Prof. Dr. Detlef Kreuz

Was kommt in der Klausur dran?

Methoden mag es eine Million geben oder noch mehr, aber Prinzipien gibt es nur wenige. Wer Prinzipien begreift, kann mit Erfolg seine eigenen Methoden auswählen. Wer Methoden ausprobiert und Prinzipien ignoriert, wird ohne Zweifel Probleme bekommen. (Ralph Waldo Emerson)

Dies ist eine beliebte Frage in und vor der Prüfungszeit. Obiges Zitat beantwortet zu einem großen Teil diese Frage, ist aber für den einen oder die andere etwas abstrakt.

Erst einmal, die Hochschule sollte kein Ort mehr sein, an dem Informationen in großem Stil auswendig gelernt werden müssen. Vielleicht mag dies für den einen oder anderen Studiengang noch gelten, wie z.B. Jura. Aber letzten Endes sollen Sie an einer Hochschule lernen, wie man (wissenschaftlich) denkt und wie Sie Ihr Wissen selbständig und nachhaltig erweitern. Sie müssen eine gewisse Intuition für Ihr Arbeitsgebiet entwickeln, wollen Sie später erfolgreich sein. Das geht nicht über reines Auswendiglernen.

Beachten Sie auch die Halbwertszeit von Wissen, besonders in der Informatik. Nach ca. 2 Jahren ist die Hälfte Ihres Produktwissens nichts mehr wert. Sprich, alles was Sie heute auswendig lernen, ist nach Ende Ihres Studiums weniger als die Hälfte wert. Übrigens, Konzeptwissen hat in der Informatik eine Halbwertszeit von ca. 10 Jahren.

Doch zurück zur Ausgangsfrage: was kommt in der Klausur dran?

Diese Frage zielt in mehrere Richtungen.

  1. Welchen Inhalt frage ich ab? Da ist die Antwort einfach: alles, was in den Präsenzveranstaltungen, Vorlesungen, Übungen, ... vorgestellt bzw. besprochen wurde. Es gibt keinen spezifischen Schwerpunkt, für den Sie sich besonders vorbereiten müssen.
  2. Wie vergebe ich Punkte? Auch da mag ich es einfach: für jede Aufgabe schätze ich, wie viele Minuten Sie für die Lösung/Antwort benötigen würden. Genauso viele Punkte gibt es. Sprich, bei einer Klausur über 120 Minuten gibt es maximal 120 Punkte. Ihre Lösung/Antwort für eine bestimmte Aufgabe bewerte ich mit einer Genauigkeit von 0,5 Punkten. Bei mir gibt es keine Viertel-, Achtel- oder Zehntelpunkte. Da bin ich dann doch auch Ingenieur: "Wer viel misst, misst Mist".
  3. Wie bewerte ich Ihre Antworten? Ich habe zwar Musterlösungen, aber ich prüfe Ihre Antworten immer dahingehend, ob diese zur Aufgabenstellung passen. In dubio pro reo. Die deutsche Sprache ist nämlich so schön mehrdeutig und ich möchte nicht ausschließen, dass ich mich bei einer Aufgabenstellung sprachlich vergaloppiere. Errare humanum est.
  4. Welche Note können Sie im Durchschnitt erwarten? Auch einfach, eine 3,0. Das ist die Definition der Note 3,0: durchschnittlich. Genauer: bei einer Gruppe von durchschnittlich befähigten “Prüflingen” ist die Durchschnittsnote eine 3,0. Aber Sie wollen doch besser sein, als der Durchschnitt, oder?
  5. Was für Arten von Aufgaben stelle ich? Das ist jetzt nicht ganz so einfach zu beschreiben. Zunächst einmal nehme ich für mich nicht in Anspruch, dass die von mir geprüften Fächer die allein glückselig machenden Fächer sind. Einige von ihnen möchten sich in diesen Fächern weiter spezialisieren. Andere wollen die Klausur nur bestehen, weil sie andere Schwerpunkte setzen. Die letzteren möchte ich nicht zu ihrem Glück zwingen. Für das Bestehen einer Klausur ist eine 4,0 nötig, d.h. Sie müssen die Hälfte der maximalen Punkte erreichen. Zum Beispiel also in einer Klausur über 120 Minuten müssen Sie 60 Punkte schaffen. Die können Sie erreichen, wenn Sie die Inhalte der Folienkopien, Übungen, Zwischentests und meiner mündlichen Anmerkungen auswendig lernen (deshalb ist es eine gute Idee, in der Vorlesungszeit immer etwas zum Schreiben dabei zu haben). Aber etwas besseres als eine 4,0 gibt es dann auch nicht! Wenn Sie mehr als die Note 4,0 anstreben, müssen Sie Aufgaben bearbeiten, die ein gewisses inhaltliches Verständnis für das geprüfte Fach voraussetzen. Zum Beispiel müssen Sie in der Lage sein, aus einer Aufgabenstellung heraus einen Algorithmus zu entwerfen ("Programmierung 1 / 2"), Teile eines Projektplans zu verfassen ("Projektmanagement 1"), den Sinn oder Unsinn bestimmter Entwurfsmuster zu begründen ("Software Engineering") oder Einsatzstrategien für Anwendungssysteme zu entwickeln ("E-Business Applications"). Dafür gibt es dann die andere Hälfte der zu erreichenden Punkte. Diese Aufgaben sind meistens nach Schweregrad für die zu erreichende Note gestaffelt. Sie streben mehr als eine Note 4,0 an, können aber nicht so gut auswendig lernen? Da haben Sie mein vollstes Mitgefühl! Mir ging und geht es genauso. Dafür gibt es die erlaubten Hilfsmittel, namentlich den Spickzettel. Ach ja, eine Frage wird es in so gut wie jeder Klausur geben: die "Sternchenfrage". Das ist eine Frage, die auch fachlich unbelastete Personen beantworten können. Getestet in meinem direkten, persönlichen Umfeld ;-)

So, ich hoffe wir können in den Fragestunden diese formalen Dinge beiseite lassen und uns auf inhaltliche Aspekte konzentrieren.

Im Übrigen bin ich sowieso für mündliche Prüfungen, bei Kaffee und Kuchen.

Update 10.12.2010: Single-/Multiple-Choice-Aufgaben sind inzwischen durch die Prüfungsordnung erlaubt. Daher setze ich diese auch ein, denn sie haben nicht nur wegen des geringeren Korrekturaufwandes ihre Berechtigung.

Update 25.7.2015: Von einer durchschnittlichen Note zu sprechen ist wenig sinnvoll. Siehe dazu Durchschnittsnote. Präziser: Sofern Ihre Leistungen den durchschnittlichen Anforderungen entsprechen, erhalten Sie die Note 3,0.