. schon bei den Gentests gab und gibt: gesellschaftlich und ethisch durchaus fragwürdig. Aber fragen Sie mal Eltern, die ein Risiko für das ungeborene Kind wittern.

Konsequenzen

In der Konsequenz müssen alle mittelfristig auf schriftliche Prüfungen verzichten. Einfache technische Mittel, wie diese Datenbrillen, lassen deren Sinn noch fragwürdiger erscheinen. Was bleibt, sind mündliche Prüfungen und (begleitende) Prüfungen durch praktische Arbeit.

Die Konsequenzen sind gar nicht mal so schlimm. Es kann hart sein, für eine Veranstaltung mit weit über 200 Teilnehmern mündliche Prüfungen anbieten zu müssen. Aber warum bietet man solche Massenveranstaltungen überhaupt an? Es gibt doch inzwischen andere Veranstaltungsformen, die mehr auf die Interaktivität zwischen Lehrer und Lernenden setzen. Natürlich muss man entweder mehr Geld aufbringen, um das zahlenmäßige Verhältnis endlich wieder zu normalisieren, oder man führt Zulassungsbeschränkungen ein. Beides wird die Diskussion befruchten.

Die Verwaltung muss sich umstellen. Auch das wäre produktiv. Schon jetzt enden nicht alle Lehrveranstaltungen mit einer schriftlichen Prüfung. Zur Zeit werden aber häufig nur Klausuren als Prüfungsform unterstützt. Für Projektstudien und Seminararbeiten müssen sich Prüfer juristische Hilfskonstrukte basteln, damit die Teilnehmer die veranstaltungsbegleitende Prüfung nicht ohne Konsequenzen abbrechen. Wäre doch für alle Beteiligten schön, wenn dort etwas mehr Einfachheit herrschen würde. Die Organisation von Prüfungen ohne expliziten Prüfungszeitraum mag etwas komplexer sein. Aber wozu gibt es IT-Systeme?

Nicht zuletzt müssen die Lernenden auch Konsequenzen aus dieser Entwicklung ziehen. Das Bulimie-Lernen ist dann nicht mehr nötig. Vielmehr muss während der Lernphase wirklich gelernt werden. Vielleicht sollte es zum Ausgleich mehr als ein oder zwei Urlaubssemester geben. In der Schule wird es wieder mehr unangekündigte Tests geben.

Fazit

Datenbrillen, wie z.B. Google Glass, werden die Klausur als Prüfungsform ad absurdum führen. Das gilt übrigens für alle Prüfungen, bei denen der Prüfling allein gelassen Aufgaben bearbeiten muss.

Auf diese Entwicklung kann man entweder aktiv reagieren und das Angebot an Lehr- und Prüfungsformen verbessern. Oder, man tut überrascht, wenn die Entwicklung einen überrollt.

Ich bin für die erste Alternative, auch wenn wir dafür nur wenige Jahre Zeit haben.