Prof. Dr. Detlef Stern

Schuluniformen für Abschlussarbeiten

Ich habe zwei Diplomarbeiten zur Begutachtung auf dem Schreibtisch. Die eine Arbeit wurde de facto im Copyshop vervielfältigt und dort auch gebunden. Als "Ausstattung" besteht die erste Seite aus Klarsichtfolie, die letzte Seite ist verstärkte Pappe. Kosten ca. 10 Euro.

Die andere Arbeit wurde offenbar von einem Buchbinder hergestellt. Festes Papier, Farbdruck, dicker Buchdeckel mit goldener Prägung und einem Bändsel als eingebautes Lesezeichen. Kosten ca. 50 Euro.

Was wollen mir beide Studenten damit (indirekt) sagen? Sagt mir Student #2, dass seine Arbeit besonders wertvoll ist? Was hält dann Student #1 von seiner Arbeit? Ich kann das nicht beurteilen.

Aber der relative Trend zu einer besonderen äußeren Form der Abschlussarbeit ist schon interessant. Ich kann nicht ausschließen, dass sich der eine oder andere Gutachter von der äußeren Form beeinflussen lässt. Aber kommt es darauf wirklich an?

Mir als Gutachter ist es wichtig, dass ich den Inhalt einer Arbeit beurteilen kann. Dazu muss ich diesen gut erfassen können. Ich möchte dort einfach mit einem Bleistift Randbemerkungen machen. Zig Seiten Quellcode schaue ich mir ohnehin lieber als Datei an. Oder, noch besser, live im Debugger.

Dafür brauche ich keine Goldprägung und 120g-Papier. Normales Papier reicht völlig. Ich kritzel dort sowieso herum. Ganz toll ist es auch, wenn der Seitenrand etwa 3-5 cm breit ist und der Zeilenabstand genügend Platz für Bemerkungen lässt.

Noch wichtiger ist natürlich ein Inhalt, der die Anforderungen an die Abschlussarbeit ausgezeichnet erfüllt. Angemessenes Thema, nachvollziehbares Vorgehen, Verwendung der wirklich relevanten Quellen, gute Strukturierung, ordentliche Querverweise und Quellenangaben. Das sind Punkte, die eine gute Abschlussarbeit auszeichnen.

Was das mit Schuluniformen zu tun hat? Soviel, wie Kleidung von Tommy Hilfiger oder von Kik mit den Qualitäten eines Schülers zu tun hat.

Aber ein eingebautes Lesezeichen ist trotzdem etwas feines.